Archivierter Artikel vom 28.06.2013, 16:27 Uhr

Jörg Hilpert: Nicht abschotten, sondern dem Wettbewerb stellen

Die Idee ist uralt, und sie war seit jeher verfehlt: Staaten schotten heimische Branchen mit Zöllen von missliebiger ausländischer Konkurrenz ab, um sie zu schützen. In Europa geht der Gedanke auf das Zeitalter des Merkantilismus zurück.

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Jörg Hilpert
Jörg Hilpert
Foto: Jens Weber

Jörg Hilpert kommentiert

Bis zum 18. Jahrhundert herrschte die Überzeugung, dass eine Volkswirtschaft mehr Güter exportieren als importieren sollte. Einfuhren wurden mit Zöllen belegt. So wollten die Staatslenker die Gewinne für ihr Land maximieren. Klingt irgendwie logisch.

Doch damit provozieren die handelnden Politiker nur eine entsprechende Reaktion der Gegenseite, und das gilt bis heute – mustergültig ist es jetzt im Fall Chinas wieder zu beobachten. Natürlich hat Wein mit Solarzellen rein gar nichts zu tun: Es geht einfach darum, einen wunden Punkt beim Gegner zu treffen. Und das versuchen beide Seiten auch schon auf anderen Feldern: So nimmt die EU beispielsweise chinesische Netzwerkausrüster unter die Lupe, das Reich der Mitte schaut argwöhnisch auf bestimmte chemische Produkte aus Europa, und die Liste könnte bald noch viel länger werden. Im schlimmsten Fall kommt es zu einem protektionistischen Wettlauf, der internationale Handel nimmt ab. Und das ist schädlich für den Verbraucher hierzulande, weil nur ein starker Wettbewerb sicherstellt, dass Güter dort hergestellt werden, wo dies am günstigsten möglich ist.

Diese Erkenntnis reifte in den Wirtschaftswissenschaften schon vor zwei Jahrhunderten, vor allem dank David Ricardo. Denn es kommt eben nicht nur darauf an, viel zu exportieren – genauso wichtig ist es, günstig Waren aus dem Ausland zu beziehen, um den Wohlstand zu mehren. Und was heißt das nun im aktuellen Fall? Erstens: Die Strafzölle auf chinesische Solarmodule sind falsch. Auch die deutschen Hersteller, die noch verblieben sind, müssen sich dem Wettbewerb stellen, mit der Qualität ihrer Produkte werben und technisch an der Spitze bleiben, wenn sie auf Dauer bestehen wollen. Zweitens: Das AntidumpingVerfahren der EU kommt ohnehin zu spät. Große Teile der europäischen Branche sind schon weggebrochen; und der angebliche Dumping-Grund, nämlich unfairer Wettbewerb durch chinesische Subventionen für die eigenen Hersteller, hat sich bereits weitgehend erledigt. Drittens: Es lohnt sich nie, zugunsten einer einzelnen Branche einen veritablen Handelskrieg vom Zaun zu brechen. Die deutsche Position ist deshalb richtig: Eine Lösung am Verhandlungstisch muss her. Vielleicht hilft ja ein gutes Glas Wein.

E-Mail: joerg.hilpert@rhein-zeitung.net