Archivierter Artikel vom 12.03.2020, 22:09 Uhr

Könnte Gesundheitssystem kollabieren? So wichtig ist der Faktor Zeit in der Corona-Krise

Um die drastischen Maßnahmen gegen die ungebremste Ausbreitung des Coronavirus zu verstehen, hilft eine alte Legende. Auch Kanzlerin Angela Merkel sagt, es geht „um das Gewinnen von Zeit."

Von Christian Kunst/Martin Oversohl
Wie gut ist Deutschland auf die Corona-Krise vorbereitet?
Wie gut ist Deutschland auf die Corona-Krise vorbereitet?
Foto: picture alliance/dpa

Die Legende geht so: Demnach durfte sich der mutmaßliche Erfinder des Strategiespiels Schach von seinem Herrscher einen Lohn wünschen. Er ließ die 64 Felder des Bretts mit Reiskörnern belegen. Auf das erste Feld sollte ein Korn kommen, dann immer doppelt so viele auf jedes nächste. Das Ergebnis dürfte der Herrscher des Reichs damals unterschätzt haben: Auf dem letzten Feld hätten mehr als 18 Trillionen Reiskörner platziert werden müssen. Bei der Coronavirus-Pandemie fürchten Experten, dass die Zahl der Infektionen ähnlich rasant steigen könnte. Daher sei es wichtig, den Anstieg mit Einschränkungen wie dem Verbot von Großveranstaltungen, dem Ausschluss von Fans aus Fußballstadien und Schulschließungen zu drosseln.

„Da geht es um nichts anderes als um die Gefahr eines exponentiellen Wachstums“, erklärt Julien Riou, Epidemiologe der Uni Bern. Dabei entwickelt sich eine Epidemie nicht linear, die Zahl der Fälle wächst also nicht gleichbleibend in einem bestimmten Zeitraum. Das ist ein häufiges Muster bei Epidemien, sagt Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung. Diese Form von Wachstum sei „einfach nur Ausdruck dessen, dass ein Mensch mehrere weitere Menschen anstecken kann, die dann wiederum ebenfalls jeweils noch mal mehrere Menschen anstecken können“. Für eine Beispielrechnung nimmt Riou an, dass ein Coronavirus-Infizierter im Durchschnitt zwei weitere Menschen ansteckt. Bei einem exponentiellen Wachstum würde sich deren Zahl mit jeder Ansteckungsrunde stets verdoppeln. So könnten aus 500 Fällen nach elf Verdopplungen mehr als eine Million Fälle werden. Dieses Tempo soll gebremst werden, indem neue Ansteckungen so gut wie möglich unterbunden werden. Viele Wissenschaftler gehen beim Coronavirus allerdings davon aus, dass ein Infizierter im Schnitt sogar drei Menschen ansteckt.

Maßnahmen immer neu anpassen

Krause rät zu einem Bündel von Maßnahmen vom Händewaschen bis zum Veranstaltungsverbot. Es sei aber wichtig, diese Maßnahmen bei Bedarf neu anzupassen und auch ihre möglichen unerwünschten Wirkungen im Auge zu behalten. „Wenn Arbeits- oder Transportbeschränkungen zum Beispiel dazu führen könnten, dass essenzielle Medikamente oder wichtige medizinische Operationen nicht mehr verfügbar würden, dann könnten die Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit vielleicht mehr schaden als die direkten Folgen der Epidemie selbst“.

Gerät die Zahl der Ansteckungen außer Kontrolle, könnte auch das deutsche Gesundheitssystem ins Wanken geraten. Dennoch zeigt sich die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) optimistisch: „Wir sind früh dran, wir haben von den anderen Ländern wie Italien gelernt“, sagt DKG-Präsident Dr. Gerald Gaß. Bislang sei es gelungen, Infizierte genauer als in anderen Ländern zu erfassen. Deshalb seien anders als in Italien auch erst wenige Menschen gestorben. „Wenn man die Gegenmaßnahmen konsequent weiterführt, kann es gelingen, den Anstieg der Erkrankungszahlen abzuflachen.“ In deutschen Krankenhäusern stehen fast eine halbe Million Betten zur Verfügung, etwa jedes vierte ist im Jahresdurchschnitt nicht belegt. „Wenn wir nun davon ausgehen, dass sich jeder zweite Mensch in Deutschland irgendwann mit dem Virus infiziert, ist es wichtig, ihre Zahl so gut wie möglich zu strecken“, sagt der Rheinland-Pfälzer Gaß. Möglich sei dies auch, indem Kliniken planbare OPs auf einen späteren Zeitpunkt verschieben und infizierte Ärzte und Pfleger im Notfall sogar weiter arbeiteten, sofern sie keine Symptome zeigten.

Auch der Gesundheitsökonom Prof. Reinhard Busse von der TU Berlin sieht die deutschen Krankenhäuser sehr gut gewappnet. „Italienische Verhältnisse würden uns noch längst nicht überlasten. Das könnten wir sehr gut händeln.“ Zuletzt gab es dramatische Hilferufe von Intensivmedizinern und Ärzten aus der besonders vom Coronavirus betroffenen Lombardei. Selbst wenn man die dortigen Verhältnisse auf Deutschland übertragen würde, „kämen wir hin“, sagte Busse. In allen Krankenhäusern und Unikliniken gebe es 450.000 Betten, überwiegend in Zwei- und Dreibettzimmern. 100.000 stehen leer, sagt Busse. Da Infizierte in Einzelzimmern isoliert werden müssen, stünden etwa 50.000 Zimmer zur Verfügung. Da die durchschnittliche Verweildauer von Corona-Patienten in Kliniken dreieinhalb Tagen betrage, könnten die deutschen Krankenhäuser also mehr als 14.000 Neupatienten pro Tag aufnehmen.

Verweildauer von sieben Tagen

Außerdem gebe es 28.000 Intensivbetten – laut Busse zweieinhalbmal so viele wie in Italien. Bei beatmungspflichtigen Corona-Intensivpatienten liege die Verweildauer im Schnitt bei sieben Tagen. Gehe man davon aus, dass die Hälfte der 28.000 Intensivbetten für Corona-Patienten reserviert würden, gebe es rein rechnerisch eine tägliche Kapazität von 2000 Neuaufnahmen in den Intensivstationen. Da 10 bis 20 Prozent der Corona-Patienten im Krankenhaus intensivmedizinisch betreut werden müssen, würde dies bedeuten, dass die Leistungsgrenze der deutschen Kliniken bei täglich 2000 neuen Corona-Patienten liegen würde. Demnach würden selbst bei 20.000 täglichen und 600.000 monatlichen Neuerkrankungen die stationären Ressourcen ausreichen. Von solchen Zahlen sei man derzeit allerdings weit entfernt. „Wir reden da schon über extrem hohe Zahlen, die unser System abfedern könnte,“, sagt Busse und ergänzt: „Natürlich immer vorausgesetzt, dass wir das Personal schützen können und die uns nicht fehlen.“

Für Markus Mai, Chef der rheinland-pfälzischen Pflegekammer, steht fest: „Die jetzigen Pflegekräfte reichen, um die Patienten in 70 bis 75 Prozent der Betten zu versorgen.“ Das ist der durchschnittliche Auslastungsgrad in deutschen Kliniken. Wer diesen weiter steigern wolle, nehme Risiken für die Patienten in Kauf. Daher fordert er wie Gaß, dass Krankenhäuser planbare OPs verschieben. Dafür brauche es aber einen finanziellen Ausgleich: „Die Krankenhäuser sind ohnehin in einer sehr kritischen Lage. Daher müssen sie die Vorhaltekosten für Corona-Patienten finanziert und die geringere Vergütung für die Versorgung dieser Fälle von staatlicher Seite ausgeglichen bekommen. Ansonsten geraten die Krankenhäuser erneut in eine finanzielle Schieflage.“ Die Infektiologin Prof. Uta Merle vom Uniklinikum Heidelberg forderte von den Krankenkassen, Kliniken müssten das „sichere Signal bekommen, dass jetzt Corona angesagt ist“ und dies auch finanziert werde.

Christian Kunst/Martin Oversohl

Remdesivir: Hoffnung auf ein Medikament gegen Corona

Bei einem 80-jährigen Corona-Patienten, der auf der Intensivstation des Krankenhauses Weilheim (Bayern) liegt, wird erstmals in Deutschland ein Medikament eingesetzt, auf das Experten große Hoffnungen im Kampf gegen Sars-Cov-2 setzen. Das US-Präparat Remdesivir, das zur Behandlung von Infektionen mit dem Ebola- und dem Marburg-Virus entwickelt wurde, ist in Deutschland noch nicht zugelassen. Laut dem Ärztlichen Direktor Prof.

Andreas Knez laufen derzeit zwei große Studien in den USA und China. Die Weilheimer haben von der Regierung von Oberbayern eine Einfuhrgenehmigung sowie eine Sondererlaubnis aus den USA zur personenbezogenen Nutzung erhalten. Der Virenhemmstoff des Biotechunternehmens Gilead zeigt auch gegen Sars und andere Viren Wirkung. Bei ersten Verabreichungen in den USA und China sollen sich die Symptome bereits einen Tag später auch bei Corona-Patienten verbessert haben. Laut der Infektiologin Prof. Uta Merle vom Uniklinikum Heidelberg besteht die Hoffnung, dass die Studienphase bei der Erprobung des Medikaments schon im April endet und dass es „Ende April vielleicht verfügbar sein wird“. Klinische Studien gibt es auch an den Unikliniken in Hamburg-Eppendorf und Düsseldorf sowie an der Klinik München-Schwabing. Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité sagt jedoch: „Das Medikament ist nicht unbegrenzt verfügbar. Die Herstellung dauert.“ Und: „Der Patient muss einen erkennbar schlechten Verlauf haben. Dieser darf aber nicht zu schlecht sein. Also darf er noch keine Katecholamine, den Kreislauf unterstützende Mittel, brauchen.“ ck

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