Archivierter Artikel vom 20.07.2016, 19:38 Uhr
Essen

Gefälschter Lebenslauf: Lügengebäude der Abgeordneten Hinz bricht ein

Seit elf Jahren sitzt die Essenerin Petra Hinz für die SPD im Bundestag. Wirklich bekannt wurde die 54-jährige Obfrau im Rechnungsprüfungsausschuss bisher nicht. Ihre vermeintliche Karriere war unauffällig: Abitur, Jura-Studium, Examen, Job, Lokalpolitik und dann 2005 der Sprung in den Bundestag. Einziger blinder Fleck: 2009 wurde gegen Hinz wegen Verdachts auf Steuervergehen ermittelt.

Die ehemalige Bundestagsabgeordnete Petra Hinz (SPD)  Foto: dpa
Die ehemalige Bundestagsabgeordnete Petra Hinz (SPD)
Foto: dpa

Von Dorothea Hülsmeier

Nun kommt heraus: Der wesentliche Teil des Lebenslaufes von Petra Hinz ist gefälscht. Als Reaktion auf die Veröffentlichungen legte sie ihr Bundestagsmandat nieder. Die Politikerin, die mit 18 in die SPD eintrat, hat weder das Abitur gemacht, noch hat sie 1985 bis 1995 Jura studiert. Sie hat auch kein erstes und zweites Staatsexamen in Jura abgelegt. Doch all diese Stationen sind in ihrer Vita auf der Internetseite des Bundestags aufgeführt.

Die SPD ist entsetzt, nicht nur im ohnehin von Skandalen gebeutelten Unterbezirk Essen, sondern auch in der Berliner Bundestagsfraktion. Groß ist die Überraschung, dass es eine Hochstaplerin in ihren Reihen bis in den Bundestag schaffte. Dabei seien Abitur und Studium gerade bei den Sozialdemokraten traditionell keine Eintrittsvoraussetzung für die Politik, betonen alle SPD-Politiker am Mittwoch immer wieder.

Ein knappes Jahr vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen kommt die Affäre zu schlechter Zeit für die Sozialdemokraten. NRW-Justizminister Thomas Kutschaty forderte als Chef des SPD-Unterbezirks Essen den sofortigen Rücktritt. „Wir alle sind schockiert, dass Petra Hinz uns 30 Jahre lang eine falsche Biografie aufgetischt hat.“ Die Bundestagsfaktion forderte Hinz zwar nicht direkt zum Rückzug auf, aber die Wortwahl lässt kaum Zweifel daran, was die Genossen von ihrer langjährigen Kollegin erwarten. Hinz selbst war am Mittwoch nicht zu erreichen. Lediglich ihr Anwalt verbreitete eine Erklärung. Den Grundstein für ihre Lebenslüge legte Hinz demnach mit der falschen Angabe, dass sie 1984 ihr Abitur gemacht habe. Tatsächlich machte sie im Jahr 1983 an einem Wirtschaftskolleg ihr Fachabitur.

Doch das schlechte Gewissen schien Hinz jahrelang zu plagen. Sie war bereits über 30 Jahre alt, als sie Mitte der 90er-Jahre nach Angaben ihres Anwalts auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachholen wollte, um „so zumindest eine Teil ihrer biografischen Falschangaben zu heilen“. Damals war Hinz bereits Mitglied im Essener Stadtrat, gab aus Zeitgründen die Schule aber wieder auf. Die Lebenslüge begleitete Hinz auf ihrem Weg, bis sie 2005 erstmals in den Bundestag gewählt wurde. In all den Jahren habe Hinz nicht die „Courage“ aufgebracht, für ihr Fehlverhalten geradezustehen.

Offenbar hat kein Parteikollege in all den Jahren an den angeblichen Karrierestationen von Hinz gezweifelt. Als sie vor wenigen Tagen ankündigte, dass sie nicht mehr bei der Bundestagswahl 2017 kandidieren werde und auch ihr Amt als stellvertretende Essener Parteichefin abgebe, zeigte sich NRW-Minister Kutschaty noch überrascht. „Ich bedaure ihren Rückzug sehr“, erklärte er.

In diesem Zusammenhang kam aber auch heraus, dass es zuvor einen anonymen „offenen Brief“ an die Essener SPD gegeben hatte, in dem Hinz Mobbing in ihrem Berliner Bundestagsbüro vorgeworfen wurde. Hinz wies diesen als „verleumderische Diffamierung“ zurück. Hinzu kam, dass das Essener Stadtmagazin „Informer“ Wind von dem gefälschten Lebenslauf bekam und kritische Fragen an Hinz stellte. Daraufhin kündigte die SPD-Politikerin ihren Rückzug aus der Bundes- und Lokalpolitik an. Nun fiel auch das Lügengerüst in sich zusammen.