Archivierter Artikel vom 04.11.2014, 06:00 Uhr
Deutschneudorf

Grenzgänger: Mit dem Weihnachtsmann die Wende geschafft

Mit einer souveränen und doch liebevollen Handbewegung legt Bettina Franke die Grenzen fest. „Die hier vorn gehen nach Amerika, die da hinten nach Australien.“ Und unzählige andere bleiben.

In den Händen von Bettina Franke treffen Generationen aufeinander. Den Weihnachtsmann in der rechten Hand entwarf sie 1981 – es sollte ein Engel werden. In der linken Hand hält sie einen Weihnachtsmann, der nach 300 Jahre alter Tradition entstand und bald in Serie gehen soll.

Der MauerfallIn dieser Serie treffen unsere Redakteure Menschen, über die wir vor 25 Jahren anlässlich des Mauerfalls bereits berichtet haben. Was ist aus ihnen geworden?

Neue Ruten brauchen die Weihnachtsmänner: Andreas Franke schneidet das Reisig in Form.

Von unserer Mitarbeiterin Gabi Novak-Oster

Die zierliche Frau hat ihre Männer im Griff. Ihre Weihnachtsmänner. Von Deutschneudorf in alle Welt, das hört sich spannend an. „Grenzgänger“ titelten wir vor fast 20 Jahren in unserer Zeitung. Was ist aus den Männern und ihrer „Chefin“ geworden, und wohin wird ihr gemeinsamer Weg noch führen? Gedanken an die Zukunft sind unweigerlich auch ein Blick zurück.

Wo die Straßen schmaler werden und langsam an Höhenmetern gewinnen. Wo die Landschaft von Tälern zerschnitten und scheinbar unendlichen Wäldern geprägt ist. Wo die Häuserfassaden von Schiefer und Holz ummantelt werden, weil sie sich vor Wind und Wetter, vor allem aber vor kalten Wintertagen schützen müssen. Hier sind wir im Erzgebirge angekommen.

So widersprüchlich es klingt: Im Spielzeugdorf Seiffen sind vor allem Senioren unterwegs. In diesen Wochen herrscht lebhaftes Treiben in den bis zum letzten Winkel mit bunten Holzprodukten gefüllten Läden. Fünf Kilometer von Seiffen entfernt wird es beschaulich ruhig. Hier liegt Deutschneudorf, einen Steinwurf von Deutscheinsiedel und Böhmischneudorf in Tschechien entfernt. Geheimnisvoll klingende Grenzorte mit vielen Geschichten und Schicksalen. Zum Beispiel von Bettina Franke und ihrer Familie.

Familienbetrieb besteht schon in der sechsten Generation

Ruhig sitzen fällt Bettina Franke schwer, und lange Pausen kann sie sich auch gar nicht leisten mit Blick auf Hunderte „nackte“ Weihnachtsmänner, deren Gesichter sie noch schnitzen muss, ehe eine Mitarbeiterin Farbe anlegt. Die Kunden warten und erwarten besondere Arbeiten, echte Frankes eben. In sechster Generation führt die 57-Jährige den kleinen Familienbetrieb. So umfangreich und gefragt wie heute war dessen Produktpalette an Handschnitzarbeiten noch nie, in Anbetracht der Konkurrenz ringsum mehr als ein Kompliment.

Als Kind schaute Bettina Franke ihrem Opa Arthur zu, der die bekannten Schwibbögen fertigte. Gerne hätte er nach einem 300 Jahre alten Verfahren Weihnachtsmänner aus Naturteigmasse hergestellt, doch die DDR-Führung verweigerte dreimal ihre Zustimmung. „Die Tradition brach in der DDR einfach weg.“ Bettina Franke öffnet vorsichtig eine Schachtel von 1947 mit winzigen Figuren – Opas heimliche Werke, Gesamtkosten: „2,10 Mark“. Wie es mit der Methode weitergeht, will die Enkelin später erzählen.

In Dresden absolviert Bettina Franke ein Studium der Holztechnik, schließt ihre Handwerksmeisterprüfung erfolgreich ab. Mehr ist nicht drin. Der Wunsch, Möbel zu fertigen, erfüllt sich nicht – die junge Frau aus Deutschneudorf ist nicht in der Partei. Als sie in einem Antiquariat eine Karte von Heidelberg entdeckt und sich nach Freiheit sehnt, wird sie traurig und wütend zugleich. „Du wirst bestraft, weil du hier geboren bist. Wir waren richtig eingesperrt. Wir lebten, aber entwickeln durften wir uns nicht. Überall wurde eingegriffen, alles wurde reguliert“, erzählt sie.

Unterkriegen lässt sich Bettina nicht. 1979 verlässt sie Dresden und kehrt heim ins Dorf, sie heiratet, bekommt zwei Söhne. Und dann sogar ein Stück Freiheit: „In den 80er-Jahren konnte man sich bei uns wenigstens selbstständig machen.“ Das kleine Unternehmen nennt sie „Gänseliesel“, der Name ist bis heute geblieben. „1981 brauchte ich ein Weihnachtsgeschenk und wollte einen Engel schnitzen.“ So, wie sich die DDR-Oberen die „geflügelte Jahresendfigur“ wünschen. Die Zeichnung entsteht auf kariertem Papier. Als Bettina Franke die „Kästel“ miteinander verbindet – welch ein Schreck: Der Engel gleicht einem Weihnachtsmann. Bettina Franke holt aus dem Regal einen Mann in Rot, hält ihn stolz in der Hand: „Das ist die Urform.“ Die staatliche Genossenschaft als Vermarkter greift trotz des Engel-Malheurs zu. „Zwei Jahre später bekam ich den ersten Weihnachtsmann-Exportauftrag für die USA.“ Auch wenn die Farben blass sind – „es war super“, sagt Bettina Franke.

Die Situation ist es nicht. „Alles marode, die Lage wurde immer schwieriger, die Stimmung aggressiver“, erinnert sich Franke. Viele DDRler machen rüber, über Ungarn und die nahegelegene Tschechoslowakei. „Wir haben es auch überlegt.“ Vor allem, weil ein Sohn an Asthma leidet und seine Ärztin inzwischen auch gegangen ist. Die Frankes grübeln. Sollen sie die Koffer packen? Aber wie wird die Versorgung im Lager für den Jungen sein? Sie riskieren die Flucht nicht.

Am 9. November 1989 dreht Bettina Franke auf dem Dachboden mal wieder die Antennen. Die Nachrichten überschlagen sich. Die Mauer ist gefallen. „Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben.“ Weil ein Junge krank ist, fährt die Familie erst am 22. November in den Westen, nach Coburg. Bettina Franke hält inne. Als sie die 400 Mark Begrüßungsgeld bekommen, „habe ich ein bisschen meinen Stolz verkauft“. Sie empfindet die Geste als Mitleid, und schämt sich für ihre Landsleute, die in den Läden die Regale stürmen. „Wir haben eine Kiwi für einsdreißig und drei Bananen gekauft.“

Zu Hause bleibt keine Zeit zum Nachdenken. Weihnachten steht vor der Tür, und ein Händler nach dem anderen. Die Experten sehen Bettinas „misslungenen Engel“ und sind vom Weihnachtsmann begeistert. Immer wieder hört die Chefin den gleichen Satz: „Er ist anders.“ Ja, sinniert sie, alt und modern zugleich ist er, zeitlos, eckig, kantig. Ein Typ eben. Markant und mit Charakter. Gleicht er ihr? Sie lacht. „Ich glaube schon.“

Sie stehen in aller Welt: Australien, Japan, Kanada und USA

Wo andere noch grübeln, packen die Frankes an. Sie erkennen ihre Chance. „Und sind so in keen Loch gefallen.“ Sie kaufen gutes Lindenholz, bessere Farben. Und bleiben ihrem Weihnachtsmann treu, da ist zunächst kein Platz für Engel. „Ich steh auf Männer“, lacht Bettina Franke. Nachdem ihr „echter“ Mann Andreas in der Werkstatt mit der Maschine die groben Formen geschnitten hat, greift sie zum Messer und schnitzt die Gesichter. Keines wie das andere, jedes ein Unikat. Das spricht sich schnell unter Sammlern und Liebhabern herum. „365 Tage im Jahr machen wir Weihnachtsmänner.“ Sie stehen in aller Welt: Australien, Japan, Kanada, USA – mehr im Ausland als in Deutschland.

Im Laufe der nächsten Jahre erweitert sich das Sortiment, in Seiffen wird ein Ausstellungsraum bestückt, dessen Angebot in den Deutschneudorfer Betrieb locken soll. Von den inzwischen 150 Produktartikeln sind viele marken-, geschmacks- und patentrechtlich geschützt. Der Weihnachtsmann bleibt der Renner, gleichwohl in unterschiedlichen Größen und Gesten. „Tradition und Form“ werden 2006 vom Landkreis und dem erzgebirgischen Kunsthandwerkerverband ausgezeichnet.

Und dann, Bettina Franke hatte es angekündigt, kommt sie auf das neueste und dem Großvater noch verweigerte Verfahren aus Naturteigmasse zu sprechen, eine 300 Jahre alte Tradition, die fast in Vergessenheit geraten war. 20 Jahre tüftelt die Kunsthandwerkerin, um die richtige Masse zu entwickeln. „Sie darf nicht reißen, muss temperaturbeständig sein und die Farben annehmen.“ Das Unterfangen braucht Geduld. „Manchmal war ich erschöpft und dachte, lass es.“ Jetzt steht der erste Kerl im Regal, sein Grundkörper aus Holz, Gesicht und Hände aus der geheimen Masse. „Im nächsten Jahr gehen wir damit in Serie.“ Da blitzen die Augen der Schöpferin.

Die Mutter kann verstehen, als ihre beiden Söhne in die westlichen Bundesländer gehen. Nach dem Studium in Fachrichtung Holztechnik und Kommunikationstechnik bewerben sie sich im Osten vergeblich, bekommen Stellen im Westen. Ein Sohn kehrt aus Heimweh zurück. „Das ist ein Ding“, sagt die Mutter noch immer erstaunt. Die Rückkehr des zweiten „ist gar nicht so ausgeschlossen“. Hat sie bereut, nicht selbst in den Westen gegangen zu sein? „Nein. Jein. Ich weiß nicht.“ Natürlich ist „hüben“, also im Osten, alles viel schwieriger für die Menschen. Eigentlich müsste ein Kredit her, um zu erweitern, „aber das mach ich nicht“. Geld ist für Bettina Franke wichtig, entscheidend jedoch sind Bildung, Erziehung und Geradlinigkeit. Tugenden, die sie ihren Söhnen mitgegeben hat. „Ich kann in den Spiegel schauen“, sie lacht erschrocken. „Lieber nicht, die Falten ...“

Zehn Jahre will die 57-Jährige den Familienbetrieb noch leiten. Sie tut es begeistert und voller Freude. Ist sie selbstbewusster geworden in den zurückliegenden 25 Jahren? „Ich glaube nicht, ich war es schon. Wäre ich in der Partei gewesen, hätte ich es einfacher gehabt“, sagt sie.