Archivierter Artikel vom 19.09.2010, 19:44 Uhr

Der Papst in London: Besuch vom heiligen Großvater

„Er ist ein wunderbarer Mann“, schwärmt ein Pensionär, während die anderen Pilger in Birmingham die „visionäre Kraft, entwaffnende Offenheit und die Demut“ von Papst Benedikt XVI. hervorheben, der in seinem viertätigen „historischen Staatsbesuch“ Großbritannien ein wenig verändert hat.

Lesezeit: 4 Minuten
Benedikt XVI. unterwegs im Papamobil.
Benedikt XVI. unterwegs im Papamobil.
Foto: dpa

Von unserem Londoner Korrespondenten Alexei Makartsev

„Er ist ein wunderbarer Mann“, schwärmt ein Pensionär, während die anderen Pilger in Birmingham die „visionäre Kraft, entwaffnende Offenheit und die Demut“ von Papst Benedikt XVI. hervorheben, der in seinem viertätigen „historischen Staatsbesuch“ Großbritannien ein wenig verändert hat. Erstmals seit Jahrhunderten hatte ein katholisches Kirchenoberhaupt auf königliche Einladung England und Schottland besucht. Als ein unliebsamer Mahner und konservativer Kämpfer gegen den „aggressiven Säkularismus“ musste der Papst einen kühlen Empfang auf der Insel befürchten. Doch der 83-jährige Benedikt XVI. fand klare Worte für seine Kritiker, die ihm Respekt und Sympathie einbrachten. Während einige Briten weiter den Pontifex für seine passive Rolle im Kindermissbrauchsskandal verurteilen, wollten andere Inselbewohner gestern den „heiligen Opa“ nicht mehr ziehen lassen.
Es ist ein kalter, verregneter Morgen in Birmingham, und viele der 55 000 Menschen, die hier seit Samstagnacht ausharren, erwarten nichts weniger als ein Wunder. Und sie werden nicht enttäuscht. Um 9.30 Uhr landet der Hubschrauber aus London, kurz darauf rollt das Papamobil los, und wie so oft in den vergangenen Tagen wiederholt sich im Cofton Park das Bild, das der Vatikansprecher Federico Lombardi „großartig“ nennt: Lachende Menschen schwenken die gelben Vatikan-Fahnen, sie rufen „Benedikt“, manche sinken im Gebet auf die Knie, und natürlich werden wieder Babys für den päpstlichen Segen hochgehoben. Zwei Stunden später – der Regen hat wundersamerweise nachgelassen – bricht in der Menge Jubel aus, als der weißhaarige Mann im goldglänzenden Gewand den 1890 gestorbenen katholischen Geistlichen John Newman für „selig“ erklärt.
„Rottweiler? Nein, er ist der heilige Großvater“
Der vom Papst hoch geschätzte Kardinal war zeitlebens vom Anglizismus konvertiert, er gilt als einer der einflussreichsten Gelehrten der viktorianischen Ära. Die Pilger freuen sich über die Seligsprechung, weil Newman zu einer neuen Identifikationsfigur der Katholiken auf der Insel aufsteigt. Benedikt XVI. hat am Sonntag ein weiteres „Geschenk“ für die Briten parat: Zum 70 Jahrestag der „Schlacht von England“ zwischen der Luftwaffe und der Royal Air Force ehrt der deutsche Papst die „mutigen“ Soldaten, die „im Kampf gegen die böse Ideologie“ ihre Leben geopfert hatten. „Für mich, der in den dunklen Tagen der Nazi-Herrschaft gelitten hat, ist es sehr ergreifend, hier sein zu dürfen“, sagt der Papst in seinem letzten Gottesdienst. Es ist ein bewegender Höhepunkt einer schwierigen Reise, die der Heilige Stuhl einen „großen Erfolg“ nennt.
„Rottweiler? Nein, er ist der heilige Großvater“, titelte die „Sunday Times“. Es hat vielen in London imponiert, wie Benedikt XVI. durch seine „mutigen Ansprachen“ das Eis zwischen dem Vatikan und den Briten schmelzen ließ. Er hätte es sich leichter machen können. Statt sich jedoch hinter freundliche Worte zu flüchten, hatte der kontroverse Staatsgast leidenschaftlich die zentrale Rolle der Religion in der Demokratie verteidigt. „Die Welt der säkularen Rationalität und die Welt religiöser Gläubigkeit brauchen einander und sie sollten keine Angst davor haben, in einen tiefen Dialog zu treten“, sagte das Kirchenoberhaupt in seiner vielbeachteten Rede im Westminster-Palast. Am Samstag verurteilte Benedikt XVI. deutlich den Pädophilen-Skandal in seiner Kirche als ein „unsagbares Verbrechen“, das er als „beschämend und erniedrigend“ empfinde. Am selben Tag zelebrierte der Papst mit 80 000 Menschen seinen zweiten großen Open-Air-Gottesdienst im Hyde Park, während in London weitere etwa 20 000 Briten gegen den Vatikan friedlich demonstrierten. Ehe der Staatsgast gestern Abend nach Rom zurückkehrte, stattete er einem katholischen Priesterseminar einen Besuch ab.

Dumme Scherze

Nach Angaben des Vatikans war die Reise trotz der kurzzeitigen Aufregung um angebliche „Terroristen“ planmäßig verlaufen. Der Scotland Yard hatte am Freitagmorgen vorsorglich sechs Männer afrikanischer Herkunft verhaftet, nachdem diese angeblich in der Kantine ihres Unternehmens über einen Angriff auf den Papst gescherzt hatten. Die Polizei fand jedoch bei den „nicht gefährlichen“ Straßenreinigern keine Waffen und ließ sie am Sonntagmorgen frei.