Archivierter Artikel vom 20.05.2014, 06:00 Uhr
Moskau

Der Stern der Politikone Timoschenko verblasst

Aggressive Töne sind das Markenzeichen von Julia Timoschenko. Die zierliche Frau mit dem Madonnengesicht teilt verbal aus, was das Zeug hält. „Ich bin bereit, eine Kalaschnikow zu nehmen und dem Mistkerl in den Kopf zu schießen!“ sagte sie über Wladimir Putin am Telefon – das Gespräch wurde vom russischen Geheimdienst mitgeschnitten.

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Foto: picture alliance

Von unserer Moskauer Korrespondentin Doris Heimann

Von den USA forderte Timoschenko zur Bekämpfung der prorussischen Separatisten in der Ostukraine kurzerhand militärische Hilfe. Und ihren politischen Widersacher im Rennen um die ukrainische Präsidentschaft, den Milliardär Petro Poroschenko, nennt die Politikerin verächtlich eine „Kompromissfigur für die Oligarchen“. Im Falle seines Sieges droht sie mit einer „dritten Revolution“.

Zurzeit deutet alles daraufhin, dass der proeuropäische Poroschenko die Wahl am 25. Mai gewinnen wird. Umfragen sehen den 48-jährigen Süßwarenfabrikanten zwischen 33,7 und 40 Prozent. Julia Timoschenko, 53 Jahre alt, die für ihre Vaterlands-Partei an den Start geht, liegt mit Werten zwischen 6 und 8,8 Prozent weit abgeschlagen auf Platz zwei. Manche Politologen gehen davon aus, dass Poroschenko im ersten Wahlgang siegt und es Timoschenko nicht einmal gelingen wird, den „Schokoladenkönig“ in die Stichwahl am 15. Juni zu zwingen.

Präsident Janukowitsch entlarvt

Doch wie kommt es, dass der Stern der einstigen „Ikone der Orangenen Revolution“ so verblasst ist? Timoschenko war die gefährlichste Widersacherin des mittlerweile geschassten ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch. Gemeinsam mit ihrem damaligen Mitstreiter Viktor Juschtschenko entlarvte sie 2004 Janukowitsch als Wahlfälscher und jagte ihn aus dem Amt. Nach der erfolgreichen Revolution wurde Juschtschenko Präsident, Timoschenko Premierministerin. Doch dann zerstritten sie sich so heftig, dass die genervten Wähler 2010 wieder Viktor Janukowitsch zum Präsidenten wählten.

Kaum in Amt und Würden, sorgte Janukowitsch dafür, dass Timoschenko 2011 nach einem international kritisierten Prozess wegen Amtsmissbrauch zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Zwei Jahre saß Timoschenko in Haft, in dieser Zeit verschlimmerte sich ihr Rückenleiden. Das Schicksal der politischen Gefangenen überschattete die Fußball-EM, die die Ukraine 2012 gemeinsam mit Polen ausrichtete. Bemühungen der Bundesregierung, Timoschenko eine Behandlung in der Berliner Charité zu ermöglichen, scheiterten am Widerstand Janukowitschs. Selbst als die EU im vergangenen November versuchte, das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine auszuhandeln, war die Freilassung der prominenten Oppositionspolitikerin noch ein schwieriger Punkt.

Während der Proteste auf dem Kiewer Maidan hing Timoschenkos überlebensgroßes Porträt hoch oben auf dem Gerüst eines geplünderten Weihnachtsbaums. Der Maidan kämpfte erfolgreich für Timoschenkos Freilassung. Doch mittlerweile ist das Bild auf dem Platz längst verschwunden. „Timoschenko hat ein paar entscheidende Fehler gemacht“, konstatiert der Historiker und Ukraine-Experte Wilfried Jilge. Am Abend des 22. Februar, als Präsident Janukowitsch bereits nach Russland geflohen war, tritt die aus der Haft befreite Timoschenko im Rollstuhl auf dem Maidan auf. In den Tagen davor sind bei Straßenschlachten 82 Menschen ums Leben gekommen. Doch Timoschenko gibt die charismatische Führerin, verkündet in kämpferischem Ton ihre Präsidentschaftskandidatur. „Dieser Auftritt passte nicht zu der Trauerstimmung der Menschen auf dem Maidan, das hat man ihr übel genommen“, sagt Jilge.

Es gibt noch weitere Gründe, warum die Ukrainer sich von der Frau mit dem blonden Zopf nicht mehr mitreißen lassen. Manche hat sie selbst verschuldet, andere nicht. So wirkt es sich beispielsweise negativ für Timoschenko aus, dass die nach dem Sturz Janukowitschs gebildete Übergangsregierung mehrheitlich aus Politikern ihrer Vaterlands-Partei besteht. Sowohl Interimspräsident Aleksandr Turtschinow als auch Premier Arseni Jazenjuk agieren nicht immer glücklich.

Ihre Radikalität ist nicht erwünscht

Hauptsächlich steht sich Timoschenko mit ihrer polarisierenden Persönlichkeit aber selbst im Weg. „Ihre Radikalität entspricht nicht dem Wunsch vieler ukrainischer Wähler nach Stabilität und Ordnung“, sagt der Ukraine-Experte Jilge. Viele glauben, dass der untersetzte und bedächtige Schokoladenzar Poroschenko das Land besser führen könnte als die streitsüchtige und machtgierige Julia. Beide stehen für eine proeuropäische Ausrichtung. Trotzdem fährt Timoschenko ständige Attacken gegen ihren Mitbewerber. Mal denunziert sie ihn als Lakaien Moskaus, mal als Handpuppe der Oligarchen. Poroschenko reagierte darauf mit der Ankündigung, er werde keine Äußerung von Timoschenko kommentieren – „sogar wenn sie Recht hat.“

Böse Zungen in der Ukraine behaupten, Julia Timoschenko habe sogar ein Interesse daran, die Unruhen und Kämpfe in der Ostukraine weiter anzuheizen. Denn bei der Lage in der Region um Donezk und Lugansk ist eine freie und demokratische Wahl kaum denkbar. So hätte Timoschenko die Möglichkeit, entweder Poroschenkos Sieg infrage zu stellen – oder zumindest die Stichwahl um Wochen zu verzögern. Und das könnte die Ukraine weiter destabilisieren.