Archivierter Artikel vom 09.01.2014, 16:05 Uhr

Heiße Memoiren: Ex-Pentagon-Chef Gates greift Präsident Obama an

Im Amt war Verteidigungsminister Robert Gates die Loyalität in Person, ein Pflichtmensch. Barack Obama hatte ihn aus dem Kabinett George W. Bushs übernommen,. um ein Zeichen des Brückenschlags über Parteienschluchten zu setzen. Jetzt im Ruhestand, zieht er kräftig vom Leder und „schießt“ gegen seinen früheren Oberbefehlshaber.

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Stille Wasser sind tief: Als linientreuer Regierungssoldat war Robert Gates (re) bisher bekannt, aber in seinen Memoiren zieht der parteilose Politer jetzt gegen Spitzen-Demokraten vom Leder.
Stille Wasser sind tief: Als linientreuer Regierungssoldat war Robert Gates (re) bisher bekannt, aber in seinen Memoiren zieht der parteilose Politer jetzt gegen Spitzen-Demokraten vom Leder.
Foto: Foto: dpa

Hinter verschlossenen Türen mag er Tacheles geredet haben, der routinierte Aktenverwalter mit dem streng gescheitelten Haar, draußen hütete er sich, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Dafür zieht er im Ruhestand umso kräftiger vom Leder. Und allein schon, weil der Verteidigungsminister a.D. als Erster von Rang, der einmal unter Obama gedient hat, seine Lebenserinnerungen zu Papier bringt, schlägt das Buch ein wie eine Bombe. „Duty: Memoirs of a Secretary at War“ (Die Pflicht: Memoiren eines Ministers im Krieg) ist zwar nur auszugsweise aus Vorabdrucken bekannt, aber schon die sorgen für ziemlichen Wirbel in Washington. Endlich mal einer, der sagt, wie es war.

War der Präsident vom Scheitern überzeugt?

Schonungslos offen erzählt der 70-Jährige von der Zeit, als Obama, auf das Ende kostspieliger Truppeneinsätze bedacht, den Krieg in Afghanistan abzuwickeln versuchte, ohne sein Gesicht zu verlieren, und dabei durchaus widersprüchliche Signale aussandte. Im Dezember 2009 stockte er das US-Kontingent am Hindukusch um dreißigtausend Mann auf, aber nur, um zugleich den Beginn des Rückzugs festzulegen, Sommer 2011. So weit nichts Neues, doch Gates skizziert ihn als einen Getriebenen, der gegen seine inneren Überzeugungen handelte und eigentlich nie an den Erfolg seiner Strategie glaubte. „Der Präsident war skeptisch, wenn nicht komplett davon überzeugt, dass sie scheitern würde.“

Zu den Schlüsselszenen gehört eine Besprechung im Weißen Haus, 3. März 2011, bei der Obama den Verdacht äußerte, die Armeespitze wolle den angepeilten Abzug durch gezielte Durchstechereien in der Presse infrage stellen. David Petraeus, der Afghanistan-Befehlshaber, seit seinen Erfolgen im Kampf gegen irakische Aufständische in Amerika zu einer Art Genie in Uniform verklärt, stand im Mittelpunkt der Kritik, und dass Obama den afghanischen Staatschef Hamid Karsai für einen chronisch unzuverlässigen Scheinverbündeten hielt, war längst kein Geheimnis mehr. „Ich saß da“, schreibt Gates, „ich saß da und dachte: Der Präsident vertraut seinem Kommandeur nicht, er kann Karsai nicht ausstehen, glaubt nicht an seine Strategie und betrachtet den Krieg nicht als seinen eigenen. Für ihn geht es nur darum, dort rauszukommen.“

Informationen zurückgehalten

Überhaupt, die Zivilisten und der Kommiss – bei Gates klingt es nach einer langen Geschichte gegenseitigen Nichtverstehens. Als die US-Regierung intern debattierte, ob man in Libyen auf Seiten der Rebellen gegen Muammar al-Gaddafi eingreifen solle, wies der Pentagon-Chef seine Untergebenen an, dem Stab des Weißen Hauses so wenig Informationen zu liefern. „Sie verstehen es nicht, und ‚Expertinnen‘ wie Samantha Power werden entscheiden, wann wir militärisch aktiv werden sollen.“ Power, einst eine glühende Anhängerin humanitärer Interventionen, damals Mitarbeiterin des nationalen Sicherheitsrats, ist heute UN-Botschafterin.

Biden und Clinton kommen noch schlechter weg

Immerhin, dem Politiker Obama bescheinigt der Memoirenschreiber eine hohe Integrität, während er dessen Vize Joe Biden ankreidet, immerzu „den Brunnen vergiftet“ und gegen die Generalität gestichelt zu haben. Hillary Clinton wiederum, heiß gehandelt als Präsidentschaftskandidatin 2016, kommt streckenweise so gut weg, dass es angesichts der Schelte gegen andere fast schon wie eine Wahlempfehlung klingt. „Ich fand sie klug, idealistisch, aber pragmatisch, hart, unermüdlich, witzig, eine sehr geschätzte Kollegin und eine großartige Repräsentantin der Vereinigten Staaten in aller Welt.“ Nur: Einmal habe Clinton ihrem Rivalen Obama gestanden, dass sie die Truppenaufstockung im Irak, 2007 von George W. Bush beschlossen, allein aus wahltaktischen Motiven abgelehnt habe. Da sich der Senator aus Chicago, ein früher Kritiker des Feldzugs im Zweistromland, in den Reihen der Demokraten als Antikriegskandidat profilierte, habe sie nicht anders gekonnt. „Das zu hören“, ereifert sich Gates, „war ebenso überraschend, wie es erschreckend war.“

Von unserem USA-Korrespondenten Frank Herrmann, Washington

Robert Gates in Wikipedia