Archivierter Artikel vom 27.11.2014, 18:12 Uhr

Kommentar: Der Markt weist Google bereits heute in die Schranken

Das EU-Parlament fordert eine faire Suchmaschine, die Konkurrenten nicht ausgesperrt, „frei von Verzerrungen und transparent“ arbeitet. Sonst droht die Entflechtung der vielen Google-Dienste. Doch das geht zu weit.

Jochen Magnus kommentiert.
Jochen Magnus kommentiert.

Jochen Magnus zur „Entflechtung“ von Google

Wenn Daten wirklich das Öl der Zukunft sind – wie es heißt – also Treibstoff der modernen Wirtschaft, dann liegt ein Vergleich mit dem berühmtesten Monopolisten der Geschichte, mit John D. Rockefellers „Standard Oil“, nahe: 30 Jahre lang hatten sich US-Gerichte und -Regierung abgemüht, den mit rabiaten und teilweise kriminellen Methoden arbeitenden Konzern in 34 Einzelunternehmen zu zerschlagen (was Rockefeller noch reicher machte).

Aber Google ist nicht Standard Oil und seinen Gründern Sergey Brin und Larry Page wurden auch noch nie kriminelle Machenschaften zur Last gelegt. Die beiden treten nicht einmal als rabiate Geschäftsmänner auf, sondern eher als sanfte Missionare einer neuen, total vernetzten Zukunft. Ihren Verdienst, den Menschen weltweit Zugang zu Informationen zu geben, von denen man früher nicht zu träumen wagte, macht ihnen niemand streitig.

Google verspürt Gegenwind

Doch bei Anti-Monopolgesetzen geht nicht um guten Willen, sondern darum, einen funktionierenden Markt zu erhalten oder wiederzuerlangen. Die Fakten: Obwohl Google bei den Suchmaschinen-Anfragen in Europa mit über 90 Prozent dominiert, wirken bereits Marktkräfte gegen den Konzern: Statt am PC zu surfen, nutzen immer mehr Menschen ihre mobilen Geräte, um an Informationen zu gelangen; hier dominieren aber autarke Apps und nicht Webseiten, bei denen Google seine Stärke hat. Besonders deutlich wird das bei der Nutzung sozialer Netzwerke: Facebook ist der Globalmatador, der Google nicht braucht und zu dem Google trotz teurer Experimente nicht aufschließen konnte.

Aber auch auf der „klassischen“ Route über Webseiten werden Google inzwischen Steine in den Weg gelegt: So wird der populäre „Firefox“-Browser künftig Yahoo statt Google als Suchmaschine anbieten. Auch Apple wandelt auf Abwegen: Eigene digitale Landkarten hatte sich die reichste Firma der Welt bereits vor zwei Jahren gegönnt – auf Kosten von Google Maps. Jetzt plant man offenbar auch, eine andere Suchmaschine einzubinden. Apropos Apple: Mit Android, dem kostenlosen Betriebssystem für Mobilgeräte, hat Google verhindert, dass Apple in diesem Segment Monopolist wurde. Stattdessen gibt es auf dem wichtigen Kleincomputermarkt heute einen gesunden Wettbewerb.

Suchergebnisse „frei von Verzerrungen und transparent“ sind dennoch eine berechtigte Forderung. Falls die zuständige EU-Kommissarin feststellt, dass Google ihr nicht nachkommt, sollte sie die Fairness erzwingen. Aber eine “Entflechtung„ geht zu weit, weil schon jetzt der Markt ausreichend Gegenkräfte entwickelt: Wer erinnert sich noch an Microsofts früheres “Browsermonopol"?

Ein (finanziell) lohnenderes Ziel für die Europapolitik…

Ein lohnenderes Feld bietet sich Europapolitikern bei der Verstopfung von Steuer-Schlupflöchern für Konzerne. Google entzieht den EU-Bürgern in Irland, Apple und Amazon in Luxemburg auf leider legale Art und Weise Milliarden Euro Steuergelder. Ob die EU-Kommission das wohl „frei von Verzerrungen und transparent“ bekämpfen kann, wo doch ihr neuer Chef an der Steueroase Luxemburg maßgeblich mitgebaut hat?