Archivierter Artikel vom 20.07.2016, 19:39 Uhr
Ankara

Gülen-Bewegung: Wie aus Freunden Feinde wurden

Nach dem Putschversuch in der Türkei hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen für den Aufstand verantwortlich gemacht. Aus den einstigen Freunden wurden in den vergangenen Jahren Feinde. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Gülen-Bewegung:

Diese Demonstranten würden Fethullah Gülen am liebsten hängen sehen. Aber nicht immer waren Erdogan und der Prediger Feinde.
Diese Demonstranten würden Fethullah Gülen am liebsten hängen sehen. Aber nicht immer waren Erdogan und der Prediger Feinde.
Foto: dpa

Von Wiebke Rannenberg

Was tut die Gülen-Bewegung?

Die von dem türkischen Prediger Fethullah Gülen gegründete Bewegung mit Millionen von Anhängern ist heute in mehr als 170 Ländern verbreitet, sie nennt sich Hizmet (Dienst). Anhänger des Netzwerks betreiben vor allem Bildungseinrichtungen, besitzen Zeitungen und Fernsehsender und haben sich in Unternehmerverbänden zusammengeschlossen.

In Deutschland zum Beispiel verantworten der Gülen-Bewegung nahestehende Träger mehr als 300 Kultur- und Bildungsvereine und Nachhilfeangebote, fast 30 Schulen sowie viele Kindertagesstätten. Viele sind im interkulturellen Dialog engagiert. Im hessischen Offenbach hat die Mediengruppe World Media Group AG ihren Sitz, zu der die Zeitung „Zaman“ und der Fernsehsender Ebru gehören.

Was ist das Ziel der Bewegung?

Die Anhänger von Gülen setzen sich „aus einer konventionell konservativ geprägten islamischen Motivation heraus für zeitgemäße säkulare Bildung ein, da sie diesen Weg für eine effektive Mitgestaltung der modernen Welt für am besten geeignet halten“, schreibt Friedmann Eißler im Vorwort der im Herbst 2015 veröffentlichten Schrift „Die Gülen Bewegung (Hizmet)“ der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Begriffe wie Toleranz, Dialog und Bildung prägen die Kommunikation nach außen. Offen blieben aber Fragen, die die religiös-ideologische Zielsetzung der inneren Kreise der Bewegung beträfen, schreibt der Islamreferent der Zentralstelle, Eißler. Es existiere eine Spannung zwischen der Kommunikation nach außen und dem streng konservativ-islamischen Diskurs nach innen.

Wer ist Fethullah Gülen?

Fethullah Gülen wurde 1941 (oder 1938) im Nordosten der Türkei geboren. Nach nur wenigen Jahren Schule wurde er Imam und Wanderprediger und begeisterte in den 60er-Jahren viele Menschen für eine Verbindung zwischen islamischer Frömmigkeit und gesellschaftlichem Engagement. Schon als junger Mann habe sich Gülen auserwählt gesehen, mithilfe von Bildung „der Religion erneut zur Herrschaft“ zu verhelfen, schreibt der Türkei-Experte Günter Seufert in dem Sammelband „Die Gülen Bewegung“. Anhänger fand er vor allem in der türkischen Mittelschicht. Mitte der 90er-Jahre hatte er mehr als 300 private Schulen initiiert, seine Anhänger hatten wichtige Positionen im Staat inne. Gülen lehnte Parteien, die den Islam als politisches Programm hatten, ab und galt deshalb als weitgehend unpolitisch.

Ende der 90er-Jahre jedoch drängte das türkische Militär den islamistischen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan zum Rücktritt. Gülen stand wegen „Ausnutzung der Religion für politische Ziele“ vor Gericht, er floh 1999 in die USA, wo er bis heute lebt. Seine Anhänger in der Türkei gingen ein Bündnis ein mit der AKP – der Partei von Recep Tayyip Erdogan, heute Präsident und erklärter Feind Gülens.

Wieso wurde aus der Freundschaft zwischen Erdogan und Gülen Feindschaft?

Weil das Militär in der Türkei säkular eingestellt ist und auf dem Erbe des Staatsgründers Atatürk besteht, förderte Erdogan nach der Jahrtausendwende die Gülen-Anhänger in Justiz und Polizei, die beiden Männer arbeiteten eng zusammen. Bis 2010 schaffte es Erdogan, die Macht des Militärs zu brechen. Inzwischen äußerte sich Gülen in den fernen USA aber immer weniger türkisch-nationalistisch, er sei in die Rolle eines muslimischen Demokraten geschlüpft, schreibt Seufert. Zum Streit kommt es ab 2010, als Erdogan engeren Kontakt mit den arabischen Staaten sucht und gegen Israel agiert. Im Dezember 2013 schließlich starten Gülen nahestehende Staatsanwälte Ermittlungen wegen Korruption gegen vier Minister. Der Streit entwickelte sich laut Seufert „zum politischen Krieg“.

Wie ist die Situation heute?

Dieser „politische Krieg“ dauert bis heute an, zuletzt wurde zum Beispiel die auflagenstärkste Zeitung des Landes, „Zaman“, die Gülen nahesteht, unter staatliche Aufsicht gestellt, und Erdogan ließ die Gülen-Bewegung als Terrorgruppe einstufen. Und jetzt beschuldigt Erdogan den Prediger Gülen, hinter dem Putschversuch von Freitagnacht zu stehen – und lässt Hunderte von Staatsanwälten und Richtern suspendieren oder festnehmen.

Haben Erdogan und Gülen unterschiedliche Ziele?

Nach Ansicht von Friedmann Eißler geht es um „eine Machtauseinandersetzung, nicht um Inhalte“. Im Grunde hätten die beiden Männer „stark überlappende Ziele“, sagt der Theologe und Islamexperte Eißler. Gülen selbst wähle zwar sehr offene Formulierungen, aber im Grunde verfolge er für die Türkei eine „Scharia in modernem Gewand“, sagt Eißler. Gülen und Erdogan verbindet ihm zufolge das Ziel einer „islamisch geprägten Gesellschaft“. Die Staatsform sei dabei zweitrangig.