Frankfurt

Gefriertruhe Deutschland bringt Obdachlose in Lebensgefahr

Klirrende Kälte und eisige Winde in Deutschland: Vor allem für den Osten werden die letzten Tage des Jahres zur Rutschpartie. Schnee- und Räumdienste sind im Dauereinsatz – und für Obdachlose wird die Kälte zunehmend zur Schicksalsfrage.

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Frankfurt/Main – Deutschland zittert sich ins neue Jahr. Ein Ende der Tage im Gefrierschrank ist fürs Erste nicht in Sicht, im Gegenteil: In den nächsten Nächten wird es nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Potsdam besonders kalt.

Vor allem Obdachlose sind bei dieser Kälte in Lebensgefahr: „Die Temperatur geht auf Werte zwischen -1 Grad im Westen und -20 Grad im Osten zurück, örtlich wird es sogar noch kälter“, warnt der DWD. Zum Vergleich: Ein Eisschrank erreicht minus 18 Grad Celsius.

Im vergangenen Winter gab es bundesweit 17 Kältetote, auch in diesem Jahr erfroren in Deutschland bereits mehrere Menschen. Nach einem Toten in Trier und einem weiteren Opfer in Ulm starb zudem ein 16 Jahre altes Mädchen. Es war nach einer Weihnachtsparty in der Nacht zum Sonntag in Niedersachsen betrunken in einen Graben gerutscht und konnte sich nicht mehr aus eigener Kraft befreien.

Kommunen und Bürger sind nach Expertenansicht in diesem Winter aufmerksamer und achten auf frierende Obdachlose. „Die Leute sind sensibilisiert“, sagt der Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V., Thomas Specht. „Viele sehen stärker hin und verständigen Hilfsorganisationen oder Polizei, wenn sie jemanden draußen liegen sehen.“ Das Problem: Einige Wohnsitzlose ziehen es trotz der Minusgrade vor, im Freien zu übernachten: Viele wehrten sich, mit in Unterkünfte zu kommen, weil sie schlechte Erfahrungen damit gemacht hätten, sagt Specht.

Andere dagegen sind dankbar für die warmen Stuben: Von knapp 500 Schlafplätzen im Hamburger Winternotprogramm waren fast alle Plätze belegt, wie eine Sprecherin der Sozialbehörde sagte. In Berlin stößt die Berliner Stadtmission an ihre Grenzen. Bei den Nachtquartieren wurde schon aufgestockt, für weitere fehlt es an Mitarbeitern und an Geld, beklagt eine Sprecherin. Eine Notübernachtung nahe des Hauptbahnhofs bietet eigentlich nur 60 Plätze – aber sie platzt aus allen Nähten. Bei den eisigen Temperaturen schlafen dort bis zu 160 Menschen dicht gedrängt in den Räumen.

Nach Ansicht Spechts sind nun die Kommunen gefragt: In den kommenden sehr kalten Nächten müssten Einrichtungen für die Betroffenen auch tagsüber geöffnet sein und U-Bahn-Stationen nachts offen gelassen werden, damit Wohnungslose vor einem möglichen Kältetod bewahrt werden. In Berlin wird das bereits getan: Als Notzuflucht für Obdachlose halten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) auch in diesem Winter drei U-Bahnhöfe bei Minusgraden nachts offen. Gebrauch wird davon allerdings kaum gemacht, da es viele andere Unterkunftsmöglichkeiten gibt, sagte eine Sprecherin.

Tauwetter ist bis auf weiteres nicht in Sicht: Hoch „Yannick“ bestimmt die Temperatur und hält die milde Luft auf Abstand. „Tiefs rennen vergeblich von Westen gegen “Yannick„ an“, sagt DWD- Meteorologin Dorothea Paetzold in Offenbach. Und wenn es die milde Luft in den nächsten Tagen hin und wieder schafft, in den Süden und Westen Deutschlands vorzudringen, dann bedeutet das Schnee, Regen und spiegelglatte Straßen. dpa