Archivierter Artikel vom 31.05.2010, 20:20 Uhr

Interview: Ölpest viel schlimmer als befürchtet

Alle Versuche, die Ölpest vor der US-Küste in den Griff zu kriegen, sind vorerst gescheitert. Das Öl wird wahrscheinlich noch monatelang in den Golf von Mexiko fließen. Das Ausmaß der Katastrophe wird deutlich unterschätzt, sagt der Geologe Dr. Carl-Diedrich Sattler, Mitarbeiter der Abteilung Erdöl-Geologie der Universität Clausthal (Niedersachsen): Täglich strömten mindestens acht Millionen Liter Rohöl in den Golf von Mexiko.

Alle Versuche, die Ölpest vor der US-Küste in den Griff zu kriegen, sind vorerst gescheitert. Das Öl wird wahrscheinlich noch monatelang in den Golf von Mexiko fließen. Das Ausmaß der Katastrophe wird deutlich unterschätzt, sagt der Geologe Dr. Carl-Diedrich Sattler, Mitarbeiter der Abteilung Erdöl-Geologie der Universität Clausthal (Niedersachsen): Täglich strömten mindestens acht Millionen Liter Rohöl in den Golf von Mexiko.

Wie konnte es zu dem Unglück im Golf von Mexiko kommen?

Bislang ist das zum großen Teil Spekulation. Offenbar war es ein Blowout, also ein unkontrollierter Austritt von Öl und Methan. Denn wenn Sie das Öl fördern und das Gas noch gelöst im Öl vorliegt, dann entlastet man das Öl und das Gas kann ausperlen. So ähnlich, wie wenn Sie eine Wasserflasche öffnen und Kohlensäure ausperlt. Dieses Methan ist extrem gefährlich. Bei einer bestimmten Konzentration reicht ein einziger Funken und die Bohrinsel fliegt in die Luft.

Die Operation „Top Kill“, bei der das Bohrloch mit einem Spezialschlamm verschlossen werden sollte, ist gescheitert. Welche Alternativen gibt es jetzt noch?

BP wird wohl in den nächsten Tagen versuchen, das bestehende Steigrohr an der Quelle abzusägen und auf diese Öffnung einen kleinen kleinen Auffangbehälter zu stülpen, um den Fluss zu verringern. Zum Versiegen gebracht werden kann die Quelle erst mit Entlastungsbohungen: Man bohrt in einiger Entfernung von der Unglückstelle entfernt schräg an die bisherige Bohrung heran und versucht, sie unterhalb der Meeresoberfläche zu treffen. Von dort leitet man das Öl um. Bis BP damit anfangen kann, wird es aber noch einige Zeit dauern. Wahrscheinlich ist man erst im August soweit.

Könnte das Öl von selbst aufhören zu sprudeln?

Natürlich lässt der Druck in der Lagerstätte irgendwann nach. Aber das kann Monate, wenn nicht gar Jahre dauern.

Laut Schätzungen sollen täglich zwischen 1600 und 3400 Tonnen Öl ausströmen. Halten Sie das für realistisch?

Das wissen wir nicht. Wahrscheinlich ist es erheblich mehr. Aber das kann niemand messen, weil da unten ja alles kaputt ist. Das können wir nur schätzen. Die kontrollierte Föderung war wohl auf bis zu 160 000 Barel ausgelegt. Angenommen, nur ein Drittel dieser Menge strömt derzeit unkontrolliert in das Meer, so wären das bereits etwa 8000 Tonnen oder etwa acht Millionen Liter.

Das Bohrloch liegt 1500 Meter tief. Ist es deshalb so schwer, das Leck zu schließen?

Ja, genau das ist das Problem. Man hat keinen direkten Zugriff auf das Leck. Alles muss per Fernsteuerung gemacht werden und außerdem ist der Druck an der Austrittsstelle enorm hoch.

Wie viel Erfahrung haben die Ölgesellschaften mit solchen Tiefen? Und wie gefährlich sind Tiefseebohrungen?

Gebohrt wird in solchen Tiefen schon seit einigen Jahren. Das ist heute keine allzu große Herausforderung mehr. Gefährlich bleibt es trotzdem. Im Fall von BP kommt noch dazu, dass nicht so verfahren wurde, wie verfahren werden sollte: Drucktests im Bohrloch haben ungewöhnliche Druckschwankungen angezeigt. Hier hätte man reagieren und das Absperrventil entsprechend auslegen müssen.

Lassen sich Unfälle wie der im Golf von Mexiko verhindern? Wie sind die Konzerne auf Unglücke vorbereitet?

Die Technologien, die angeblich immer besser beherrschbar werden, zeigen auch immer wieder Schwachstellen. Und man darf nicht vergessen, dass diese Technologien von Menschen beherrscht werden müssen, und es sind häufig menschliche Fehler, die zu solchen Unfällen führen. BP wurde von dem Unglück unvorbereitet getroffen. Einen Notfallplan für eine solche Katastrophe gab es offenbar nicht. Deshalb tut sich BP nun so schwer, die Folgen dieses Desasters in den griff zu bekommen.

Morgen beginnt am Unglücksort die Hurrikan-Saison. Welche Auswirkungen könnte das auf die Reparaturversuche haben?

Wenn ein Hurrikan aufzieht, wird im Golf von Mexiko die Ölföderung auch unter normalen Bedingungen unterbrochen. Die Entlastungsbohrungen könnten deshalbsich verzögern.

Wird die Ölpest am Golf von Mexiko Auswirkungen auf das globales Ökosystem haben?

Dieses Ereignis wird sicher keine globalen, aber große regionale Auswirkungen haben. Wir wissen, dass BP massenweise Chemikalien ins Wasser bringt, um das Öl zu binden und zu zersetzen. Das ist eine zusätzliche Belastung für die Umwelt.

Umweltorganisationen wie zum Beispiel Greenpeace sagen, dass nicht nur Ölkatastrophen wie die aktuelle die Meere belasten, sondern viel mehr die alltägliche Verschmutzungen im Zusammenhang mit der Ölgewinnung ...

Ich möchte das nicht so relativieren, denn im Golf von Mexiko wird doch ein sehr großer und ein sehr empfindlicher Ökobereich an der Golfküste verschmutzt. Das hat sicher erhebliche und nachhaltige Auswirkungen auf die dortige Umwelt und gefährdet die Lebensgrundlage vieler dort lebender Menschen. Aber es stimmt, dass auch bei der tagtäglichen Ölproduktion Öl im Erdreich versickert, zum Beispiel in Saudi Arabien und auch überall sonst, wo Öl gefördert wird – auch in der Nordsee.

Wird die Ölkatastrophe dazu führen, dass künftig weniger riskante Bohrungen vorgenommen werden?

Das glaube ich nicht. Die Menschheit verbraucht pro Tag etwa 84 Millionen Barrel Öl. Genauso viel wird gefördert. Der Ölindustrie gelingt es derzeit nicht, das Fördervolumen zu erhöhen. Wir alle wollen Autofahren und wir alle sind auf Öl angewiesen. Sehr viele Produkte des täglichen Lebens hängen vom Öl ab. Ich glaube aber, dass die Tiefseeförderung vor allem in den USA von jetzt an stärker kontrolliert wird. Man sollte Bohrungen nur noch unter höchsten Sicherheitsstandards von einer unabhängigen Aufsichtsbehörde genehmigen lassen.

Die Fragen stellte Angela Kauer