Archivierter Artikel vom 16.12.2014, 17:00 Uhr
Barßen

„Kein Geflügel zu Weihnachten“ – Angst vor der Vogelgrippe

Gesperrte Höfe, Tausende getötete Puten – die Vogelgrippe hat eine niedersächsische Geflügelhochburg erreicht. Bisher ist das Virus nur auf einem Hof nachgewiesen. Doch in der Region geht die Angst um.

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Männer in Schutzanzügen besorgen auf einem Geflügelhof bei Barßel (Niedersachsen) das Töten von rund 20.000 Puten. Im Hintergrund ist ein Schaufelradlader mit vergasten Puten zu sehen.

dpa

Männer in Schutzanzügen besorgen auf einem Geflügelhof bei Barßel (Niedersachsen) das Töten von rund 20.000 Puten. Im Hintergrund ist ein Schaufelradlader mit vergasten Puten zu sehen.

Viele Tiere billig mästen, schlachten und preiswert verkaufen, das ist die Methode Massentierhaltung.

Puter stehen dicht gedrängt in einem Stall in Niedersachsen. Foto: dpa

Zum Nachweis von Vogelgrippe- Viren bestückt die medizinisch- technische Laboratoriumsassistentin Sabrina Dewald das Analysegerät im Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) in Oldenburg.

Im Mittelpunkt der Fragen: Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Bündnis 90/ Die Grünen) während einer Pressekonferenz in Hannover vor Medienvertretern.

Von Irena Güttel (dpa)

Eine Absperrung blockiert die Straße. Polizisten stoppen jeden, der sich dem Geflügelhof nähern will. Männer in weißen Schutzanzügen laufen auf dem Gelände hin und her. Ein Radlader fährt aus einem Stall, die Schaufel voll mit toten Tieren. 19.000 Puten lässt der Landkreis Cloppenburg an diesem Tag auf dem Hof in Barßel töten. Unter ihnen war die hochansteckende Vogelgrippe ausgebrochen.

Eine Hiobsbotschaft für die Bauern so kurz vor Weihnachten. Es ist der erste Fall in Niedersachsen – und das auch noch im Kreis Cloppenburg, einer der Geflügelhochburgen des Bundeslandes. Etwa 162.000 Menschen leben hier und 13,5 Millionen Hühner und Puten. Das Land ist flach, die Orte klein. Äcker und Massentierhaltung prägen die Landschaft.

Massentierhaltung betroffen

Auch der betroffene Hof in Barßel ist einer dieser Mega-Ställe. Elisabeth Wilpert hat ihn täglich vor Augen. Ihr Familienbetrieb, eine Kälberzucht, liegt nur wenige Hundert Meter entfernt. Auch wenn ihre Tiere nichts zu befürchten haben, besorgt ist sie trotzdem. „Wir haben es jetzt direkt vor der Haustür.“ In der Gegend gibt es mehrere Geflügelhalter, deren Höfe nun gesperrt sind. In einem benachbarten Betrieb sollen vorsichtshalber 12.000 Puten getötet werden. Im schlimmsten Fall könnten sich allein in der unmittelbaren Umgebung bis zu 200.000 Tiere infiziert haben.

Das ganze Ausmaß wird sich jedoch erst in den nächsten Tagen zeigen. Beim Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Oldenburg untersuchen Mitarbeiter zurzeit Proben von Tieren aus allen Betrieben, die in den letzten drei Wochen Kontakt zu dem Hof in Barßel hatten. „Wenn es sein muss, wird auch nachts und am Wochenende gearbeitet“, sagt Eberhard Haunhorst, Präsident des Amtes. Denn die Auswirkungen des Erreger-Subtyps sind fatal. „Die Todesrate ist relativ hoch.“

Beim Veterinäramt im Kreis Cloppenburg steht das Info-Telefon am Dienstag nicht still. Der Landkreis hat einen Krisenstab eingerichtet. „Wir versuchen alles, damit sich das Virus nicht weiter ausbreitet“, sagt Kreissprecher Frank Beumker. Bauern dürfen im gesamten Landkreis kein Geflügel mehr transportieren. Eine Stallpflicht gilt bereits seit Ende November. Wie sich die Pute in Barßel mit dem H5N8-Virus anstecken konnte, ist deshalb unklar.

Die Grenze des Wachstums?

Josef Grave wundert der Vogelgrippe-Ausbruch jedoch nicht. Der Rentner hat viele Jahre als Betriebshelfer auf Bauernhöfen gearbeitet. Heute mäht er nur noch das Gras seiner Nachbarn in Barßel. „Das ist sicherlich eine Folge von Massentierhaltung“, meint er. „Die Entwicklung in der Landwirtschaft geht ja zu immer größer und rationeller. Vielleicht ist man an einer Grenze angekommen.“

In Barßel hat sich der Vogelgrippe-Fall innerhalb weniger Stunden herumgesprochen. Elisabeth Wilpert war am Vormittag beim Friseur und hat einige Gespräche aufgeschnappt. „Viele werden vorsichtiger. Sie sagen, dass es Weihnachten bei ihnen kein Geflügel geben wird.“ Für die Verbraucher besteht nach Angaben des niedersächsischen Bauernverbands zwar keine Gefahr. Doch das beruhigt selbst im ländlichen Kreis Cloppenburg nicht jeden.