Archivierter Artikel vom 08.06.2010, 08:18 Uhr

Experte: Ein Sieg von Gauck wäre Merkels Ende

Berlin/Rheinland-Pfalz – Joachim Gauck, der freiheitsliebende Bürgerrechtler und rot-grüne Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, kann für Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zur ernsten Gefahr werden.

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Zwar verfügt Schwarz-Gelb über eine komfortable Mehrheit in der Bundesversammlung, die den Präsidenten wählt. Doch sollte wider Erwarten nicht der Koalitionskandidat Christian Wulff, sondern Gauck am 30. Juni gewinnen, dann wäre dies das Aus für Merkel. Davon ist der Parteienforscher Ulrich Sarcinelli überzeugt.

Als Bundespräsident Horst Köhler aus Schloss Bellevue flüchtete, kam Merkel Gauck nicht in den Sinn, obwohl sie zu seinem 70. Geburtstag eine euphorische Lobrede gehalten hatte. Auch, als SPD-Chef Gabriel in einer Kurznachricht (SMS) den Ex-Beauftragten für die Stasi-Unterlagen als gemeinsamen Kandidaten vorschlug, reagierte sie nicht. Fürs eigene Machtgefüge schien ihr der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff geeigneter zu sein.

Ein Fehler? Es mehren sich in CDU und FDP Stimmen, die Gauck große Sympathie zollen und bei der geheimen Wahl in Versuchung geraten könnten. Auch 2004 war die Mehrheit für Horst Köhler hauchdünn, weil Gesine Schwan (SPD) zehn Stimmen aus dem schwarz-gelben Lager erhielt. Dass aber der Theologe und brillante Redner Gauck tatsächlich gewinnt, ist für Sarcinelli „eine extreme Hypothese“ – eine, „die nicht unbedingt das Ende von Schwarz-Gelb wäre, aber das von Angela Merkel“. Das würde sie in der CDU isolieren, zumal Merkel nur mit ganz wenigen die Nachfolge Köhlers besprochen hat.

Sarcinelli hält es aber auch für unwahrscheinlich, dass die Linkspartei den rot-grünen Kandidaten wählen wird. Umfragehoch für Gauck hin oder her: Für den Landauer Parteienforscher steht fest, dass die Entscheidung in der Bundesversammlung nicht ohne Machtkalkül über die Bühne gehen wird – zumal für Merkel so viel auf dem Spiel steht. „Zur Ehrenrettung von Wulff“ fügt denn auch Sarcinelli hinzu: Auch der Niedersachse könne als Bundespräsident sein Profil noch mit Ecken und Kanten schärfen.

Ursula Samary