Sao Paulo/London

Baby aus transplantiertem Organ: Gebärmutter einer Toten spendet Leben

Von Walter Willems
Gebärmutter einer Toten spendet Leben Foto: dpa

Erstmals hat eine Frau mit der Gebärmutter einer toten Organspenderin ein Kind zur Welt gebracht. Das Kind kam nach unauffälliger Schwangerschaft schon Ende 2017 in Brasilien zur Welt, berichtet das Team um Dani Ejzenberg von der Uniklinik Sao Paulo im Fachblatt „The Lancet“. Die Mediziner sprechen von einem Machbarkeitsnachweis, der für viele Frauen die Chance auf Nachwuchs deutlich verbessert. Der Reproduktionsmediziner Antonio Pellicer nennt den Erfolg einen „Durchbruch auf dem Gebiet der Gebärmuttertransplantationen“.

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Die erste Geburt nach der Verpflanzung einer Gebärmutter gelang im September 2013 schwedischen Medizinern. Allerdings stammte jenes Organ von einer lebenden Spenderin. Seitdem sind laut „Lancet“ weltweit elf solcher Kinder zur Welt gekommen. Dagegen waren bislang alle Versuche mit Organen Verstorbener gescheitert. Die brasilianischen Ärzte behandelten nun eine Frau mit dem Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom – einer seltenen angeborenen Fehlbildung, bei der vor allem die Gebärmutter fehlt oder kaum ausgebildet ist. Im September 2016 bekam die damals 32-Jährige die Gebärmutter einer 45-jährigen Frau implantiert, die in ihrem Leben drei Kinder natürlich zur Welt gebracht hatte. Die Spenderin hatte nach einem Schlaganfall den Hirntod erlitten. In einer mehr als zehnstündigen OP pflanzte das Team um Ejzenberg der 32-Jährigen das Organ ein und vernähte es mit den Blutgefäßen und der Vagina. Die Empfängerin entwickelte fünf Monate später regelmäßige Menstruationen.

Schon vor der Transplantation waren der Frau Eizellen entnommen und künstlich befruchtet worden. Sieben Monate nach dem Eingriff erhielt sie die befruchteten Eizellen, die sich in der eingepflanzten Gebärmutter normal entwickelten. In der 36. Schwangerschaftswoche brachten die Ärzte dann per Kaiserschnitt ein 2550 Gramm schweres und 45 Zentimeter großes, gesundes Mädchen zur Welt. Bei dem Eingriff wurde die Gebärmutter wieder entfernt. Sieben Monate nach der Geburt waren Mutter und Kind wohlauf.

„Die Nutzung verstorbener Spenderinnen könnte den Zugang zu dieser Behandlung deutlich ausweiten, und unsere Resultate belegen die Machbarkeit einer neuen Option für Frauen mit Gebärmutter-basierter Unfruchtbarkeit“, sagt Gynäkologe Ejzenberg. Die ersten Geburten nach Gebärmuttertransplantationen von lebenden Spenderinnen seien ein medizinischer Meilenstein gewesen, allerdings seien solche Spenden sehr selten. „Die Zahl von Menschen, die bereit ist, Organe nach dem Tod zu spenden, ist viel größer als die von Lebendspendern und bieten damit viel größeres Potenzial.“

Laut Mediziner Pellicer von der IVI-Klinik für Reproduktionsmedizin in Rom ist nun zu klären, welche Gruppen als Spenderinnen und Empfängerinnen infrage kommen und welches Vorgehen sowohl bei der Transplantation als auch bei der anschließenden Weiterbehandlung am erfolgversprechendsten ist. „Alles in allem sollte die Forschung auf diesem Gebiet (von lebenden wie von verstorbenen Spenderinnen) die Rate der Lebendgeburten maximieren, die Risiken für die am Vorgehen beteiligten Patienten (Spenderin, Empfängerin und ungeborenes Kind) minimieren und die Verfügbarkeit von Organen erhöhen.“

Das Besondere ist, dass es bei dem Eingriff um eine zeitlich begrenzte Transplantation geht, erklärte Xavier Rogiers, Leiter des Transplantationszentrums am Uniklinikum Gent (Belgien). „Der Uterus wird nach ein oder zwei erfolgreichen Schwangerschaften wieder entfernt.“ Diese Form der Transplantation habe alle Chancen, eine sehr wichtige Rolle in der künftigen Behandlung von solchen Formen der Unfruchtbarkeit zu spielen. Die Entnahme des Uterus könne nach ersten Erfahrungen seines Teams leicht in den gängigen Entnahmeablauf bei Organspenden integriert werden. Nötig sei ein sehr erfahrenes Team von auf Gebärmütter spezialisierten Transplantationschirurgen.

Skeptischer ist Matthias Beckmann, Direktor der Frauenklinik am Uniklinikum Erlangen. Er ist nicht davon überzeugt, dass die Transplantation der Uteri verstorbener Frauen in die klinische Routine eingehen wird. Der Uterus werde bei einer Organspende als Letztes entnommen – wodurch seine Qualität sinkt. „Die strukturellen Voraussetzungen bei Entnahme- und Implantationsort, die Kenntnisse über die Kurzzeit- und Langzeitfolgen, die Information zur Modifikation der Technik und so weiter sind allesamt Hinweise darauf, dass dieses Verfahren eigentlich ein Verfahren sein sollte, was nur in hoch spezialisierten Zentren selektiv durchgeführt wird.“

Von Walter Willems