Archivierter Artikel vom 05.12.2013, 06:00 Uhr
Mainz

Historiker: 1914 haben die Väter ihre Söhne verraten

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist für den an der Universität von Cambridge lehrenden und forschenden australischen Historiker Christopher Clark ein „riesiges, dreidimensionales Puzzle“. Clarks Lösung des Puzzles hat die Geschichtsschreibung des Ersten Weltkriegs revolutioniert.

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Hat die Forschung über den Ersten Weltkrieg revolutioniert: Historiker Christopher Clark. Foto:
Hat die Forschung über den Ersten Weltkrieg revolutioniert: Historiker Christopher Clark.
Foto:

Denn anders als Generationen von Historikern interessiert Clark nicht, warum der Weltkrieg ausbrach, sondern wie aus einer Krise ein Krieg wurde. Auf 895 Seiten entwirft er in „Die Schlafwandler“ ein komplexes Bild von Europa am Vorabend des Weltkriegs. Teil dieses Puzzles ist nicht nur der deutsche Militarismus, sondern auch Fehleinschätzungen und das riskante Spiel aller Staatenlenker. Es ist ein Krieg, den keiner wollte, aber mit dem jeder kalkuliert hatte. Ein Gespräch mit dem Meister der historischen Puzzle in Mainz:

Warum sollte man sich heute für den Ersten Weltkrieg interessieren?

Weil wir in Europa bis heute mit den Konsequenzen dieses Krieges leben. In Ungarn sind die Folgen noch sehr präsent. Die politische Landkarte Europas wurde durch diesen Krieg geprägt. Auch im Nahen Osten wie im Irak wirkt der Krieg bis heute nach. Zweitens ist durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und das Wiedererstarken eines freien Mitteleuropas eine weniger berechenbare, multipolare Weltordnung entstanden. Dieses System ist weniger transparent und dadurch gefährlicher – und es weist viele Parallelen zu der Zeit von 1914 auf. Deshalb lohnt es sich, sich mit dem Ersten Weltkrieg auseinanderzusetzen. Und: Zehn Millionen europäische Männer sind auf den Schlachtfeldern gestorben. Es ist aus meiner Sicht eine der größten Verfehlungen gewesen, dass wir dieses Stück Geschichte nicht europäisch verstehen.

Wir leben in einer Welt, die nach dem 11. September noch unsicherer geworden ist. Sollten Regierungschefs Ihr Buch lesen, um zu lernen, wie man einen Krieg vermeidet?

Es ist zu meiner großen Freude schon vereinzelt vorgekommen, dass mir Politiker berichteten, dass sie mein Buch gelesen haben. Der frühere australische Premierminister hat einen Blog über das Buch geschrieben. Aus seiner Sicht gibt es auch im Ostchinesischen Meer Schlafwandler. Ich weiß nicht, ob Politiker mein Buch lesen sollten. Aber sie sollten ein waches Auge auf diese Konflikte werfen, weil sie Beispiele dafür sind, wie aus der Verzahnung von regionalen Konflikten Kriege entstehen können.

Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie die deutsche Rolle beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs eher gering beleuchten. Was sagen Sie dazu?

Ich klammere die deutsche Rolle nicht aus, gehe aber davon aus, dass die meisten Menschen viel über die Rolle Berlins wissen. Mir ging es darum, den Schwerpunkt zu verlagern, um andere Gründe für den Kriegsausbruch in den Vordergrund zu rücken. Ich wollte das Bild komplexer beschreiben und europäisieren. Damit wollte ich die deutsche Rolle aber nicht gering schätzen. Ich wollte sie in den europäischen Kontext einbetten. Mein Ziel war, die Dynamik auf dem Balkan ernst zu nehmen. Natürlich sind die Aggressivität und Risikobereitschaft der deutschen Außenpolitik ernst zu nehmende Faktoren.

Mit Blick auf das nächste Jahr: Was kann man über den Ersten Weltkrieg noch erforschen?

Die russischen Quellen sind überhaupt noch nicht systematisch durchgearbeitet worden. Dort kann man noch viel über die Hintergründe der russischen Außenpolitik vor 1914 erfahren. Viel gibt es auch noch über die Hintergründe der Politik der Balkanstaaten zu sagen – nicht nur über Serbien, sondern auch über Bulgarien. Es geht aber gar nicht nur darum, nach unbekannten Dokumenten zu suchen. Novitäten, rauchende Colts wird man nicht mehr finden. Vielmehr sollten Historiker die vielen Einzelbefunde miteinander ins Gespräch bringen. Es gibt viele hervorragende serbische und russische Schriften, die im Westen noch weitgehend unbekannt sind. Wir müssen aus diesen Einzelteilen ein Gesamtbild schaffen. Außerdem sollten die Wissenschaftler stärker interdisziplinär arbeiten. Es gibt hervorragende spieltheoretische Analysen der Julikrise 1914 von Politikwissenschaftlern. Eine interessante Frage ist zum Beispiel, warum die Falken im Konflikt mit den Tauben so oft gewinnen.

Ist das ein Appell an Ihre Zunft?

Ja. Wir sollten ein gesamteuropäisches Bild malen und nicht vor den Sprachbarrieren zurückschrecken.

Beschäftigt Sie auch die Frage, wie ein Krieg die Psyche von Völkern über Generationen prägt?

Der Großvater meiner Frau und mein eigener Großonkel haben in derselben Schlacht gekämpft und haben sich vermutlich gegenseitig beschossen. Persönlich beschäftigt mich die psychologische Frage aber nicht so sehr. Ich finde den Krieg schrecklich. Und ich versuche, schreckliche Themen zu vermeiden. Zum Beispiel verstehe ich Kollegen nicht, die sich ihr Leben lang mit dem Holocaust beschäftigen. Das könnte ich nicht. Der Erste Weltkrieg ist ebenfalls ein schreckliches Thema. Er war ein Verrat der Väter an den Söhnen. Die Väter schickten die Söhne in die Schlacht. Denken Sie nur an Rudyard Kipling, der das Geburtsdatum seines Sohns vorverlegte, um ihn in eine Fronteinheit zu bekommen. Später schrieb er auf den Grabstein seines gefallenen Sohns: „Wenn jemand fragt, warum wir starben, sagt ihnen, weil unsere Väter logen.“ Käthe Kollwitz wurde durch den Tod ihres Sohns Peter im Ersten Weltkrieg zur Pazifistin, weil sie glaubte, ihren Sohn verraten zu haben.

Wenn der Erste Weltkrieg schrecklich war: Warum haben Sie sich dann mit ihm beschäftigt?

Das Schönste und zugleich Schlimmste daran war, dass ich ein Puzzle lösen wollte. Als Schüler habe ich gelernt, dass ich mich bei der Erklärung des Kriegsausbruchs nur an die fünf deutschen Provokationen erinnern muss: Schiffe, die Blankovollmacht des Deutschen Reichs an Österreich-Ungarn beim Vorgehen gegen Serbien, die beiden Marokko-Krisen, bei denen der deutsche Kaiser Wilhelm II. auf die französische Politik in Marokko mit Provokationen reagierte, und die Annexion der bislang zum Osmanischen Reich gehörenden Gebiete von Bosnien und Herzegovina durch Österreich-Ungarn. Aber schon damals habe ich gedacht: Nur dadurch kann dieser riesige Weltkrieg nicht ausgebrochen sein. Für mich war es ein riesiges, dreidimensionales Puzzle, wie ein großer Zauberwürfel. Mir erscheinen die Dinge jetzt jedenfalls klarer.

Das Gespräch führte Christian Kunst