Archivierter Artikel vom 12.11.2015, 18:40 Uhr
Berlin

Jugendstudie: Warten mit dem Sex statt Generation Porno

Wie halten es Jugendliche in Deutschland mit dem Sex? Eine neue Studie gibt Aufschluss – früher Sex ist demnach die Ausnahme. Gleichgeschlechtliches Knutschen ist hingegen laut Experten kein Tabu.

Technisch wissen Jugendliche bestens Bescheid, ihre Einstellung zum Sex ist aber eher konservativ, wie eine neue Studie zeigt. Verhütung ist meist kein Problem, dafür sehen Experten andere Schwierigkeiten.  Foto: dpa
Technisch wissen Jugendliche bestens Bescheid, ihre Einstellung zum Sex ist aber eher konservativ, wie eine neue Studie zeigt. Verhütung ist meist kein Problem, dafür sehen Experten andere Schwierigkeiten.
Foto: dpa

Von Gisela Gross

Warum warten Jugendliche mit dem erstes Mal?

Die Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), zu der jetzt erste Ergebnisse präsentiert wurden, nennt unabhängig vom Geschlecht und von der Herkunft als wichtiges Motiv: Oft fehlt der richtige Partner. Bei Frauen mit ausländischen Wurzeln spielen auch Moralvorstellungen und Angst vor den Eltern eine Rolle. Wenn Jugendliche Sex haben, dann zunehmend mit einem festen Partner – das gilt für Jungen wie für Mädchen, für Deutschstämmige ebenso wie für Jugendliche mit ausländischen Wurzeln.

Woher kommt das Bedürfnis nach Sicherheit?

Beziehungen sind heute oft unverbindlich, sexuelle Identitäten wandelbar, und auch die Ehe ist nicht mehr nur Mann und Frau vorbehalten – für den Hamburger Trendforscher Peter Wippermann liegt der Schluss nahe: „Alles was verschwindet, gewinnt an Wert.“ Die romantischen, konservativen Vorstellungen der Jugend sieht er daher auch als „Trotzkultur“ oder Gegenbewegung. Das Problem: Am Ende halten ihm zufolge auch diese Beziehungen nicht.

Wie verhüten Jugendliche?

Der Schutz nicht nur vor einer Schwangerschaft, sondern auch vor HIV und Geschlechtskrankheiten ist ihnen wichtig: Das Kondom ist bei beiden Geschlechtern zwischen 14 und 25 Jahren das am häufigsten verwendete Verhütungsmittel, vor der Pille. Im Vergleich zu früher beschreiben die BZgA-Fachleute die heutigen Jugendlichen als gewissenhafter. Die Präventionsansätze in Deutschland funktionierten, sagt die Geschäftsführerin der Berliner Aids-Hilfe, Ute Hiller. Das ist für sie aber kein Grund zum Nachlassen: „Wissen vererbt sich nicht.“

Wo hapert es noch?

Sexologin und TV-Aufklärerin Ann-Marlene Henning („Make Love“) schätzt das Wissen von Jugendlichen als eher oberflächlich ein: Sie schnappen ihr zufolge zwar vieles auf und fragen nach Stellungen und Techniken, alles verstehen sie aber nicht. Das gilt auch in emotionaler und kommunikativer Hinsicht: „Dass man Spaß dabei haben kann, dass man was lernen kann über Liebe, oder: Wie blockiert man bestimmte Anmachen?“ Auch alte Klischees sind nicht vom Tisch. „Wenn mal ein Mädchen mehr weiß, gilt sie gleich als Schlampe. Der Junge dagegen ist dann ein toller Hecht.“ Gerade Mädchen schämen sich, über das eigene Geschlecht zu sprechen. „Dabei gehört auch das zu Aufklärung.“

Welchen Einfluss haben Pornos?

Mit eindeutigen Bildern sind viele Jugendliche vertraut. „Aber die haben ein Gefühl dafür, dass es Show ist“, sagt Sexologin Henning. Dennoch vergleichen sich Jugendliche ihr zufolge mit den Körpern aus Pornos und fühlen sich daher weniger wohl in ihrer Haut. „Der Druck da draußen steigt – OPs, Diäten – jetzt hat es auch noch die Jungs erfasst“, sagt Henning.

Wer ist Jugendlichen bei der Aufklärung am wichtigsten?

Das Internet ist Alltag für diese Generation. Sich dort Wissen über Sex und Verhütung anzulesen, ist verbreitet. Außerhalb des Internets ist bei Mädchen die Mutter die erste Adresse. Jungs nennen die Eltern zwar als wichtige Ansprechpartner, bevorzugen aber häufig auch Lehrer als Bezugspersonen. Neben dem Austausch mit Gleichaltrigen scheint Aufklärung nach dem Stil von Dr. Sommer nicht ganz passé zu sein: „Mädchen haben auch noch eine Affinität zu Jugendzeitschriften“, sagt BZgA-Leiterin Heidrun Thaiss.

Homo-Ehe, Geschlechtsumwandlungen, Bisexualität: Die Gesellschaft ist bunter geworden. Wie gehen Jugendliche damit um?

„Die machen sich Gedanken: Was bin ich eigentlich?“, beobachtet Sexologin Henning. Sie hat bei Gesprächen mit Jugendlichen bemerkt, dass diese große Freiheiten beim Ausprobieren ihrer Sexualität haben und diese auch nutzen. Gleichgeschlechtliches Knutschen etwa wird ihr zufolge getestet: „Damit spielen sie. Sie legen sich nicht fest.“ Die BZgA macht dazu keine Angaben.