Archivierter Artikel vom 23.10.2020, 18:33 Uhr

Kommentar: Das Coronavirus ist Trumps größter Gegner

Die Bedeutung von TV-Duellen für den Ausgang von US-Präsidentschaftswahlen wird oft überschätzt. Es muss schon einen groben Patzer geben, damit ein solcher Schlagabtausch noch wahlentscheidend sein kann. Davon kann bei beiden TV-Duellen zwischen Donald Trump und Joe Biden nicht die Rede sein.

RZ-Redakteur Christian Kunst
RZ-Redakteur Christian Kunst
Foto: Jens Weber

Christian Kunst zum TV-Duell zwischen Trump und Biden

Erschwerend kommt hinzu, dass bereits mehr als 50 Millionen Amerikaner ihre Stimme abgegeben haben und dass viele weitere Wähler sich längst entschieden haben. Besonders für den in Umfragen klar zurückliegenden Amtsinhaber engt das die Chance, jetzt noch einen Stimmungsumschwung herbeizuführen, erheblich ein. Obwohl er sich in seinem Ton im Vergleich zum ersten Duell – wohl auf Drängen seiner Berater – deutlich gemäßigt hat, konnte Trump Biden nicht entscheidend in die Defensive bringen. Der Demokrat scheint derzeit in der komfortablen Lage zu sein, als nicht geliebter, aber in breiten Kreisen konsensfähiger Anti-Trump einfach nur darauf achten zu müssen, keine Angriffsflächen zu bieten. Das ist Biden erneut gelungen.

Doch dieses TV-Duell könnte für Trump noch weiteren Schaden angerichtet haben: bei den so wichtigen, wenigen Wechselwählern in den Vororten großer US-Städte, die sich oft erst sehr kurzfristig vor der Abstimmung entscheiden. Während der deutlich sachlicher geführten Debatte wurde deutlich, dass Trump in der alternativen Welt, die er und seine treuesten Anhänger selbst konstruiert haben, eines nicht ausblenden kann: die harten Fakten der Corona-Krise. Zwar hat er versucht, den Wechselwählern einen optimistischen Blick in eine baldige Post-Corona-Zeit zu öffnen. Allein, Trump fehlt ein glaubhafter Plan, der über bloße Versprechungen hinausgeht.

In dieser Krise geht es zwar in ganz erheblichem Maße um Emotionen, deren Klaviatur Trump bestens beherrscht. Doch immer mehr Bürgern aus den für Trump so wichtigen Schichten dämmert, dass es in der Pandemie vor allem einen kühlen Kopf braucht. Nur so lässt sich verhindern, lautet Bidens bestechende Logik, dass in einer Familie der Stuhl des Großvaters plötzlich leer ist, dass jemand stirbt, weil er nicht ausreichend krankenversichert ist, oder dass eine Familie wegen Corona ins finanzielle Nichts stürzt. Trump hat keine Antworten auf diese Ängste. Schlimmer noch: Er hat diese Ängste durch seine Politik zu verantworten. Sollte Trump die Wahl verlieren, dann hat ihn vor allem eines geschlagen: das Coronavirus.