Archivierter Artikel vom 02.09.2010, 00:00 Uhr

Der Fachmann für knifflige Deals

Von George Mitchell stammt der skurrile Satz, dass es sich mit nahöstlichen Friedensgesprächen verhält wie mit dem Malern eines Hauses. Erst wird lange geschliffen und vorgestrichen, es scheint Ewigkeiten zu dauern, dann aber ist die sichtbare Farbschicht schnell aufgetragen.

Lesezeit: 3 Minuten
George Mitchell hinter US-Außenministerin Hillary Clinton.
George Mitchell hinter US-Außenministerin Hillary Clinton.
Foto: dpa

Von unserem USA-Korrespondenten Frank Herrmann

Von George Mitchell stammt der skurrile Satz, dass es sich mit nahöstlichen Friedensgesprächen verhält wie mit dem Malern eines Hauses. Erst wird lange geschliffen und vorgestrichen, es scheint Ewigkeiten zu dauern, dann aber ist die sichtbare Farbschicht schnell aufgetragen.

Verhandlungen, will Mitchell damit sagen, brauchen Zeit. Als Schlichter in Nordirland habe er „siebenhundert Tage des Scheiterns und einen Tag des Erfolgs“ erlebt, spitzt er es zu. Dem Abkommen am Karfreitag 1998, mit dem Katholiken und Protestanten das Kriegsbeil begruben, seien 700 Tage Gezerre vorausgegangen. „Und mindestens ein Dutzend Mal wurde ich gefragt, wann ich das Handtuch werfe, weil es ja doch nichts zu bringen schien.“ Heute gehört es zu Mitchells Job als Nahostvermittler, solche Geschichten zu erzählen. Er muss Optimismus verbreiten, zur Geduld mahnen, gerade weil der Neustart israelisch-palästinensischer Verhandlungen selten von so viel Skepsis begleitet wurde wie jetzt.

Die Rolle scheint ihm auf den Leib geschneidert, der 76-Jährige wirkt wie ein Musterbeispiel aus dem Lehrbuch der Diplomatie. Ein Gentleman alter Schule, der das leise Wort pflegt, untypisch für amerikanische Politiker der ersten Reihe, die schnell zum Superlativ neigen. Mitchell stammt aus Maine, einem Küstenstaat im Nordostzipfel der USA, wo man kühle Effizienz höher schätzt als spektakuläre Auftritte. Seine Stärke ist der Kompromiss, das geschickte Anbahnen kniffliger Deals.

Dass der Baseballfan hinter verschlossenen Türen auch angriffslustig sein kann, können Gerry Adams, David Trimble und die anderen nordirischen Streithähne bezeugen. Die lud er einmal zu einem Abendessen ein, bei dem über alles geredet werden durfte, nur nicht über Politik. Irgendwann landete das Gespräch bei Opernarien, und der Amerikaner erklärte mit feiner Ironie, warum er Opern so mag. „Jedes Mal, wenn ich nach Hause komme und ‚La Boheme‘ auflege, weiß ich, dass der Rodolfo die gleichen Worte wie immer singen wird. Das bereitet mich gut auf die nächste Runde hier vor. Denn ich weiß, dass ich mir dann wieder anhören muss, wie ihr Burschen euch ständig wiederholt.“

Als Barack Obama den scharfsinnigen Schiedsrichter kurz nach Amtsantritt zum Nahostemissär machte, holte er ihn praktisch aus dem Ruhestand. Seine beste Zeit hatte Mitchell in den achtziger und neunziger Jahren. 1982 wurde der Demokrat in den US-Senat gewählt, wo er es bis zum Fraktionschef brachte. 1994 wollte ihn der damalige Präsident Bill Clinton zum Verfassungsrichter am Supreme Court küren. Mitchell schlug das Angebot aus, mit dem Argument, dass er erst Clintons Gesundheitsreform durchs Parlament boxen müsse. Als das Projekt scheiterte, war seine Karriere beschädigt, zumindest innenpolitisch. Auf internationalem Parkett dagegen sammelte der Ex-Senator weiter Lorbeeren. Auf der irischen Insel überwachte er die Entwaffnung der katholischen Untergrundarmee IRA sowie protestantischer Milizen, was bedeutete, mitunter bei Nacht und Nebel zu geheimen Verstecken zu fahren. Später leitete er eine Kommission, die im Detail ergründen sollte, warum sich die Spannungen in Nahost im Herbst 2000 in einer neuen Intifada der Palästinenser entluden.

Als Kind hat Mitchell ein paar Brocken Arabisch gelernt, da war er Messdiener in einer arabischsprachigen Kirche in Waterville, einer Kleinstadt in Maine. Seine Mutter, eine Maronitin, stammt aus dem Libanon.