Archivierter Artikel vom 19.11.2015, 19:48 Uhr

Kommentar: Den Kindern den Terror erklären (mit Video)

Heute Abend vor einer Woche wurden wir alle aus unserem Alltag gerissen. Fassungslos verfolgten wir die Liveberichte in Fernsehen, Radio und Internet, versuchten auch durch die nachfolgenden Zeitungsberichte zu verstehen, was die bestialischen Terroranschläge in Paris für unser ganz persönliches Leben bedeuten. Für unseren Besuch im Fußballstadion. Für unseren Frankreich-Urlaub. Für das Ausmaß der Bedrohung in Europa, in Deutschland, in unserer Stadt. In Familien war die Neigung groß, vor allem die kleinen Kinder vor den schrecklichen Bildern und apokalyptischen Gedanken zu schützen. Wie auch soll man einfach erklären, was mit dem Wort „unbegreiflich“ verbunden ist?

Gregor Mayntz und das Reden über die Bilder des Terrors

Und doch: Es geht. Und es muss sogar sein. Die Natur hat es so angelegt, dass es viele Jahre dauert, bis Menschen auf eigenen Beinen stehen und die beste Reaktion auf Gefahrensituationen einschätzen können. Selbst der Säugling merkt genau, wenn Mama nervös ist. Und das Kleinkind bekommt es mit der Angst zu tun, wenn die Eltern bestürzt sind und nicht klar machen, worüber. Leicht kann das zu Selbstzweifeln führen. Zu Panik, also zum Gegenteil dessen, was die Eltern mit dem Schutz des Verschweigens bewirken wollten.

„Die haben Pistolen, aber wir haben Blumen“

Ein junger französischer Vater hat es am Rande des Gedenkens an die Opfer mit seinem kleinen Sohn vor laufender Kamera eindrucksvoll gezeigt. “Das sind sehr, sehr böse Leute. Und Bösewichter sind nicht nett„, erzählte der Kleine – und wurde dann betrübt, weil er fürchtete, wegziehen zu müssen. Der Trost des Vaters überzeugte ihn zunächst nicht: “Aber die Bösewichte haben Pistolen, die können uns erschießen.„ Was sein Vater darauf erwiderte, verstörte ihn noch mehr. “Die haben Pistolen, aber wir haben Blumen.„ Nachdem der Vater dann auf die vielen, vielen Menschen gezeigt hatte, die Blumen niederlegten und Kerzen zum Gedenken an die Verstorbenen anzündeten, war gut zu verfolgen, wie es in dem Kind arbeitete. Dann sagte er dem Reporter: “Die Blumen und Kerzen sind dazu da, uns zu beschützen.„ Und auf Nachfrage bekannte er: “Ja, jetzt geht’s mir besser."

Gregor Mayntz
Gregor Mayntz
Foto: RZ-Archiv

Binnen kürzester Zeit schauten sich Millionen Menschen diese Szene im Internet an. Darunter sicherlich auch viele Eltern, die sich fragten, ob die Blumen-und-Kerzen-Antwort auf den islamistischen Terror ihre eigenen Kinder auch zufriedenstellen wird. Vermutlich nicht. Denn jedes Kind braucht eigene Antworten, verständliche Beispiele aus seinem eigenen Alltag – und mit zunehmendem Alter auch wieder neue und umfassendere Erklärungen. Und es wird immer wieder nachfragen, was ihm wichtig ist, was es aufschnappt. Was andere Kinder von ihren Eltern transportieren.

Das kann kompliziert und schwierig werden. Doch den Vorsatz, mit jedem Kind auch über so schwierige Themen wie Krieg und Tod, Terrorfurcht und Massenmord zu sprechen, sollten Eltern nie aufgeben.