Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Andreas Gassen über den Fortschritt der Kampagne und Freiheiten für Geimpfte
Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: „Nicht jeder wird bis Juni ein Impfangebot erhalten“
Beim Impfen in Deutschland stockt es noch gewaltig. Doch sobald die Kampagne Fahrt aufnimmt, sollten auch die Impfprioritäten fallen, fordert der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen.
picture alliance/dpa

Nicht einmal jeder Zehnte ist in Deutschland bisher vollständig gegen Covid-19 geimpft. Dennoch macht sich die Bundesregierung jetzt schon Gedanken darüber, welche rechtlichen Folgen die Impfung für die Gruppe der Geimpften nach sich ziehen soll. „Spätestens, wenn die Herdenimmunität erreicht ist, können alle Maßnahmen entfallen“, sagt auch Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Doch das wird dauern, stellt Gassen klar. Er gehe nicht davon aus, dass jeder bis Juni ein Impfangebot erhalten wird.

Lesezeit 3 Minuten

Beim Impfen in Deutschland stockt es noch gewaltig. Doch sobald die Kampagne Fahrt aufnimmt, sollten auch die Impfprioritäten fallen, fordert der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen.
picture alliance/dpa

Wie ist der Stand der Dinge beim Impfen in den Hausarztpraxen?

Das Impfen in den Praxen hat von Beginn an gut funktioniert, es wurde aus dem Stand erfolgreich losgelegt. Wir gehen davon aus, dass es bei den Fachärzten genauso laufen wird, später dann auch bei den Betriebsärzten. Das Problem waren zu Beginn die wechselnden Impfstoffmengen der unterschiedlichen Präparate, das scheint sich allmählich einzupendeln, die Mengen steigen deutlich. Das ist positiv.

Schwierig war und ist für unsere Ärzte allerdings die Diskussion um Nebenwirkungen und die wechselnden Anwendungsempfehlungen, erst mit Astrazeneca, jetzt möglicherweise auch mit Johnson & Johnson. Es gibt natürlich seltene, aber durchaus relevante Nebenwirkungen, aber die Impfstoffe schützen. Gemessen an dem Risiko zu erkranken, fallen die Nebenwirkungen deutlich weniger ins Gewicht.

Sollte man die Priorisierung kippen?

So wichtig diese zu Beginn war, so wichtig ist es jetzt, die Breite der Bevölkerung sehr schnell zu impfen. Herdenimmunität bekommen wir nur, wenn wir nicht nur Alte und Hochbetagte impfen, sondern vor allem die Menschen mit vielen Kontakten. Um einen Effekt wie in Israel, den USA oder dem Vereinigten Königreich zu erreichen, muss mehrheitlich die arbeitende Bevölkerung mit ihren Angehörigen geimpft werden.

Dafür muss die Priorisierung fallen. Einen exakten Zeitpunkt zu benennen, ist allerdings wegen der Impfstofflieferungen schwierig. Natürlich wird nicht jeder bis Juni ein Impfangebot erhalten können, allein aus organisatorischen Zwängen. Aber die Kollegen sollten möglichst schnell mehr Beinfreiheit und Rechtssicherheit beim Impfen bekommen.

Ob es Impfneid, wie es zu lesen war, wirklich gibt, kann ich nicht beurteilen – es wäre aber absurd. Jeder Geimpfte ist ein Gewinn für die Gesellschaft. Viele Rückschläge können wir uns in der Bekämpfung der Pandemie auch nicht mehr leisten, die Bevölkerung ist mental ziemlich am Ende. In den Arztpraxen spielen sich teils dramatische Szenen ab.

Andreas Gassen
picture alliance/dpa

Wie schätzen Sie die Impfbereitschaft ein?

Die Impfbereitschaft ist insgesamt groß, die Verunsicherung bei Astrazeneca war natürlich nicht gut. Aber der Schutz vor schweren Erkrankungen mit eventuell tödlichen Verläufen ist mit der Impfung gegeben. Das muss man wissen. Meine Sorge wäre, dass wir im Sommer möglicherweise vor dem Problem stehen, dass die Impfungen greifen, die Infektionen sinken und dann manch einer die Notwendigkeit für eine Impfung nicht mehr sieht. Aber wir brauchen eine Herdenimmunisierung, sonst geht im Herbst das ganze Elend wieder von vorn los. Bis dahin muss eine Herdenimmunität hergestellt sein – unbedingt.

Sollen Geimpfte mehr Freiheiten erhalten?

Jemandem, der geimpft ist, seine Grundrechte weiter zu entziehen, halte ich rechtlich für sehr schwierig und medizinisch für kaum begründbar. Spätestens, wenn die Herdenimmunität erreicht ist, können alle Maßnahmen, das sieht auch Professor Wieler vom Robert Koch-Institut wohl so, entfallen. Eine Inzidenz von null werden wir wohl nie erreichen, das klappt bisher nirgendwo auf der Welt. Man bekommt das Virus in den Griff, aber nicht so einfach ausgerottet. Deswegen müssen wir zügig impfen, es darf keine Dosis liegen bleiben, wir müssen den durch die mangelnde EU-Impfstoffbestellung verlorenen Boden wieder gutmachen.

Das Gespräch führte Kerstin Münstermann

Tragödie in Bagdad

Bei einem schweren Unglück in einem Krankenhaus in der irakischen Hauptstadt Bagdad sind 82 Menschen ums Leben gekommen und 110 weitere verletzt worden. Das teilte das Innenministerium der staatlichen Agentur INA zufolge mit. Wie genau es zum Brand im Al-Khatib-Krankenhaus kam, war zunächst unklar. Als mögliche Gründe wurden ein Kurzschluss oder ein Problem mit den dort gelagerten Sauerstoffflaschen genannt.

Nach Medienberichten war eine der Flaschen explodiert, woraufhin sich Feuer in der Station ausbreitete. In einem Video des Vorfalls ist auf einem Flur die Explosion zu sehen, bald darauf breitet sich dichter, weißer Rauch aus. Mehrere junge Männer hätten versucht, Patienten in Sicherheit zu bringen. Aus Fenstern stieg Rauch auf. Feuerwehrleute löschten den Brand schließlich. Ganze Räume und Flure lagen danach in verkohltem Schutt, wie auf Bildern zu sehen war.

Ressort und Schlagwörter