Archivierter Artikel vom 27.12.2013, 15:29 Uhr
Köln

Femen: Mit „Sextremismus“ gegen das Patriarchat

Erneuter Zwischenfall im Kölner Dom: Am Tag nach der Entweihung des Altars durch eine entblößte Femen-Aktivistin hat ein Mann den Gottesdienst gestört und lautstark mit dem Weihbischof diskutieren wollen.

Die „Femen“ haben einmal mehr mit nackten Brüsten protestiert – die Kritik an diesen Aktionen wird immer lauter.

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In Litauen demonstrierten Ende November Femen-Aktivistinnen für mehr Gleichberechigung in der EU.

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“Dictatorship must die" hat sich eine Femen-Aktivistin auf die Brust geschrieben. Sie kämpft gegen das diktatorische System in ihrem Heimatland Ukraine. Da hat die Femen-Bewegung auch ihren Ursprung.

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Die folgenden Bilder sind vom deutschen Onlineauftritt der Femen. Sie zeigen starke Frauen, die mit ihrer Nacktheit politische Statements setzen und damit auch gegen patriarchalische Grundsätze vorgehen.

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Wer und wie viele Aktivistinnen hinter der Bewegung stecken, ist kaum zu klären – am Ende könnten es sogar nur ein paar Dutzend Frauen seien, die jedoch geschickt die Öffentlichkeit finden.

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Ihre Wurzeln hat die „Frauenbewegung“ in der Ukraine. 2008 protestierten dort Hanna Huzol und etwa 50 weitere Aktivistinnen gegen Sextourismus in dem Land.

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Parallel kam es immer wieder zu Störungen in Fernsehsendungen. „Germany’s Next Topmodel“ mit Heidi Klum wurde ebenso mit nacktem Protest gegen das dort zur Schau gestellte Frauenbild bedacht wie eine Talkshow mit Markus Lanz.

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2011 kam es vor der italienischen Botschaft in Kiew zu einer Aktion gegen Italiens Staatschef Silvio Berlusconi und seinem Frauenbild.

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Im gleichen Jahr protestierten die Femen gegen die Fußball-EM. 2012 wurde ein „Ausbildungslager“ in Paris eingerichtet, und in Berlin und Hamburg wurde Femen Germany gegründet. Vor Kurzem wurde der Sitze aus der Ukraine nach Paris verlegt.

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Wie viele Frauen hinter der Organisation stehen, ist unbekannt. In einem eigenen „Femenshop“ im Web können Unterstützerinnen T-Shirts, Baseballkappen und Tassen mit dem Logo der Bewegung kaufen – doch das Feld „Wer wir sind?“ ist auf der Seite nicht anklickbar.

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Die deusche Aktivistin Josephine Witt hat nicht zum ersten Mal Aufmerksamkeit erregt. Bei der Hannover Messe gehörte sie zu den fünf Frauen, die halbnackt auf Kanzlerin Angela Merkel und den russischen Präsidenten Wladimir Putin zustürmten. Hier auf dem Bild wird eine Ausstellung boykottiert.

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Von unserem Digitalchef Marcus Schwarze

Er wurde von Domschweizern, den Ordnungskräften des Doms, aus der Kirche geführt. „Der Mann hatte wohl Gesprächsbedarf“, sagte Weihbischoff Ansgar Puff.

Gesprächsbedarf haben zurzeit viele, nicht nur Kirchgänger. In zahllosen Kommentaren bei Facebook äußern sich die Teilnehmer zu der vorangegangenen jüngsten Aktion der „Femen“ während des Weihnachtsgottesdienstes von Kardinal Joachim Meisner. Dabei war die 20-Jährige Josephine Witt in den Altarraum gestürmt und auf den Vierungsaltar geklettert. Sie entblößte ihre Brüste, auf die sie den Satz „I am God“ (Ich bin Gott) geschrieben hatte.

Gegen patriarchalische Institutionen

Wofür oder wogegen sich der Protest richtete, war zunächst nicht klar: Auf der Facebookseite wurde die „gesamte Religion“als „arm und krank“ bezeichnet, zuvor war dort in einem Gedicht die Gleichberechtigung und Freiheit der Frau hervorgehoben worden. Aus früheren Veröffentlichungen geht hervor, dass sich die „Femen“ gegen patriarchische Institutionen richten und gegen eine Versklavung der Frau vorgehen.

Ordnungskräfte des Doms brachten die Frau in einen Nebenraum, bis die Polizei eintraf. Domprobst Feldhoff stellte noch am gleichen Tag einen Strafantrag. Die Polizei zeigte die Aktivistin wegen Störung der Religionsausübung und Hausfriedensbruchs an. Josephine Witt erstattete ihrerseits Anzeige wegen Körperverletzung, sie sei von den Domschweitzern verletzt worden. Auf Videoaufnahmen ist zudem zu sehen, wie ein empörter Besucher auf die von den Ordnungskräften festgehaltene Frau einschlägt.

Josephine Witt gehört zu den Aktivististinnen. Die 19-Jährige sprang fast nackt auf den Altar des Kölner Doms.
Josephine Witt gehört zu den Aktivististinnen. Die 19-Jährige sprang fast nackt auf den Altar des Kölner Doms.
Foto: dpa

„Unverschämtheit, Ungehörig“, lauteten noch einige der harmlosen Kommentare zu der Protestaktion. Andere entluden ihren Ärger mit drastischen Worten: „Das sind keine Feministinnen, sondern psychisch kranke Exhibitionistinnen“, hieß es da. „Die Kirche kritisieren – oh ja, das sollte und muss erlaubt sein. Aber hasserfüllte Hetze gegen jeden Katholiken, wie sie hier aufkeimt, ist nicht zielführend“, schrieb eine andere. In Hunderten Kommentaren wurden die Femen ganz überwiegend kritisiert. Zustimmung war eher selten.

Femen sind nicht zimperlich

Noch im Dom hatte der Erzbischof zweimal Beifall für seine eigene Reaktion bekommen – das erste Mal, als er direkt nach dem Vorfall zum Gesang einlud, „auch wenn es zu Vorfällen kommt, über die man schon mal den Kopf schütteln“ könne. Ein zweites Mal Beifall bekam er laut „Kölner Stadt-Anzeiger“, als er sagte, die Frau habe „Gottes Segen gewiss besonders nötig“.

Die Femen selbst sind in ihrem Vorgehen wenig zimperlich. Auf ihrer Internetseite zeigen sie eine Frau mit mit entblößten Brüsten, in den Haaren einen Blumenkranz und in der einen Hand eine scharfe Sichel; in der anderen hält sie triumphierend zwei abgeschnittene blutige Hoden. Das martialische und gewiss nicht jugendfreie Bild, das augenscheinlich professionell montiert wurde, prankt vor einem Schriftzug „Women’s Movement – Sextremism Femen“.

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Wer und wie viele Aktivistinnen dahinter stecken, ist kaum zu klären – am Ende könnten es sogar nur ein paar Dutzend Frauen seien, die jedoch geschickt die Öffentlichkeit finden. Ihre Wurzeln hat die „Frauenbewegung“ in der Ukraine. 2008 protestierten dort Hanna Huzol und etwa 50 weitere Aktivistinnen gegen Sextourismus in dem Land. 2011 kam es vor der italienischen Botschaft in Kiew zu einer Aktion gegen Italiens Staatschef Silvio Berlusconi und seinem Frauenbild.

Im gleichen Jahr protestierten die Femen gegen die Fußball-EM. 2012 wurde ein „Ausbildungslager“ in Paris eingerichtet, und in Berlin und Hamburg wurde Femen Germany gegründet. Vor Kurzem wurde der Sitz aus der Ukraine nach Paris verlegt, Die Gründerinnen sagten, sie seien aus Angst um ihr Leben und ihre Freiheit aus der Ukraine geflohen. Wie viele Frauen hinter der Organisation stehen, ist unbekannt. In einem eigenen „Femenshop“ im Web können Unterstützerinnen T-Shirts, Baseballkappen und Tassen mit dem Logo der Bewegung kaufen – doch das Feld „Wer wir sind?“ ist auf der Seite nicht anklickbar.

Die Aktivistin Josephine Witt

Aktivistin Josephine Witt hat nicht zum ersten Mal Aufmerksamkeit erregt. Bei der Hannover Messe gehörte sie zu den fünf Frauen, die halbnackt auf Kanzlerin Angela Merkel und den russischen Präsidenten Wladimir Putin zustürmten. Putin kommentierte später, mit vermutlich genau jenem Unterton, gegen den die Frauen protestieren: „Die Aktion hat mir gefallen. Daran ist nichts Schreckliches.“ Parallel kam es immer wieder zu Störungen in Fernsehsendungen. „Germany’s Next Topmodel“ mit Heidi Klum wurde ebenso mit nacktem Protest gegen das dort zur Schau gestellte Frauenbild bedacht wie eine Talkshow mit Markus Lanz.

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Immer wieder tauchen Femen in der Öffentlichkeit auf

Jetzt ist eine Aktivistin mit nacktem Oberkörper während der Weihnachtsmesse im Kölner Dom auf den Altar gesprungen. Was halten Sie davon?

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Die Aktionen der Femen sind okay, aber nicht in der Kirche.
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Ich bin selbst Femen-Aktivistin.
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Die Kritik aus der Öffentlichkeit an solchen Aktionen wurde zuletzt lauter: So setzten die Aktivistinnen auf Plakaten in Hamburg die Prostitution mit dem Holocaust gleich, was von vielen Gruppierungen scharf kritisiert wurde. Auch von der Altarstürmung in Köln gab es deutliche Distanzierungen, etwa bei den Grünen.

Reaktionen weltweit werden härter

Die Reaktionen werden bisweilen gefährlich: In Tunis wurde eine Frau inhaftiert, die das Wort „Femen“ an eine Mauer geschrieben hatte. Als drei andere Aktivistinnen sich vor das Gefängnis postierten, wurden sie ebenfalls festgenommen und saßen vier Monate im Gefängnis.

Ob der 20-Jährigen Josephine Witt nun Ähnliches in Deutschland droht, bleibt abzuwarten. Störung der Religionsausübung ist in Deutschland ein Offizialdelikt und wird daher auch ohne Anzeige verfolgt. Die Tat kann mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft werden. Der religionspolitische Sprecher der Grünen, Volker Beck, hat unterdessen die nun drohende Höhe der Strafe kritisiert.

Kardinal Meisner hatte nach der Aktion im Dom zusammen mit dem Domzeremoniar den Altar symbolisch gereinigt, neu eindecken lassen und mit Weihwasser besprengt. „Man sollte so etwas nicht durch übertriebene Öffentlichkeit aufwerten“, warnte Weihbischof Dominikus Schwaderlapp.