Archivierter Artikel vom 17.06.2013, 05:18 Uhr
Istanbul

Hunderte Verletzte in Istanbul: Erdogan lässt Proteslager Stürmen

Tränengasgranaten explodieren. Die Polizei rückt mit Schild und Knüppel wie eine antike Legion in das Lager der Protestbewegung im Gezi-Park ein. Menschen fliehen in Panik, andere versuchen vergeblich auszuharren.

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Vom Tränengas gezeichnet: Parteivorsitzende Claudia Roth (Grüne) konnte sich gerade noch in ein Hotel retten.
Vom Tränengas gezeichnet: Parteivorsitzende Claudia Roth (Grüne) konnte sich gerade noch in ein Hotel retten.
Foto: dpa
Nach Signalen der Entspannung hat Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan mit einem Großeinsatz der Polizei nun ganz auf Gewalt gesetzt. Hunderte Menschen werden insgesamt verletzt.

Polizisten schießen mit Gummigeschossen oder feuern aus kurzer Distanz Tränengasgranaten gezielt auf die Körper von Menschen ab. Aus den wabernden Tränengasschwaden retten sich Demonstranten in umliegende Luxus-Hotels, die ihre Türen auch für die zahlreichen Verletzten öffnen und improvisierte Krankenstationen möglich machen.

Erdogan lässt Protestlager stürmen
Welche Zustände zur Zeit in Istanbul herrschen, hat ein junger Mann aus Mainz dokumentiert. Er hat dieses Video aufgenommen.

Sogar bis in die Hotels folgt die Polizei den Demonstranten, während in mehreren Stadtvierteln heftige Proteste beginnen. Die Polizei habe auch in den Eingang des Divan-Hotels Tränengas abgefeuert, sagen Augenzeugen.

Die Grünen-Politikerin Claudia Roth hat in Istanbul entsetzt miterlebt, wie das Protestlager am Taksim-Platz geräumt wurde. „Das ist wie im Krieg. Die jagen die Leute durch die Straßen und feuern gezielt mit Tränengasgranaten auf die Menschen“, sagt die Parteivorsitzende der Grünen, die selbst bitter brennendes Gas abbekommt. Alles war friedlich, als die Polizei plötzlich eingriff, sagt sie. „Von einer Sekunde auf die andere kamen Schüsse wie eine Bombe.“, Sie rettete sich in ein Hotel. „Die haben echt auf die Leute geschossen. Es war wie eine Jagd auf Menschen“, sagt sie zum gezielten Feuer mit Tränengasgranaten. „So muss Krieg in Innenstädten sein“ sagt Roth. „Und wenn du dich mit humanitärem Völkerrecht beschäftigst, dann gibt es ja Regeln. Die Regeln sagen, dass da, wo Verletzte behandelt werden, nicht angegriffen wird.“

In Istanbul regiert die Wut über den Einsatz. „Damit hat Erdogan Öl ins Feuer gegossen“, schreit eine junge Frau in der Nacht 50 Meter vor der Polizeiabsperrung am Taksim-Platz entfernt. Zehntausende demonstrieren wütend gegen die Räumung des Protestlagers. „Das ist nur der Anfang. Wir lassen uns jetzt keine Angst mehr machen“, sagt die Frau.
In den Vierteln rund um den Taksim-Platz gibt es in der Nacht viele Zusammenstöße. Die Demonstranten – viele mit Helmen und Staubmasken ausgerüstet – versuchen, ihre Stellung zu halten und ihrer Wut Luft zu machen. Sie werden aber immer mehr in die kleinen Nebenstraßen abgedrängt. Anwohner öffnen ihre Türen, um Unterschlupf zu gewähren. Viele klopfen aus Protest auf Töpfe und Pfannen.

Die Protestbewegung hatte am Samstag entschieden, dass die Proteste fortgesetzt werden, weil wesentliche Forderungen wie eine Bestrafung der Verantwortlichen für Polizeigewalt nicht erfüllt seien. Erdogan dagegen suchte einen Kompromiss nur über den Gezi-Park.
Auch am Sonntag folgten neue Polizeieinsätze gegen Demonstranten, die zum Taksim-Platz marschieren wollten. Die Regierung verlegte Polizisten aus südostanatolischen Provinzen nach Istanbul und schickte auch die militärisch aufgestellte Gendarmerie in den Einsatz. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan versammelte Anhänger seiner islamisch-konservativen AKP in Istanbul, während die Protestbewegung zur Fortsetzung der Demonstrationen aufrief.

Die Regierung will hart gegen weitere Proteste vorgehen. Wer den Taksim-Platz betritt, wird als Terrorrist behandelt, zitierte die „Hürriyet Daily News“ den für die Verhandlungen mit der EU zuständigen Minister Egemen Bagis. Vom Nachmittag an gab es neue Zusammenstöße auf der zum Taksim-Platz führenden Einkaufsstraße Istiklal. Die Protestierenden warfen den Sicherheitskräften Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor, weil zur Zeit der Räumung auch viele Frauen mit Kindern sowie ältere Menschen in dem Park gewesen seien. Roth fordert unterdessen eine klare Unterstützung für die Bürgerbewegung in der Türkei. „Das ist die neue Türkei. So etwas gab es noch nie. Und wir sind an der Seite der neuen Türkei und machen jetzt nicht die Türen zu“, sagte die Parteivorsitzende der Grünen. Zugleich forderte sie mehr Druck auf die Regierung von Erdogan, der die Polizeigewalt gegen Demonstranten beenden müsse.