Archivierter Artikel vom 20.11.2014, 18:56 Uhr
Berlin/Rheinland-Pfalz

Internationale Studie: Deutsche Schüler am PC nur Mittelmaß

Zu wenige Computer, veraltete Geräte und kaum Berücksichtigung Neuer Medien in Lerninhalten: In Deutschland erwerben Schüler Computerkenntnisse „trotz Schule“. Das zeigt die in Berlin vorgestellte ICILS-Studie. Sie vergleicht die Kenntnisse von 12- bis 13-jährigen Jugendlichen in 24 Staaten.

Schüler des Neuen Gymnasiums Rüsselsheim arbeiten an ihren Tablet- PC's.
Schüler des Neuen Gymnasiums Rüsselsheim arbeiten an ihren Tablet- PC's.
Foto: dpa

Demnach liegen Achtklässler hierzulande mit ihren Computerkompetenzen im internationalen Mittelfeld. Jedoch gibt es weit weniger Spitzenschüler als in vielen anderen Industrienationen, dafür mehr Jugendliche mit nur geringsten PC-Kenntnissen. Zudem sind in Deutschland die Fähigkeiten der Schüler im Umgang mit Neuen Medien von ihrer sozialen Herkunft abhängig.

Technische Voraussetzungen sind nicht gegeben

Harsche Kritik üben die Schulforscher Wilfried Bos (Dortmund) und Birgit Eickelmann (Paderborn) an einer veralteten Computerausstattung in den Schulen. Fast jeder zweite Lehrer klagt über unzureichenden Internetzugang und instabile Verbindungen. Im Bundesschnitt müssen sich 11,5 Schüler einen PC in der Klasse teilen – wie schon bei einer Vorläufererhebung im Jahr 2006. Den Studienautoren zufolge gibt es zu wenige Tablets oder andere mobile Geräte. Zudem spielen in vielen Fachlehrplänen Neue Medien noch kaum eine Rolle. „Hierzulande lernen Schüler den Umgang mit Computern trotz Schule“, sagte Bos. Das Fazit der Schulforscher: „Die weit verbreitete Annahme, dass Kinder und Jugendliche durch das Aufwachsen in einer von neuen Technologien geprägten Welt automatisch zu kompetenten Nutzern digitaler Medien werden, trifft nicht zu.“

Deutlich besser als die Achtklässler aus Deutschland schnitten Gleichaltrige aus der Tschechischen Republik, Kanada, Australien, Dänemark, Polen, Norwegen, Südkorea und den Niederlanden ab. Leistungsschlusslichter bei der Studie sind Thailand und die Türkei. In Deutschland hatten sich bei dem Test 142 Schulen beteiligt.

Deutschland, die Schweiz und die Niederlande sind laut Eickelmann die einzigen Staaten, in denen der regelmäßige Einsatz Neuer Medien im Unterricht nicht zu verbesserten Fachkompetenzen der Schüler führt. Computer würden vor allem zur Informationsbeschaffung eingesetzt, es werde zu wenig „kompetenzorientiert und fachübergreifend gearbeitet“.

Manche Lehrer sind besorgt

Zugleich äußert der Großteil der Lehrer die Sorge, dass der Computereinsatz die Schüler lediglich zum Kopieren von Quellen animiert, Inhalte aus dem Internet unreflektiert aufgegriffen und nicht in Verbindung mit anderen Darstellungen gesetzt werden. In keinem Teilnehmerland wird von Lehrern darüber so häufig geklagt, wie in Deutschland. Gleichwohl zeigt sich laut Befragung die Mehrzahl der deutschen Lehrer „durchaus aufgeschlossen“ gegenüber dem Einsatz von Informationstechnologien im Unterricht.

Lehrer, die in Deutschland in der achten Klasse unterrichten, haben zudem weit weniger häufig an Fortbildungen teilgenommen als ihre ausländischen Kollegen. Nur wenige Schulleitungen in Deutschland messen dem hohen Stellenwert bei.

Ministerin: Medienbildung soll Pflichtaufgabe sein

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, die nordrhein-westfälische Bildungsministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) sagte, Medienbildung sei „Pflichtaufgabe des schulischen Bildungsauftrages“. Dies müsse auch bei der Ausbildung der Lehrer stärker berücksichtigt werden. Ihre rheinland-pfälzische Kollegin, die neue Bildungsministerin Vera Reiß (SPD) sieht in der Studie einen wichtigen Impuls „für die Weiterentwicklung entsprechender Programme“. Rheinland-Pfalz sei mit dem Landesprogramm „Medienkompetenz macht Schule“ aber auf einem guten Weg. Unter anderem sind Reiß' Angaben zufolge bisher mehr als 503 Schulen mit 10 000 Notebooks und weit mehr als 1200 interaktiven Tafeln ausgestattet worden. 51 000 Lehrkräfte hätten seit dem Start des Programms an Fortbildungen zur Nutzung digitaler Medien im Unterricht teilgenommen.

Karl-Heinz Reith/Angela Kauer