Archivierter Artikel vom 16.06.2015, 22:29 Uhr
Mittenwald

Freundin weg und pleite wegen G7: Gipfelverrückter Bayer sucht jetzt Job

100 Millionen? 150? 300 oder noch mehr? Wie hoch die Kosten für den G7-Gipfel in Elmau auch letztendlich liegen, Fabian Rößler hat mehr investiert. Für den Gipfel hat der 36-Jährige aus Mittenwald rund 16 Monate als Bürgerjournalist gelebt, er hat deswegen seine Freundin verloren und ist pleite. Nun sucht er einen Job und sagt: „Ich würde alles wieder so machen.“

Über ein Jahr lang hatte das Leben von Fabian Rößler (rechts) nur um den G7-Gipfel gekreist, er hat seine Freundin verloren und ist in die Pleite geschlittert. Dafür ging es dann mit Mitstreiter Peter Reindl im Bundeswehrhubschrauber zum Treffen der Mächtigen. Foto: Martin Kriner
Über ein Jahr lang hatte das Leben von Fabian Rößler (rechts) nur um den G7-Gipfel gekreist, er hat seine Freundin verloren und ist in die Pleite geschlittert. Dafür ging es dann mit Mitstreiter Peter Reindl im Bundeswehrhubschrauber zum Treffen der Mächtigen.
Foto: Martin Kriner

Von unserem Redakteur Lars Wienand

Fabian Rößler staunte über die Journalisten in den Pressekonferenzen, die gleichzeitig zuhören und schreiben. Das kann er nicht. Dafür ist er von vielen der Organisatoren rund um Elmau mit Handschlag begrüßt worden. Fabian Rößler konnte seine Fotos von Obama, Merkel und Co auch nicht durch Objektive schießen, die den Wert eines Kleinwagens haben. Dafür haben die Politiker meist zu ihm geschaut, dem einzigen Langhaarigen. Fabian Rößler war ein Exot unter den 3000 Journalisten auf dem G7-Gipfel, er ist akkreditiert worden ohne Presseausweis. Er hatte auch 18 Monate lang den Gipfel gelebt unter vielen Entbehrungen. Er hofft, dass das nun zum Sprungbrett werden könnte für ihn in ein geregeltes Leben. „Das hatte ich seit Januar 2014 nicht mehr.“

Erinnerung an den Gipfel in Elmau: Fabian Rößler am Rednerpult, das Bild nachträglich versehen mit einer Botschaft. Foto: Martin Kriner
Erinnerung an den Gipfel in Elmau: Fabian Rößler am Rednerpult, das Bild nachträglich versehen mit einer Botschaft.
Foto: Martin Kriner

Da hatte es angefangen, am 23., einem Donnerstag, abends im Eiskeller einer Gastwirtschaft. Es war so feucht dort, dass Fabian Rößler und Peter Reindl die 150 Bilder für ihre Fotoausstellung hatten laminieren müssen. Etliche Zeit hatten sie in die Vorbereitung der Ausstellung gesteckt. An diesem Abend sollte ein größeres, aufwendigeres Projekt beginnen: Sie wurden g7-2015.de. Die Bundesregierung hatte an diesem Tag erklärt, dass der G8-Gipfel 2015 in Schloss Elmau stattfinden wird, also vor der Haustür der beiden Mittenwalder Freunde, dort, wo Rößlers Großvater Förster gewesen war. „Wir haben dann mal geschaut, ob noch eine Internetadresse frei ist.“

Es waren alle denkbaren frei, und von dem Moment ab gab es kein Halten mehr. Diplom-Kommunikationswirt Rößler und Informatiker Reindl reservierten gleich etliche und schrieben erste Texte. Als die Seite mit Feinschliff am 25. online ging, prangte darauf ein Logo, das die Staatschefs am Ende des Gipfels nach Hause begleiten sollte. „In den Präsenten der Staatschef war auch eine Flasche Bier aus Mittenwald mit unserem Gipfellogo.“

Es war ein Erfolg und ein ganzes Stück Arbeit, die Brauerei zum Jahresanfang von der Verwendung des Logos zu überzeugen. Örtliche Unternehmen winkten ab. „Auf den Werbegedanken ist niemand aufgesprungen.“ Sie putzten auch Klinken bei Konzernen. Mit dem politischen Ereignis in Verbindung gebracht werden? Nein, lieber nicht. Dabei wollten sich Rößler und Reindl aus aller Politik raushalten und halten sich noch heute raus, wenn es um Sinn und Unsinn des Gipfels geht. „Wir wollten nur unabhängig informieren.“

Das wurde zur Leidenschaft, und das führte dazu, dass wohl noch nie so gut ein Gipfel dokumentiert wurde. Hunderttausende Fotos haben die Beiden gemacht. Am 24. Januar 2014 entstanden die ersten an Schloss Elmau. Die Beiden wissen jetzt schon: Es wird anstrengend. Rößler dämmert auch recht schnell, „dass man über ein Jahr pleite ist und kein Privatleben hat“.

Großer Auftrieb. Vom Pressezelt am Fuß des Hügels geht es im Pulk hoch zum Schloss Elmau. Foto: Fabian Rößler
Großer Auftrieb. Vom Pressezelt am Fuß des Hügels geht es im Pulk hoch zum Schloss Elmau.
Foto: Fabian Rößler

Von nun an halten sie alle Infoveranstaltungen und alle Baumaßnahmen bis hin zum Gipfel fest. Sie sind bei jeder Infoveranstaltung und jedem Bürgergespräch, beim Treffen der Hotelbranche ebenso wie bei den Gipfelgegnern. Sie versuchen, jedem Gerücht nachzugehen und es aus der Welt zu schaffen. Wenn die Infoveranstaltungen vorbei sind, kommen Bürger zu ihnen, wenn sie noch Fragen haben, oder sie lesen auf ihrer Seite nach. Unabhängig sind sie sicher, aber nicht ganz unparteiisch. Sie sind parteiisch für die Heimat. „Wir haben in der Seite eine wichtige Steuerungsmöglichkeit gesehen.“ Die wichtigsten Infos zum Gipfel an einem Ort, eine Seite, die möglichst Ängste nimmt und deeskaliert und die das Signal auch nach außen vermittelt.

In den folgenden Monaten werden sich auch viele Journalisten auf g7-2015.de die Aufzeichnungen von Pressekonferenzen anschauen, und auch die Videos vom „einzigartigen Naturerlebnis oberes Isartal“, das Bildmaterial „Alpenwelt“. Nach manchen Berichten im Vorfeld haben sie den Eindruck, dass ihre Seite die Anlaufstelle für die Basisinfos war, und sie fühlen sich bestätigt. Manchmal rufen Journalisten auch an. Auf die Organisatoren der Proteste reden Rößler und Reindl ein, wie wichtig eine Distanzierung von Gewalt ist, um in Oberbayern buchstäblich Land zu sehen. Protest soll es doch geben, aber hässliche Bilder aus ihrer geliebten Heimat nicht.

Welcome dahoam... Rößler flog auch dort ein, wo sein Großvater einst Förster war. Foto: Fabian Rößler
Welcome dahoam... Rößler flog auch dort ein, wo sein Großvater einst Förster war.
Foto: Fabian Rößler

Das Bundespresseamt war sich anfangs gar nicht sicher gewesen, ob da nicht Gegner die Veranstaltung kapern. Es forderte die Herausgabe der Adresse. Einmal freundlich, dann bestimmter. Rößler. „Wir haben uns im Domainrecht schlau gemacht und geantwortet, dass wir kooperieren, dass wir aber die Adresse nicht herausgeben.“ g8-2015.de bleibt in ihrer Hand, und zieht auch später auf ihre neue Adresse um, als zum Treffen der Achte aus Russland nicht mehr erwünscht ist.

Da wittert Berlin von der Mittenwalder Seite längst keine Gefahr mehr. Am Rande der ersten größeren Bürgerinformation war es bereits zum Gespräch gekommen. „Sehr konstruktiv. Wir hatten den Eindruck, dass die froh waren über weitere Ansprechpartner vor Ort.“ Beim Kontakt mit dem G7-Planungsstab der Polizei stellt Rößler das Erstaunen auf der anderen Seite fest, „dass wir wirklich nur konstruktiv mitarbeiten wollen.“ Es sind die Tage, in denen auch Erkundigungen über die beiden eingeholt werden, wie sie später erfahren.

Es ist auch die Zeit, in der die Freundin von Fabian Rößler sagt, dass es keinen Wert mehr hat mit den Beiden. Er hat kaum Zeit, und es zeichnet sich ab, dass das schlimmer wird. Er hat kaum Geld, und es ist es erkennbar, dass es eher weniger wird. Und das wegen eines Treffens von Politikern, das zu diesem Zeitpunkt noch über ein Jahr entfernt ist. Es gibt viele im Werdenfelser Land im Kreis Garmisch, die das nicht verstehen. „Im Lokalen hat es auch am längsten gedauert, bis die Leute verstanden hatten, was wir da tun. Und manche haben es bis heute nicht begriffen.“ Da gibt es die, die sagen, dass das doch auch nicht gehe. Sich so einzumischen.

Selfie mit der Kanzlerin. Rößler bei einer Merkel-Pressekonferenz auf dem Gipfel. Foto: Martin Kriner
Selfie mit der Kanzlerin. Rößler bei einer Merkel-Pressekonferenz auf dem Gipfel.
Foto: Martin Kriner

Er hat dann Aufträge als Werber und Grafiker nur noch in dem Umfang angenommen, um seine Versicherungen zahlen zu können, sagt er heute. Reindl, Administrator bei einem örtlichen Mittelständler, arbeitet viel mit Gleitzeit, um alles unter einen Hut zu bekommen. Zum Vollzeitjob für Rößler wird der Gipfel ein Jahr vor dem Beginn. Jetzt laufen die Baustellen an, jetzt werden Glasfaserkabel verlegt, jetzt bringen Hubschrauber Teile für die Telekommunikationsmasten in die Bergwelt. Rößler oder sein Kumpel sind immer dabei.

„Das sind schon schöne Bilder.“ Fotos für einen Bildband, mit Bildern vom ersten Tag an und den besten ihrer 5000 Fotos vom Gipfeltreffen. „Wir möchten ein Buch herausbringen, möglichst bald.“ Viele der Einsatzkräfte warten förmlich auf so eine Erinnerung, sagen sie. Das Werk, es könnte helfen, dass sie für den Gipfel nicht auch noch draufzahlen, die Zeit gar nicht gerechnet.

Fabian Rößler auf der Fotografentribüne am Schloss. Die Perspektive, die sich dort bot, zeigt das nächste Foto, das er auf der privaten Gipfel-Facebookseite geteilt hat. Foto: Martin Kriner
Fabian Rößler auf der Fotografentribüne am Schloss. Die Perspektive, die sich dort bot, zeigt das nächste Foto, das er auf der privaten Gipfel-Facebookseite geteilt hat.
Foto: Martin Kriner

In den letzten Wochen davor habe er „nachts nur noch zwei, drei Stunden geschlafen“, weil viele Entscheidungen jetzt erst bekannt wurden, weil sich so viel tat, über das berichtet werden musste. „Viele Orte, an denen man permanent sein muss, wenn man alles mitbekommen will.“ Und viele Polizeikontrollen. 40, 50 Mal ist er in den letzten Wochen vor dem Gipfel kontrolliert worden, schätzt er. Drei paar Bergschuhe hat er verschlissen, ein Auto und eine Kamera haben den Geist aufgegeben, ein Computer, drei Webcams und ein Router durch einen Blitzeinschlag. Seine Liste der Verluste ist noch länger.

Als dann der Gipfel läuft, berichten andere, ihre Seite, 200.000 Besucher im Monat stark, ist in der Masse an Berichterstattung nicht mehr gefragt. „Wir haben den Gipfel und die Eindrücke dann einfach nur noch genossen.“ Wie die anderen Journalisten bringt sie ein großer Bundeswehrhubschrauber auf das Gelände. Anderthalb Meter entfernt geht Obama an Rößler vorbei. Es ist die Belohnung für 16 Monate Entbehrung und Selbstaufgabe.

Obama und Merkel. Foto: Fabian Rößler
Obama und Merkel.
Foto: Fabian Rößler

Rößler hat noch mehr mitgenommen. „Ich habe so viel gelernt. Über die Organisation von Großveranstaltung, über Sicherheit, über Kommunikation. Es sind Qualifikationen, die vielfach gefragt sein könnten. “Ich bin bereit für neue Herausforderungen.„ Das macht er auch deutlich auf seiner Facebookseite, wo in seiner Profilbeschreibung noch “General Manager at G7-2015„ steht. Auf seiner Pinnwand hängt auch das Foto von ihm am Rednerpult des Gipfels, nur leicht bearbeitet. “I'm looking for a job„, hat er im Bild auf das Pult geschrieben. Der Gipfel als Visitenkarte.