Archivierter Artikel vom 15.11.2015, 14:02 Uhr

„Ich möchte nicht in einer Atmosphäre der Angst leben“ – Deutsche erlebt Terroranschlag in Paris

Seit genau einem Jahr lebt die Modedesignerin Lina Wolter (30) in Paris, in der Stadt der Mode, der Liebe. Wolter, die auch viele Freunde in Trier an der Hochschule für Modedesign hat, und eine Weile in Mainz gelebt hat, kennt aber auch das andere Gesicht der Stadt: Es ist jetzt schon der zweite Terroranschlag innerhalb von wenigen Monaten, den die junge Frau während ihrer Zeit in Paris erlebt hat. Wir haben mit ihr telefoniert.

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Lina Wolter lebt seit genau einem Jahr in Paris.
Lina Wolter lebt seit genau einem Jahr in Paris.
Foto: Lina Wolter

Lina, so kurz nach den Anschlägen, wie geht es Dir jetzt?

Ich bin in Sicherheit, das ist wichtig, mir ist nichts passiert, es geht mir jetzt gut soweit, aber es ist jetzt schon die zweite Anschlagswelle, die ich in den wenigen Monaten, die ich in Paris bin, erlebe. Und der Freitag, der Anschlagstag, war mein Jubiläumstag – ein Jahr Paris. Der Freitagabend war dramatisch, ich hatte wahnsinnige Panik, Angst. Habe mich zu Hause eingeschlossen, als die ersten Meldungen über die Nachrichtenapps auf meinem Handy eintrudelten. Eine Freundin hat sich ein Hotelzimmer genommen, um in Sicherheit zu sein. Wir haben sie erst nicht erreicht, später schrieb sie uns über Facebook, dass sie alleine unterwegs gewesen sei und aus Angst ins nächste Hotel gegangen sei. Mir geht es gut, aber es ist alles so schrecklich.

Wie hast du den Freitag erlebt, den Tag, den Abend, die Nacht?

Ich hatte schon so eine Intuition an diesem Freitag, denn nach den Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Januar, da bin ich erst wenige Monate in Paris gewesen, habe ich ich mir sämtliche Eilmeldungen der verschiedenen Nachrichtensender als App auf meinen Handy installiert – zur Sicherheit. Und überhaupt ist es immer ein bisschen gefährlich hier – an den Knotenpunkten habe ich immer ein komisches Gefühl, ich bin selten alleine unterwegs am Abend.

Vor einem Monat habe ich meinen neuen Job angefangen, als Einkäuferin bei einem internationalen Startup hier in Paris. Das Unternehmen hat seine Büros unweit des Stadions, wo dann später einer der Terroranschläge während des Fußballländerspiels zwischen Deutschland und Frankreich passierte.

Ich erzählte meinen neuen Kollegen an diesem Mittag, dass ich heute Jubiläum feiere – ein Jahr Paris! „Happy Birthday, Parisienne“ haben mir alle gratuliert, ich hatte Kuchen dabei und am Abend wollten wir zusammen losziehen, irgendwo in die Stadt und feiern.

Dann kam die erste Meldung von der Bombendrohung im Hotel der deutschen Mannschaft. Irgendwie habe ich da gespürt, intuitiv, dass noch was passieren wird an diesem Tag. Ich habe meinen Kollegen gesagt, dass ich es lieber verschieben möchte am Abend. Ich bin dann zu Hause gewesen, ich wohne im dritten Arrondissement. Dann kamen die ersten Meldungen via Twitter. Sirenen heulten überall, es war sehr unruhig, die Unruhe war in der ganzen Stadt zu spüren. Hubschrauber kreisten in der Luft. Es war schrecklich. Ich habe dann in die Morgenstunden vor Facebook gesessen.

Auf Facebook konnten sich die Pariser in der Terrornacht mit "Ich bin in Sicherheit" markieren. Das hat auch Lina Wolter gemacht und über Facebook Kontakt zu ihren Freunden und Bekannten halten können.
Auf Facebook konnten sich die Pariser in der Terrornacht mit “Ich bin in Sicherheit„ markieren. Das hat auch Lina Wolter gemacht und über Facebook Kontakt zu ihren Freunden und Bekannten halten können.
Foto: Screenshot Facebook


Wie wichtig war Facebook in der Nacht?

Superwichtig. Knapp zwei Stunden nach den ersten Meldungen, dass es Anschläge gegeben hat und die Situation total unübersichtlich war, gab es auf Facebook diese Möglichkeit, sich als „Ich bin in Sicherheit“ zu markieren. Das haben dann alle gemacht, es gab Diskussionen, wir haben uns via Facebook Trost gespendet. Facebook war wahnsinnig wichtig in dieser Nacht. Ich habe mit meinen Eltern telefoniert, mit Freunden über das Netzwerk geschrieben. Wir haben alle stundenlang vor Facebook gesessen. Und da hat sich dann auch diese Freundin gemeldet, von der wir erstmal nichts gehört hatten, sie hat sich dann auch als „Ich bin in Sicherheit“ markiert. Die, die sich spontan ein Hotelzimmer genommen hat und jetzt, am Sonntagmorgen, immer noch im Hotel ist.

Was hast du gefühlt am Freitagabend, am Samstag, was fühlst du jetzt?

Einfach nur Angst, ich habe mir fast in die Hose gemacht. Ich wusste zwar, ich bin hier sicher in meiner Wohnung, aber es ist nun schon der zweite Anschlag, den ich hier ein Paris erlebe. Mein erster Gedanke war dann auch: Ich packe jetzt meine Sachen und gehe zurück. Aber gut, das werde ich wohl nicht tun. Ich werde aber, das ganze Wochenende zu Hause in meiner Wohnung bleiben, das machen jetzt alle. Zu Hause ist man sicher.

Wird sich dein Leben in Paris nun verändern?

Ich hoffe nicht, ich will das nicht. Ich will keine Angst haben müssen, wenn ich die Metro nehme, ich möchte angstfrei auf Konzerte gehen können. Ich möchte nicht in dieser Angst-Atmosphäre leben, die jetzt über der Stadt liegt. Wenn ich aus dem Fenster schaue, ist alles ruhig, alle sind zu Hause, außer ein paar ältere Herrschaften sitzen in Cafés. Gestern gab das Versammlungsverbot, Paris trauert jetzt drei Tage.

Lina wollte immer nach Paris, es ist ihre Traumstadt. Jetzt hat sie Angst, hier zu leben.
Lina wollte immer nach Paris, es ist ihre Traumstadt. Jetzt hat sie Angst, hier zu leben.
Foto: Lina Wolter



Wird du morgen am Montag ganz normal zur Arbeit gehen?

Ich denke nicht. Unser Büro liegt einen Steinwurf vom Stadion entfernt, es ist auch noch nicht klar, ob überhaupt gearbeitet wird. Die Stadt trauert, ich hoffe, dass miene Angst bald nachlässt.

Das Gespräch führte Sarah Kern



Zur Person: Lina Wolter (30) hat in Bielefeld Modedesign studiert, seit einem Jahr lebt sie in Paris und arbeitet beim Startup „Vipstazz“ als Einkäuferin. Sie baut für das Unternehmen den deutschen Markt auf. Lina Wolter hat viele Freunde in Mainz und Trier.

Safety-Check bei Facebook: “Ich bin in Sicherheit"

Wenige Minuten nach den Anschlägen in Paris hat Facebook eine Funktion aktiviert, die sich „Safety Check“ nennt und von dem sozialen Netzwerk schon vor einiger Zeit für Krisensituationen vorgesehen wurde. Immer dann, wenn furchtbare Ereignisse eintreten – etwa Naturkatastrophen wie Erdbeben, Wirbelstürme oder Feuer – oder wenn Terroranschläge wie in Paris eine ganze Region erschüttern, gibt Facebook die Safety-Check-Funktion frei. Hier können User öffentlich angeben, dass sie in Sicherheit sind und es Ihnen gut geht. Damit Freunde in aller Welt Bescheid wissen und aufatmen können. https://www.facebook.com/safetycheck/paris_terror_attacks

Wer wissen will, ob die eigenen Freunde oder Kontakte sich über Facebook gemeldet haben, geht auf die Startseite von Safety Check. Ist man eingeloggt, erscheinen automatisch die Namen aller eigenen Kontakte, die sich über die Facebook-Funktion als in Sicherheit befindlich gemeldet haben. Freunde und Kontakte werden automatisch informiert, wenn sie den Status überprüfen. Man kann aber auch andere Personen als „in Sicherheit“ markieren.