Archivierter Artikel vom 09.11.2018, 19:59 Uhr
Berlin

Erster gemeinsamer Aufritt der CDU-Kandidaten: (K)ein Heimspiel bei der Frauen-Union

Ein Dutzend Kamerateams und noch mehr Fotografen sind zum ersten Termin der drei Kandidaten für den CDU-Vorsitz gekommen. Bald wird man sie öfter so sehen: Kommende Woche starten Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn und Friedrich Merz ihre Vorstellungstour durch Deutschland. Doch jetzt treten sie zum ersten Mal gemeinsam auf – bei der Frauen-Union in Berlin.

Gregor MayntzLesezeit: 3 Minuten
Kandidaten
Eingerahmt von Konkurrenten: Annegret Kramp-Karrenbauer zwischen Jens Spahn (r.) und Friedrich Merz.
Foto: Michael Kappeler – dpa

Für Annegret Kramp-Karrenbauer ist es ein Heimspiel. Die Frauen-Union hat sich längst für sie positioniert. Es dürfte auch ihrem organisatorischen Geschick zu verdanken sein, dass die Vorstellungsrunde mit Aufmerksamkeit für die Frauen-Union startet, in der sie viele Freundinnen hat. Zur Verstärkung ist sogar die frauenpolitische Ikone der CDU, Rita Süssmuth, angerückt. Kramp-Karrenbauer greift gleich zu Beginn ihrer Vorstellung ein Zitat von Süssmuth auf und bekräftigt es: „Ohne Frauen ist kein Staat zu machen.“ Dann verweist sie darauf, dass Deutschland zu 50 Prozent aus Frauen bestehe, die CDU nur zu 26 Prozent und die Unionsfraktion lediglich zu 20 Prozent. Das zeige, dass hier noch „viel Luft nach oben“ sei. Und genau das sei die Aufgabe.

Vorschusslorbeeren für AKK

Und dann räumt sie auf mit typischen sogenannten Frauenthemen und unterstreicht: „Sicherheit ist eine Frauensache.“ Friedrich Merz grinst freundlich zu der Tatsache, dass der erste Punkt an die Konkurrentin geht. Sie hat den früheren Unionsfraktionschef mit „lieber Friedrich“ begrüßt. Der grüßt die beiden anderen mit „liebe Mitbewerber“. Und Gesundheitsminister Jens Spahn, der als einziger noch ein Regierungsamt nebenbei ausüben muss, sagt „liebe Annegret“ und „lieber Herr Merz“.

Spahn lächelt ein wenig gequält und redet von dem verloren gegangenen Vertrauen, das die CDU zurückholen müsse. Und davon, als Minister einen neuen Blick auf die Rolle und die Bedeutung der Frauen bekommen zu haben, die als Ärztinnen, Pflegekräfte und auch in der Physiotherapie das Gesundheitssystem ganz wesentlich schulterten. Hier stelle sich die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ganz neu.

Spahn hat das Wechselbad der Gefühle vom 29. Oktober inzwischen verarbeitet. Man muss sich das einmal vorstellen: Erst kündigt Merkel für ihn überraschend an, sie wolle im Dezember nicht mehr für den Parteivorsitz kandidieren. Das ist der Moment, in dem die Sterne plötzlich zum Greifen nah erscheinen. Dann taucht, für Spahn genauso überraschend, mit Merz plötzlich ein Konkurrent auf, den er gar nicht mehr so richtig auf dem Zettel hatte. Denn dass Merz ein Comeback in der Bundespolitik anstrebt, wussten wohl bis zuletzt nur wenige Vertraute. Und zu denen gehört Spahn nicht.

Merz kennt die Argumente, die gegen ihn sprechen. Eines davon lautet, er sei ein Mann von gestern, der mit den neuen Herausforderungen – der Spaltung der Gesellschaft, dem neuen Konkurrenten AfD, der Energiewende – nicht vertraut sei. Das spricht er offensiv an. Merz empfiehlt sich mit den Worten: „Die Welt hat sich verändert, ich mich übrigens auch, aber das werde ich ihnen bei anderer Gelegenheit noch etwas erläutern.“ Merz wirft vor der Frauen-Union seine Kompetenz als Vater und Großvater in die Waagschale und dass er etwas von der Schwierigkeit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie verstehe. Nach zehn Jahren außerhalb des Politikbetriebs kann er auch kritisch anmerken, dass die Politik zwar gesetzliche Vorgaben für die Wirtschaft zur Frauenförderung mache, es aber überzeugender wäre, wenn sie selbst in der eigenen Verwaltung mit gutem Vorbild vorangehe.

In den kommenden vier Wochen sollen sich die Kandidaten bei acht Regionalkonferenzen vorstellen. Der Diskussionsbedarf in der Partei ist sehr groß. Fast überall wurden große Hallen angemietet. Auch die Parteivereinigungen laden die Kandidaten ein. Am 30. November soll alles über die Bühne gegangen sein. Geplant ist, dass alle drei Kandidaten bei den Regionalkonferenzen jeweils zehn Minuten reden. Danach sollen die Parteimitglieder die Gelegenheit bekommen, Fragen zu stellen. Wer in welcher Reihenfolge spricht, wird jeweils ausgelost.

Das Rennen wird spannend

Aus der Frauen-Union hörte man in ersten Reaktionen, AKK sei authentisch gewesen und habe ihre Themen platzieren können. Merz hingegen sei schwach gewesen und soll kein gutes Wort über die Regierungsarbeit von Merkel gesagt haben. Auch Spahn haben die Frauen als „schwach“ wahrgenommen. Wer am Ende das Rennen machen wird, darauf wollten die Damen aber keine Wetten abschließen. In den Wählerumfragen liegt Kramp-Karrenbauer derzeit auf dem ersten Platz, knapp vor Merz. Deshalb wird Spahn jetzt manchmal gefragt, ob er Merz nicht den Vortritt lassen wolle. In den nächsten Tagen ist damit auf jeden Fall nicht zu rechnen. Spahn will wohl erst einmal schauen, wie es bei den Regionalkonferenzen für ihn läuft.

Von unseren Berliner Korrespondenten Gregor Mayntz und Eva Quadbeck

Was Bernhard Vogel seiner Partei rät

Bernhard Vogel war zu Gast bei der Landespressekonferenz in Mainz: Was der ehemalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und von Thüringen seiner Partei zu sagen hat:

Zu seiner Unterstützung für Annegret Kramp-Karrenbauer:

„Ich persönlich als Delegierter habe die Absicht, meine Stimme Frau Kramp-Karrenbauer zu geben. Aus drei Gründen. Erstens: Sie verfügt über langjährige Regierungserfahrung. Nicht nur als Ministerpräsidentin, sondern auch in zwei Ressorts – Innen und Soziales –, wenn ich mich recht erinnere. Sie weiß, was Bundesrat ist, sie weiß, was Bundestag ist. Sie ist dort aufgetreten. Sie hat diese Erfahrung. Zweitens: Sie hat bewiesen, dass sie in schwierigen Situationen Wahlen gewinnen kann. Drittens: Sie hat ein neues Parteiprogramm angestoßen. Und durch den Besuch der ganzen Partei während ihrer Zuhöraktion bewiesen, dass sie nicht nur reden, sondern eben auch zuhören kann.“

Vogel darüber, was der neue Vorsitzende der Union leisten muss (und indirekt über Friedrich Merz):

„Eine neue CDU bedeutet nicht, dass man sich in das Gestern zurückträumen kann. Die CDU muss sich für die Zukunft aufstellen und nicht an die Vergangenheit erinnern. Ich glaube, dass Letzteres bei einem Kandidaten eher der Fall wäre als bei anderen.“

Die Warnung an die CDU vor zu viel Streit an der Spitze:

„Ich hoffe, was sich vor 30 Jahren in Koblenz abgespielt hat (Vogel wurde von seiner Partei gestürzt, Anm. d. Red.), dient einigen zur Warnung, wie man es nicht machen sollte. Man sollte darauf achten, dass die Führung einer Partei geschlossen ist. Nach meiner Erfahrung ist für den Wähler weniger nachvollziehbar, ob die Partei bei einer Abstimmung im Landtag dafür gestimmt hat, das ,und‘ durch ein ,oder‘ zu ersetzen, als das Gefühl: Die können miteinander. Man vertraut einen Staat nicht jemandem an, der schon Schwierigkeiten hat, seinen eigenen Laden in Ordnung zu halten.“

Zur Frage, ob Angela Merkel Kanzlerin bleiben kann:

„Ich bin immer grundsätzlich dafür, dass politisches Spitzenamt und Parteivorsitz in einer Hand sein sollten. Das habe ich immer vertreten. Das lässt sich leicht begründen: Erstens spart es Zeit, und zweitens erspart es unnötige Schwierigkeiten. Aber ich weiß auch, dass es Ausnahmen gibt: Ich selbst beispielsweise in Thüringen. Angela Merkel kann in diesem speziellen Fall Kanzlerin bleiben. Sie hat es ja in ihrer bemerkenswerten Erklärung begründet und auch von einer Ausnahmesituation gesprochen.“ zca

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