Archivierter Artikel vom 09.11.2018, 14:00 Uhr
Washington

Faktencheck: Wie lief die Acosta-Geschichte wirklich ab?

Nach der US-Zwischenwahl sorgt ein Wortgefecht zwischen Präsident Donald Trump und dem CNN-Journalisten Jim Acosta für Aufsehen. Bei der Pressekonferenz im Weißen Haus weigert sich Trump, weitere Fragen Acostas zu beantworten. Daraufhin versucht eine Mitarbeiterin des Weißen Hauses, Acosta das Mikrofon abzunehmen. Es kommt zu einem leichten Gerangel zwischen Acosta und der jungen Frau. Die Sprecherin des Weißen Hauses, Sarah Sanders, wirft Acosta später vor, er habe Hand an die Praktikantin („placing hands on a young woman“) gelegt. Als Beleg dafür veröffentlicht Sanders auf Twitter eine kurze Videosequenz.

Twitter

We stand by our decision to revoke this individual’s hard pass. We will not tolerate the inappropriate behavior clearly documented in this video. pic.twitter.com/T8X1Ng912y

— Sarah Sanders (@PressSec) 8. November 2018

Behauptung: Mehrere Nutzer werfen der Trump-Sprecherin vor, sie habe als Beweis für „unangemessenes Verhalten“ Acostas ein manipuliertes Video hochgeladen.

Bewertung: Eine Manipulation wie zum Beispiel das Hinzufügen von bearbeiteten Einzelbildern lässt sich auf Grundlage des vorliegenden Materials bisher nicht eindeutig beweisen. Eine videotechnische Analyse der britischen Zeitung „Independent“ kommt zu dem Schluss, dass in der entscheidenden Szene der Sanders-Version ein Einzelbild minimal länger gezeigt wird.

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Ungeschnittene Szene im Video von „Time“ Fakten: Das von Sanders auf Twitter verbreitete Video stammt allem Anschein nach nicht vom Weißen Haus selbst. Sanders oder ihr Team haben es vermutlich aus anderer Quelle. Der Aktivist und Trump-Anhänger Paul Joseph Watson behauptet, die Videosequenz mit einem Schnittprogramm erstellt und dabei die Zoomfunktion verwendet zu haben. Watson bestreitet, die Aufnahme manipuliert zu haben. Er hat sein Video bei Twitter am Mittwochabend (Ortszeit) 46 Minuten vor Sanders hochgeladen.

Grundlage ist ein Video des US-Senders C-Span. Das leichte Gerangel zwischen Acosta und der Mitarbeiterin wird in dem von Sanders verbreiteten Videoclip herangezoomt und in Zeitlupenwiederholung gezeigt. Der Vorwurf der Nutzer lautet, dass in der Zoom-Szene bei der Bewegung von Acostas Arm nach unten weitere Einzelbilder hineinkopiert worden seien, um die Szene dramatischer wirken zu lassen.

Der Leiter der Videoredaktion des „Independent“, Tom Richell, hat nach eigenen Angaben das Sanders-Video mit einer von der Nachrichtenagentur AP zur Verfügung gestellten Originalaufnahme verglichen. Richell kommt zu dem Schluss, dass die entscheidende Szene der Armbewegung Acostas in Sanders' Video einen kurzen Moment (etwa eine Zehntelsekunde – drei Frames) länger zu sehen ist als im Original. Diese Verzögerung durch eine kurze Pause sei auch im restlichen Video erkennbar. Die Ursache für diesen Unterschied bleibt bis auf weiteres unklar. Es könnte sich um eine bewusste Manipulation oder aber um eine technisch bedingte Verzögerung handeln. Richell sagt dazu, Urheber und Grund der Bearbeitung seien dem „Independent“ nicht bekannt.

Beim US-Fernsehformat besteht eine Sendesekunde aus 30 einzelnen Bildern. Bedingt durch die Zeitlupe wird nicht jedes einzelne Bild einer Szene flüssig dargestellt. Es entsteht eine Art Doppelbilder, die Bewegung ist ruckartiger und verschwommener. Dies könnte zusätzlich ein Grund dafür sein, dass der in Zeitlupe abgespielte Ausschnitt im Ablauf leicht abweicht.

Durch das Heranzoomen und die Zeitlupe wird die auf den ersten Blick unscheinbare Szene besonders in den Fokus der Wahrnehmung gerückt. Das Hervorheben der Szene kann den Eindruck einer stärkeren Armbewegung als in der Totalen des US-Senders erwecken. dpa