Archivierter Artikel vom 13.05.2014, 09:44 Uhr

Integration: Sarajevo hangelt sich in Richtung EU

Es wäre endlich eine gute Nachricht gewesen, wie Sarajevo sie so dringend bräuchte. Die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina wollte 2014 europäische Kulturhauptstadt werden. Vor 30 Jahren feierte die Welt in Sarajevo olympische Winterspiele, vor 100 Jahren begann hier mit dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger der Erste Weltkrieg. Europa hätte allen Grund gehabt, sich in diesem Jahr Sarajevo zuzuwenden.

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Multikulturelles Leben im Zentrum von Sarajevo. Bosnien und Herzegowina will wie seine Nachbarländer EU-Mitglied werden. Doch die Entwicklung stockt. Foto: Rena Lehmann
Multikulturelles Leben im Zentrum von Sarajevo. Bosnien und Herzegowina will wie seine Nachbarländer EU-Mitglied werden. Doch die Entwicklung stockt.
Foto: Rena Lehmann

Von unserer Redakteurin Rena Lehmann

Als Kulturhauptstadt können sich aber nur Städte aus Mitgliedsländern und Beitrittskandidaten der EU bewerben. Bosnien und Herzegowina ist weder das eine noch das andere. Die Bewerbung für den prestigeträchtigen Titel stockte dann sowieso, weil sie gar nicht erst korrekt auf den Weg gebracht wurde. Das Scheitern ihres Landes in so vielen Bereichen lastet auf den Bürgern. Viele hier finden, dass nur die EU noch helfen kann.

An der schmucken historischen Stadtbibliothek sind noch Spuren des Feuers zu sehen. „Protesti“ haben Graffiti-Sprayer auf Gebäude geschrieben. Die Menschen gehen neuerdings auf die Straße, zünden Häuser an. Sie haben genug von Stillstand und Kungelwirtschaft.

Die Friedhöfe von Sarajevo: Viele Gräber tragen das gleiche Sterbedatum, der Krieg ist in der Hauptstadt noch vielerorts sichtbar. Foto: Rena Lehmann
Die Friedhöfe von Sarajevo: Viele Gräber tragen das gleiche Sterbedatum, der Krieg ist in der Hauptstadt noch vielerorts sichtbar.
Foto: Rena Lehmann

Darko Brkan sagt: „Der nächste Protest wird kommen, wenn sich nicht endlich etwas ändert.“ Mit anderen jungen Leuten hat der Informatiker die Nichtregierungsorganisation „Zasto Ne?“ gegründet, zu deutsch: Warum nicht? Sein großes Thema ist fehlende Transparenz in der Politik. Solange hinter verschlossenen Türen gemauschelt werden kann, geht nichts voran, meint er. Brkan trägt seine dunklen Haare schulterlang, Vollbart, ein buntes T-Shirt unter dem Cord-Jackett. Die Arme hat er trotzig vor dem Körper verschränkt, während er von seinem komplizierten Land erzählt.

Die Arbeitslosigkeit liegt in Bosnien und Herzegowina bei 40 Prozent. Wer hier überhaupt Arbeit hat, hat einen Job beim Staat. Und die Jobs beim Staat werden von Politikern verteilt. Die Politiker können sich selten auf etwas einigen, weil nicht pragmatisch und selten inhaltlich entschieden wird, sondern danach, welche Volksgruppe sich am besten behaupten kann. Die jeweiligen Vertreter der Bosniaken, der bosnischen Kroaten und Serben müssen sich einig sein, damit etwas beschlossen werden kann. Die lähmende Suche nach dem großen Konsens ist nur eine der vielen Folgen des Krieges, unter denen der junge Staat ächzt.

Die Bürger begehren auf: Ein Graffiti in Sarajevo ruft zum Protest auf. Foto: Rena Lehmann
Die Bürger begehren auf: Ein Graffiti in Sarajevo ruft zum Protest auf.
Foto: Rena Lehmann

Einer ernsthaften Annäherung an die Europäische Union steht etwa seit Jahren im Weg, dass Angehörige von Minderheiten wie Juden oder Roma bei Wahlen nicht antreten können, weil sie keiner der drei anerkannten Volksgruppen angehören. Der Europäische Gerichtshof hat diese Ungleichheit längst beanstandet, es gibt sogar ein Gerichtsurteil, doch geändert hat sich nichts. In Brüssel ist man nicht begeistert. Darko Brkan zuckt resigniert mit den Schultern. Er sagt: „Wir sind ein Kriegsland, noch immer.“

Die Mühlen mahlen hier langsam, wenn überhaupt. Kaum woanders auf dem Balkan hat der Jugoslawien-Krieg Anfang der 90er-Jahre so sehr die Bevölkerungsstruktur verändert wie hier. Der Weg zum inzwischen maroden Olympiastadion von Sarajevo führt vorbei an Friedhöfen von der Größe mehrerer Fußballfelder. Ein muslimischer Friedhof, die letzte Ruhestätte für Bosniaken, liegt neben dem christlichen Friedhof, auf dem vor allem Kroaten bestattet sind. Allein in der Region Bosnien und Herzegowina wurden Zehntausende getötet. Viele wurden vertrieben, die Hälfte der Bevölkerung des Landes lebt nicht mehr dort, wo sie vor dem Krieg zu Hause war.

Auf einer Kriegsruine in Mostar steht: Der Krieg ist nicht vorbei. Foto: Rena Lehmann
Auf einer Kriegsruine in Mostar steht: Der Krieg ist nicht vorbei.
Foto: Rena Lehmann

Es gibt unzählige Gräber mit demselben Sterbedatum. Tage im Jahr 1992, während der Belagerung der Stadt durch die serbische Armee. Am Marktplatz von Sarajevo, wo ein Bombenangriff Dutzende Zivilisten tötete, ist eine Gedenktafel angebracht, auf der von „serbischen Schlächtern“ die Rede ist. Jede Gruppe hat ihre eigenen Orte zum Trauern, ihr eigenes Gedenken. „Die Erinnerung an den Krieg ist keine gemeinsame. Jeder ist hier Opfer. Das ist für eine Gesellschaft tödlich, denn als Opfer erwartet man immer Hilfe von anderen, tut aber selbst nichts“, sagt eine internationale Beobachterin.

Als Labyrinth bezeichnet selbst die deutsche Botschafterin Ulrike Maria Knotz die politischen Verhältnisse. Bosnien und Herzegowina besteht heute aus zwei Teilrepubliken: der Republika Srpska (Serbische Republik) und der bosniakisch-kroatischen Föderation von Bosnien und Herzegowina, ein Ergebnis des Friedensabkommens von Dayton 1995. „Bosnien und Herzegowina wurde zur Konkursmasse des Jugoslawien-Krieges“, sagt eine internationale Beobachterin, die seit vielen Jahren in Sarajevo lebt. Ein künstlich geschaffener Staat als Ergebnis eines mühsam errungenen Friedens.

Bosnier vergleichen ihr Land gern mit einem Leopardenfell. Wie das Fell gepunktet ist, verteilen sich die verschiedenen Volksgruppen auf dem Landstrich. Grenzen sind da schwer zu ziehen. Um den offenen Hass zwischen den Volksgruppen nach dem Krieg einzudämmen, wurden Autokennzeichen anonymisiert und gibt es eine Nationalhymne ohne Text. „Politiker müssten endlich aufhören von ,euren' und ,unseren' Toten zu sprechen, sondern ,unser aller Toten' sagen“, meint eine deutsche Diplomatin. Doch Ratschläge von außen sind leicht zu geben.

Jede Volksgruppe hat ihre eigenen Parteien

Der Zwang zum Konsens zwischen den Ethnien lähmt. „Morgens lese ich drei Zeitungen und bekomme drei verschiedene Sichtweisen auf dasselbe Ereignis“, berichtet eine andere internationale Beobachterin. Jede Volksgruppe hat ihre eigenen Parteien, die wenigen Unternehmen im Land sind in staatlicher Hand. „Es müsste endlich eine entwickelte Privatwirtschaft geben, dann wären die Parteien auch nicht mehr so mächtig“, sagt eine Journalistin.

Es gibt hier viele Leute, die nicht wissen, wie es weitergehen soll. Nicht einmal davon, dass im Herbst ein neues Parlament gewählt wird, versprechen sich viele hier etwas.

Aber es gibt auch Menschen wie Robert Kordic, Präsident des Wirtschaftsvereins von Bosnien und Herzegowina, der sich tatsächlich freut, „Teil einer Erfolgsstory“ zu sein, wie er sagt. „Es gibt hier kleine Unternehmen, die gut funktionieren und aus denen etwas werden kann“, meint er. Als Unternehmensberater hilft er Gründern beim Kampf mit der „ineffizienten Bürokratie“. Kordic will endlich über Chancen sprechen, über die Zukunft. Er will pragmatisch sein. Ihn stört, dass es in seinem Land gerade einmal 130 Kilometer Autobahn gibt. Keine idealen Bedingung für Unternehmen. Aber er sieht „sehr gut ausgebildete junge Leute“, die Ideen haben.

Eine lebendige Stadt

Man sieht sie auch abends in den unzähligen Bars und urigen Kneipen von Sarajevo. Viele junge hoffnungsfrohe Menschen. Es ist eine lebendige Stadt. In den gemütlichen kleinen Gassen der Altstadt hört man internationales Stimmengewirr zwischen Moscheen, katholischen und serbisch-orthodoxen Kirchen und jüdischen Synagogen. Manche hier nennen Sarajevo „Klein-Jerusalem“. Die Vielfalt könnte bereichernd sein.

Doch die Menschen hier vertrauen nicht aufeinander. Die meisten hoffen auf die EU statt auf ihre Politiker. Umfragen zufolge wollen 85 Prozent in Bosnien und Herzegowina, dass ihr Land Mitglied wird, so schnell es geht. Nur in der Staatengemeinschaft, so meinen viele, könnte es mit ihrem Land doch noch aufwärts gehen.