Archivierter Artikel vom 15.06.2010, 18:31 Uhr
Derry/London

„Bloody Sunday“-Report wird nach Wartezeit von zwölf Jahren veröffentlicht

„Er war ein stiller Junge. Sie haben ihm in den Rücken geschossen, als er fliehen wollte“. Als jüngstes Opfer des „blutigen Sonntags“ starb der 17-jährige Kevin McElhinney am 30. Januar 1972 durch eine Kugel aus dem Gewehr eines britischen Fallschirmjägers, während eine Demonstration für Menschenrechte in Derry ein tragisches Ende fand. Die Militärs hatten 108 Schüsse abgefeuert und dabei 13 Menschen getötet, ein weiterer Demonstrant starb später an seinen Wunden. Am Dienstag entschuldigte sich der britische Premierminister Cameron für die Übergriffe der Armee.

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„Sie betreten das freie Derry“: Mahn-Graffiti im katholischen Viertel Bogside von Derry, dem Schauplatz des Massakers von „Bloody Sunday“.
Foto: Makartsev

Derry/London – „Er war ein stiller Junge. Sie haben ihm in den Rücken geschossen, als er fliehen wollte“, sagt die Frau im grünen Anzug, die ihre Augen hinter dunklen Brillengläsern versteckt. Jean Hegarty kann nur deshalb so ruhig vom Tod ihres Bruders sprechen, weil sie als Führerin im „Museum des Freien Derry“ die Touristen täglich über den Terror des nordirischen Bürgerkrieges aufklärt.

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Denkmal für die Opfer des Massakers von „Bloody Sunday“ in Derry.

Als jüngstes Opfer des „blutigen Sonntags“ starb der 17-jährige Kevin McElhinney am 30. Januar 1972 durch eine Kugel aus dem Gewehr eines britischen Fallschirmjägers, während eine Demonstration für Menschenrechte in Derry ein tragisches Ende fand. Die Militärs hatten 108 Schüsse abgefeuert und dabei 13 Menschen getötet, ein weiterer Demonstrant starb später an seinen Wunden. Mit dem Bild ihres Bruders in den Händen ging Jean Hegarty gestern zum Rathaus von Derry, um die Wahrheit über die Tragödie zu erfahren.

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Eine der verbliebenen „Friedensmauern“ in Derry. Die hohen Zäune trennen katholische und protestantische Viertel der irischen Stadt.
Foto: Makartsev

Nach vielen Verzögerungen hat die Untersuchungskommission von Lord Saville am Dienstag in London ihren Bericht über den “Bloody Sunday” präsentiert, der als einer der schwärzesten Tage in der britischen Nachkriegsgeschichte gilt. Die 1998 begonnene richterliche Untersuchung, die die Steuerzahler umgerechnet 230 Millionen Euro gekostet hat, ist die längste und teuerste in der Geschichte des Königreichs. Sie kam zu dem Schluss, dass die Militärs am Blutbad in Derry uneingeschränkt schuldig seien. Die Soldaten hätten ihre Befehle missachtet und ohne Not und Vorwarnung auf unbewaffnete Zivilisten geschossen, stellt Saville im fast 5 000 Seiten langen Dokument fest. Das Warten auf die Wahrheit war um 15.30 Uhr vorbei, als Premier David Cameron vor das Parlament trat. „Das Handeln der Soldaten war nicht rechtmäßig und es kann nicht gerechtfertigt werden. Im Namen der Regierung bitte ich zutiefst um Entschuldigung“. Tausende Menschen vor dem Rathaus in Derry jubelten, als sie den Premier auf einem Riesenbildschirm sahen und diese Worte hörten. Die ersten Schüsse seien von den Militärs abgefeuert worden, bestätigte Cameron. Ohne Kevin McElhinney namentlich zu erwähnen, stellte er klar, dass manche Zivilisten auf der Flucht getötet wurden.

„Nach 38 Jahren, 4 Monaten und 15 Tagen steht fest: Kevin ist unschuldig“, sagte feierlich Jean Hegarty ins Mikrofon vor der Menschenmenge in Derry. „Wir haben von einem solchen Urteil geträumt. Jetzt können wir mit der Vergangenheit abschließen“. Obwohl ihr viele Briten zustimmen werden, wird es anderen schwer fallen, die „blutige“ Wahrheit zu akzeptieren. Sie halten nicht die Soldaten, sondern die Terroristen und die Regierung für schuldig am Blutvergießen in Derry, das die Kräfte der IRA verdreifacht und zu einer Explosion der Gewalt im Bürgerkrieg zwischen den protestantischen Unionisten und katholischen Republikanern geführt hatte. Die Kritiker von Lord Saville finden vor allem den Gedanken befremdlich, dass manche der inzwischen über 60-jährigen Ex-Fallschirmjäger als Mörder vor Gericht landen könnten.

„Zerbrochene Flaschen unter Kinderfüßen, Sackgassen übersät mit Leichen… die Schlacht hat erst angefangen“, sang 1983 die irische Band U2 in ihrem Pop-Klassiker „Sunday Bloody Sunday“.

Damals schien der Frieden in Nordirland noch ein ferner Traum. Die Unruheprovinz Ulster mit 1,5 Millionen Einwohnern wurde direkt von London regiert, in den Straßen patrouillierten Militärs und Bombenanschläge waren an der Tagesordnung. Der Terrorkrieg forderte 3500 Menschenleben auf beiden Seiten. Er ging erst 1998 durch die Bemühungen des damaligen Premiers Tony Blair zu Ende, der eine umfassende Aufklärung der Tragödie in Derry in Auftrag gegeben hatte.

Die Einsetzung der Saville-Kommission folgte auf den offiziellen Widgery-Bericht von 1972, der von allen Seiten als parteiisch kritisiert wurde. Lord Widgery war zum Schluss gekommen, dass die Teilnehmer der illegalen Demonstration selbst das Blutvergießen verschuldet hatten, weil sie als erste das Feuer auf die Soldaten eröffneten. Blair war sich der politischen Brisanz der neuen Untersuchung bewusst, allerdings wollte der Labour-Chef unbedingt die IRA ins Boot bei den Karfreitags-Friedensgesprächen holen – was ihm auch gelang.

Erst nach und nach wurde den Politikern klar, welchen gewaltigen Aufwand die Kommission auf sich genommen hatte, die im Laufe von 4500 Arbeitstagen 922 Zeugen befragt und 14 Anwälte zu Millionären gemacht hat. Am Ende schimpften jedoch die Briten über die endlose Untersuchung, deren druckfertiger Bericht im Herbst 2009 zunächst wegen Problemen mit der Nummerierung der Seiten verschoben wurde. Unterdessen machte sich die Regierung Sorgen, dass die Saville-Untersuchung alte Wunden aufreißen könnte. Manche Beobachter warnen davor, die Militärs zu Sündenböcken in der Tragödie zu machen, weil die Moral der Truppe darunter leiden könnte. Zum Zeitpunkt des „Bloody Sunday“ war David Cameron noch im Kindergartenalter. Der 43-jährige Premier hat erst vor wenigen Tagen in einer Ansprache an die britischen Soldaten in Afghanistan die großen Verdienste der Armee hervorgehoben.

Es ist noch unklar, welche Folgen der Saville-Report haben wird. Manche Experten glauben, dass eine Welle von Zivilprozessen gegen das Verteidigungsministerium zu hohen Entschädigungszahlungen an die Familien der Opfer führen könnte. In den Medien protestieren ehemalige Offiziere gegen die „unfaire“ Behandlung der Militärs mit dem Argument, die Regierung hätte 1998 nicht zahlreiche Terroristen begnadigen dürfen. „Es war die Armee und nicht Blair, die Nordirland den Frieden gebracht hat“, schrieb in der „Daily Mail“ General Sir Michael Rose, Ex-Kommandeur der UN-Friedenstruppen in Bosnien. Dagegen wollen Jean Hegarty und die anderen Angehörigen die Soldaten vor Gericht sehen. „Wenn Sie etwas Unrechtes getan haben, sollte man sie zur Verantwortung ziehen“, sagt die Pensionärin.

· Siehe auch den Kommentar unseres Autors

Von unserem Londoner Korrespondenten Alexei Makartsev