Archivierter Artikel vom 22.11.2015, 20:29 Uhr

Kommentar: Brüssel ist eine Lehrstunde für Geheim- und Sicherheitsdienste

An diesem Wochenende hat der Terror Brüssel getroffen. Es war kein Anschlag nötig. Die Angst grassierte und eskalierte weit genug, um eine Millionenstadt stillstehen zu lassen. Man kann trefflich darüber streiten, ob zu viel Vorsicht nicht letztlich das Werk derer erledigt, die unsere Gesellschaft zerstören wollen. Doch das ist für jeden, der weiß, wie es sich anfühlt, wenn man auf die Straße geht und nicht sicher sein kann, ob man unversehrt wieder nach Hause kommt, eine falsche Frage. Wenn der Quasi-Ausnahmezustand in dieser und jeder anderen Stadt beendet ist, wird man fragen: Wurde jemand verletzt oder sogar getötet? Solange die Antwort „Nein“ heißt, haben die Behörden vielleicht nicht alles, aber ganz sicher sehr viel richtig gemacht. Eine Shoppingtour oder ein Fußballspiel kann man wiederholen, ein Leben nicht.

Detlef Drewes
Detlef Drewes.
Foto: privat

Detlef Drewes zum erhöhten Terroralarm in Belgien

Brüssel musste reagieren. Für das Aufarbeiten der zurückliegenden Fehler, die misslungene Integration und den laschen Umgang mit Extremisten bleibt im Augenblick keine Zeit. Das muss nachgeholt werden. Doch an diesem Wochenende ging es nur darum, die Menschen so gut wie eben möglich zu schützen. Wenn das gelungen ist, wurde alles richtig gemacht. Das zählt. Die Lehren gehen sehr viel weiter. Sie berühren nicht nur das Selbstverständnis eines in sich zerrissenen Landes, das in dem verzweifelten Versuch, unterschiedliche Bevölkerungsteile zusammenzuhalten, einen ineffizienten Dschungel an kommunalen Zuständigkeiten produziert und einen wehrhaften Staat geschwächt hat. Wenn allein in Brüssel sechs verschiedene Polizeidirektionen 19 Gemeindebürgermeistern unterstehen, kann keine koordinierte Terrorabwehr funktionieren. Eine Landesregierung, der die Regionen bis zur inneren Sicherheit alle möglichen Kompetenzen abgerungen haben, vermag sich nicht zu wehren.

Brüssel zeigt wie im Brennglas, was dabei herauskommt, wenn man Kräfte nicht bündelt, sondern zersplittert. Das ist eine Lehrstunde auch für Europa, wo die Geheimdienste und Sicherheitsbehörden ebenfalls so tun, als würden unsere Feinde Grenzen beachten. Der Zynismus, mit dem der gesuchte Topterrorist Salah Abdeslam sich mit seiner Bewegungsfreiheit in dieser EU brüsten konnte, bedeutet einen Schlag ins Gesicht für alle, die glauben, Sicherheit ließe sich besser allein schaffen. Belgien, seine Nachbarn, Europa – sie alle haben noch viel aufzuarbeiten. Doch an diesem Wochenende zählte erst einmal nur, dass nichts passierte.

E-Mail: detlef.drewes@rhein-zeitung.net