Archivierter Artikel vom 22.12.2017, 13:58 Uhr
Frankfurt/Hahn

Flugstreik: Vorweihnachtliche Zitterpartie für Ryanair-Passagiere beendet

Der erste Warnstreik der Ryanair-Piloten geht glimpflich ab. Es gibt zwar Verspätungen. Die Passagiere des Billigfliegers können aber Weihnachten an ihrem Wunschort feiern – manche allerdings entnervt.

Familie Salviati und die Narzisis sind nervös, als sie am frühen Freitagmorgen am Frankfurter Flughafen eintreffen. Die geplanten Weihnachtsbesuche bei Verwandten stehen auf der Kippe. Beide Familien wollen zwei Tage vor Heiligabend mit Ryanair ins italienische Catania (Sizilien) fliegen. Doch die Pilotengewerkschaft Cockpit hat zum Warnstreik aufgerufen. „Meine Frau war gestern kreidebleich“, erzählt Antonino Salviati aus der Nähe von Marburg sichtlich angespannt. An den Abfertigungsschaltern im Terminal 2 atmen die Familien aber allmählich auf: Alles läuft normal.

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit hat ihre Mitglieder zu einem Warnstreik an allen zehn deutschen Ryanair-Basen aufgerufen. Am Flughafen Hahn hat das für lange Passagiereschlangen an den Check-In-Schaltern gesorgt.
Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit hat ihre Mitglieder zu einem Warnstreik an allen zehn deutschen Ryanair-Basen aufgerufen. Am Flughafen Hahn hat das für lange Passagiereschlangen an den Check-In-Schaltern gesorgt.
Foto: Thomas Frey/dpa

Rund 120 Straßenkilometer entfernt am Hunsrück-Flughafen Hahn geht es nicht ganz so reibungslos zu: Drei Maschinen des irischen Billigfliegers starten erst mit mehrstündigen Verspätungen. Betroffen sind die Flüge nach Nador in Marokko sowie nach Venedig-Treviso und Comiso in Italien. Es ist der erste Warnstreik in der Geschichte des ehemaligen US-Fliegerhorstes. Die Passagierin Petra Federspiel zeigt Verständnis für die Piloten. Diese handelten allerdings auf Kosten der Passagiere: „Gerade in der Weihnachtszeit ist das natürlich sehr ärgerlich.“

Den scheinbaren Normalbetrieb der Ryanair an Deutschlands größtem Flughafen in Frankfurt erklärt der Sprecher der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC), Markus Wahl, im Terminal 2 so: „Frankfurt ist ein sehr neuer Standort. Viele Kollegen sind noch in der Probezeit und fürchten, dass die nicht verlängert wird.“ Am Hunsrück-Flughafen Hahn habe der Sicherheitsdienst einen streikenden Piloten aufgefordert, das Gelände zu verlassen. „Ryanair übt leider Druck auf die Piloten aus.“ Wahls Fazit: „Die Streikbeteiligung ist absolut zufriedenstellend.“

Die VC hat zu dem Warnstreik aufgerufen, rund 200 in Deutschland fest angestellte Ryanair-Piloten sollten sich beteiligen. Kern des Konflikts: Die Fluggesellschaft hat nicht alle Gewerkschafter für Verhandlungen anerkannt. Im Fokus sind die Arbeitsbedingungen der Piloten, die auch die Staatsanwaltschaft Koblenz beschäftigen.

Ryanair bezeichnet den Warnstreik als „unnötige“ Aktion und entschuldigt sich für Unannehmlichkeiten. Es hätten keine Flüge storniert werden müssen; 9 von 36 Morgenflügen seien bundesweit aber verspätet gestartet.

Jan van der Meulen aus Marburg und Jude Marek Przyborski aus Heidelberg waren sich nicht sicher, ob sie sich am frühen Freitagmorgen überhaupt auf den Weg nach Frankfurt am Main machen sollten. „Wir haben gestern eine Mail von Ryanair bekommen, dass wir erscheinen sollen“, sagt van der Meulen. „Jetzt bin ich positiv überrascht“, sagt Biologie-Professor Przyborski in der Schlange beim Einchecken. Dem Wanderurlaub in Schottland stehe nichts mehr im Wege.

„Richtig entspannt bin ich erst, wenn das Flugzeug startet“, sagt dagegen Salviati in Frankfurt, der mit seiner Frau und den beiden Kindern im Alter von neun Jahren und zehn Monaten unterwegs ist.

Familie Narzisi aus Frankfurt reist zu siebt. Gestern seien alle sehr aufgeregt gewesen, denn zu siebt finde sich nicht so leicht eine Alternative, sagt Mercedes Narzisi. „Das ist auch der einzige Direktflug nach Catania, und wir haben ein Baby dabei.“ Verständnis für den Warnstreik hat sie trotzdem: „Dass da was bei den Arbeitsbedingungen geändert werden muss, ist schon richtig.“

Auch am Flughafen Hahn sagt eine Passagierin mit Vornamen Heike, die von einer Verspätung betroffen ist: „Es ist zwar ärgerlich, dass wir jetzt hier warten müssen.“ Aber die Piloten seien zu verstehen. „Wir wollen ja auch arbeiten und unseren Lohn bekommen.“

An Deutschlands größtem Airport hat eine Familie aus Ludwigshafen, die mit zwei kleinen Kindern auf dem Weg nach Porto ist, von dem Warnstreik gar nichts mitbekommen. „Wir haben in Frankfurt im Hotel übernachtet und hatten keinen Internetzugang“, berichtet die Frau.

Luisa Wagner aus der Nähe von Eisenach ist mit der Familie ihres Freundes auf dem Weg in den Weihnachtsurlaub nach Lissabon. „Wir fliegen erst nach 9.00 Uhr und sind guter Hoffnung, dass das klappt“, sagt sie. Die VC hatte nur zwischen 5.00 und 9.00 Uhr zum Warnstreik aufgerufen. Verständnis dafür hat Wagner auch: „Es ist ihr gutes Recht zu streiken.“

Einschließlich des zweiten Weihnachtsfeiertages (26. Dezember) werde es keine weiteren Streikaufrufe geben, verspricht VC-Sprecher Wahl. Wie es dann weitergehe, hänge davon ab, ob Ryanair bereit sei, mit der Gewerkschaft auf Augenhöhe zu verhandeln.

Ira Schaible und Jens Albes, dpa