Archivierter Artikel vom 29.09.2020, 19:42 Uhr

Ausschankverbote, Frühwarnsystem, Fieberambulanzen: Die neuen Corona-Beschlüsse

Die Coronavirus-Infektionszahlen steigen wieder schneller in Deutschland. „Angesichts der sinkenden Temperaturen, des vermehrten Aufenthalts in geschlossenen Räumen in der Herbst- und Winterzeit sowie der drohenden Grippesaison müssen wir jetzt besonders vorsichtig sein“, mahnen Bund und Länder in ihrem neuen Beschluss vom Dienstag. Ein Überblick:

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (links) haben die Ergebnisse der Bund-Länder-Beratungen über das weitere Vorgehen in der Corona-Pandemie vorgestellt.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (links) haben die Ergebnisse der Bund-Länder-Beratungen über das weitere Vorgehen in der Corona-Pandemie vorgestellt.
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1 Keine weiteren größeren Öffnungsschritte: „Das Virus verzeiht keine Nachlässigkeit – es zu bekämpfen, kann nur gelingen, wenn jeder und jede Einzelne mithilft!“, heißt es in dem Papier. „Insbesondere die Pflicht zur Mund-Nasen-Bedeckung in bestimmten öffentlichen Bereichen gilt verbindlich und wird von den Ordnungsbehörden konsequent kontrolliert und sanktioniert.“

2 Strafgelder: Wer falsche persönliche Angaben beim Restaurantbesuch macht, dem soll ein Bußgeld von mindestens 50 Euro drohen. Gaststättenbetreiber sollen prüfen, ob die Angaben plausibel sind. Die Daten werden zur Nachverfolgung möglicher Kontakte zu Infizierten gesammelt. Thüringen verlangt, dass bundesweit festgeschrieben wird, dass die Informationen nur für den Infektionsschutz verwendet werden dürfen.

3 Alkohol: Wo die Infektionszahlen ansteigen, sollen regional „zeitlich eingegrenzte Ausschankverbote für Alkohol“ erlassen werden, um Ansteckungen in der Gastronomie einzudämmen.

4 Private Feiern: Die Länder sollen Obergrenzen für die Teilnehmerzahl bei privaten Feiern festlegen, und zwar in zwei Stufen. Wenn es in einem Landkreis binnen sieben Tagen mehr als 35 Neuinfektionen pro 100.000 Menschen gibt, sollen in öffentlichen oder angemieteten Räumen wie Gaststätten höchstens 50 Personen gemeinsam feiern dürfen. Für Partys in Privaträumen wird eine maximale Teilnehmerzahl von 25 Menschen „dringlich empfohlen“ – aber nicht verpflichtend festgeschrieben. Wenn es in einem Landkreis binnen sieben Tagen mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gibt, sollen höchstens noch 25 Menschen in öffentlichen oder angemieteten Räumen feiern dürfen. Für Feiern in Privaträumen wird eine Obergrenze von zehn Teilnehmern „dringlich empfohlen“.

5 Regionale Ausbrüche: Wenn es in einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt innerhalb von sieben Tagen mehr als 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner gibt, soll „sofort ein konsequentes Beschränkungskonzept“ umgesetzt werden – gegebenenfalls auch nur für eine betroffene Einrichtung.

6 Frühwarnsystem: Die Länder sollen „ein geeignetes Frühwarnsystem einrichten. In Rheinland-Pfalz wird es künftig ein Ampelsystem geben. Die gelbe Warnstufe wird erreicht, wenn in einem Kreis oder einer Stadt die Zahl der Neuinfektionen innerhalb von sieben Tage fünf Tage lang bei 20 Fällen pro 100.000 Einwohner oder darüber liegt. Übersteigt diese 7-Tage-Inzidenz fünf Tage hintereinander den Wert von 35, wird die Stufe Orange erreicht, bei über 50 dann Rot. Die Maßnahmen reichen von allgemeinen Verhaltensregeln bei Stufe Gelb über Verschärfungen der Personenbegrenzung und Maskenpflicht bei Orange bis hin zu einer Maskenpflicht an öffentlichen Plätzen und dem Wechsel zwischen Präsenz- und Fernunterricht an Schulen bei Rot.

7 Fieberambulanzen: Wenn die für Herbst und Winter erwartete Grippewelle zur Corona-Pandemie hinzukommt, dürfte es enger werden in Arztpraxen und Krankenhäusern. Für Entlastung sollen Fieberambulanzen, Schwerpunktsprechstunden und -praxen sorgen. Risikogruppen wie Senioren wird empfohlen, sich vorsorglich gegen die Grippe impfen zu lassen. Gesundheitsämter, die mit der Verfolgung von Kontakten zu Infizierten nicht mehr hinterherkommen, werden noch einmal daran erinnert, dass sie sich in diesem Fall bei den Landesbehörden melden sollen und diese wiederum das Robert Koch-Institut alarmieren.

8 AHA-Formel wird länger: Die bisherige AHA-Formel rät zu einem Abstand von 1,5 Metern, Hygiene und dem Tragen von Alltagsmasken. Nun sollen zwei neue Buchstaben dazu kommen: C wie Corona-Warn-App und L wie Lüften. Empfohlen wird auch im Herbst und im Winter regelmäßiges Stoßlüften.

Bonner Virologe Hendrik Streeck sorgt sich: „Es gibt zu viel Angst“

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck hält das deutsche Gesundheitssystem für gut vorbereitet auf den Herbst und Winter in Corona-Zeiten. In den Köpfen der Deutschen sieht es seinem Empfinden nach allerdings anders aus – und das bereitet ihm durchaus Sorgen. Im Interview spricht er über die Verantwortung der Bürger, den viel beschworenen „Kipppunkt“ und was passiert, wenn neben dem Coronavirus auch noch die Grippe grassiert.

Inzwischen ist klar, dass Covid-19 bei Jüngeren zumeist mild verläuft. Steigt damit das Risiko, dass immer mehr Leute bei Symptomen gar nicht erst zum Arzt gehen – etwa weil sie keine Lust auf Quarantäne haben?

Hendrik Streeck ist Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn. Die Corona-Pandemie begleitet er als Experte und Forscher. Unter anderem hat der 43-Jährige für eine Studie die Ausbreitung des Virus im Kreis Heinsberg untersucht, einem der ersten deutschen Corona-Hotspots. Eines seiner Spezialgebiete ist die HIV-Forschung. In seiner Laufbahn war Streeck, der in der Nähe von Göttingen aufwuchs, unter anderem an der Harvard Medical School in Boston tätig.
Hendrik Streeck ist Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn. Die Corona-Pandemie begleitet er als Experte und Forscher. Unter anderem hat der 43-Jährige für eine Studie die Ausbreitung des Virus im Kreis Heinsberg untersucht, einem der ersten deutschen Corona-Hotspots. Eines seiner Spezialgebiete ist die HIV-Forschung. In seiner Laufbahn war Streeck, der in der Nähe von Göttingen aufwuchs, unter anderem an der Harvard Medical School in Boston tätig.
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Vorstellbar. Ich setze aber darauf, dass die Leute Verantwortung übernehmen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere Menschen. Fast jeder von uns kennt ältere Menschen oder Menschen aus Risikogruppen, für die eine Infektion gefährlich werden kann. So eine Pandemie kann man nur gemeinsam bewältigen.

Zuletzt haben wir beobachtet, dass die Zahl der Sterbefälle nicht deutlich zugenommen hat, die Infektionszahlen aber schon. Liegt das auch daran, dass sich vor allem Junge infizieren?

Es ist vielschichtiger. Ja, es waren zuletzt die Jüngeren, die sich infizierten. Hinzu kommt aber, dass wir generell kaum schwere virale Lungenentzündungen im Sommer sehen – das gilt für alle viralen Erkrankungen. Es ist ein Phänomen, das wir kennen, ohne dass wir schon den Mechanismus dahinter verstehen. Dritter Punkt: Wir wissen zum Beispiel für die Grippe, dass eine Reduktion der Infektionsdosis mildere Symptome verursacht. Und dafür sorgen wir mit Verhaltensweisen wie Abstand und dem Tragen einer Maske.

Sie plädieren dafür, sich bei der Einschätzung der Lage nicht nur auf die Infektionszahlen zu beziehen.

Ja. Eine asymptomatische Infektion ist ja zunächst einmal nichts Schlimmes. Die Person kann sich danach vermutlich erst mal nicht mehr infizieren und auch nicht mehr zum Infektionsgeschehen beitragen. Zudem ist es nicht auszuschließen, Langzeitfolgen zu haben. Daher finde ich es wichtig, dass wir nicht nur auf die reinen Infektionszahlen schauen. Wir dürfen sie natürlich nicht außer Acht lassen. Aber wichtiger ist, dass wir aus den Daten lernen. Die Auslastung in der stationären Behandlung und der Anteil der belegten Intensivbetten müssen meines Erachtens nach im Verhältnis mit eingerechnet werden. Anhand dieser Daten müssen wir die Schwellenwerte definieren, ab denen Maßnahmen strikter werden.

Es ist immer wieder von einem Kipppunkt die Rede, ab dem die Fallzahlen schlagartig steigen können. Gilt das auch für Deutschland?

Dafür gibt es keine Erfahrungswerte. Den Kipppunkt haben wir noch nie gehabt. Wir hatten bislang nie einen exponentiellen Anstieg. Auch jetzt sehen wir eher einen linearen Anstieg.

Wäre es nicht dennoch ratsam, die Infektionszahlen jetzt vor der kalten Jahreszeit wieder massiv zu drücken?

Das Virus ist ja schon Teil unseres Alltags. Wir würden es nur mit den allerhärtesten Maßnahmen schaffen, es einzudämmen. Dann aber errichten wir eine Art künstlichen Staudamm, während es in anderen Ländern weiterläuft. Und irgendwann wird es dann auch bei uns wieder losgehen. Daher müssen wir mit Augenmaß und intelligenten Systemen – etwa Schnelltests am Eingang eines Pflegeheims – das Geschehen kontrollieren. Es kann nicht darum gehen, es komplett einzudämmen.

Herbst und Winter sind auch Grippesaison. Werden wir Doppelinfektionen sehen? Und wie gefährlich ist das?

Gleichzeitige Infektionen mit Grippe und einem anderen Virus sind sehr, sehr unwahrscheinlich, weil das Immunsystem im Moment einer Infektion so im Alarm ist, dass eine zusätzliche Infektion mit einer weiteren viralen Erkrankung sehr selten vorkommt. Es kann in Ausnahmefällen passieren, und es gibt auch Publikationen, in denen das beschrieben wird. Aber dann ist die zweite Infektion untergeordnet. Daher gibt es keine Doppelsymptomatik im eigentlichen Sinne.

Glauben Sie, dass Deutschland gut auf den Herbst und Winter vorbereitet ist mit seinem Gesundheitssystem?

Ich glaube, im Gesundheitssystem sind wir sehr gut vorbereitet. Mental sind wir dagegen in Deutschland weniger gut vorbereitet, so empfinde ich es zumindest. Es gibt zu viel Angst. Und wir haben es über den Sommer hinweg nicht geschafft, pragmatische Lösungen zu finden, wie man in bestimmten Bereichen weitermachen kann, wenn die Infektionszahlen deutlich steigen. Da wurden Chancen ausgelassen. Meine Sorge für den Herbst ist, dass wir zu wenig über Lösungen diskutieren und zu viel darüber, wie wir das Leben wieder zurückfahren.

Das Gespräch führte Jonas-Erik Schmidt

Eine Million Tote weltweit

Weltweit sind nach Zahlen von US-Wissenschaftlern inzwischen mehr als eine Million Menschen nach einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben. Das geht aus Daten hervor, die die amerikanische Johns-Hopkins-Universität am Montag (Ortszeit) in Baltimore veröffentlichte. Mehr als 33,2 Millionen Infektionen wurden nachgewiesen. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer an Toten und Erkrankten aus. In Deutschland gab es bis Dienstag 9460 Todesopfer. Damit liegt die Bundesrepublik im internationalen Vergleich bislang besser als viele andere Staaten.

Am schlimmsten sind die Zahlen für die Vereinigten Staaten. Weltweit ist ein Fünftel aller erfassten Todesfälle in den USA zu beklagen. Dort starben mehr als 205.000 Menschen. In Brasilien sind bisher mehr als 142.000 Menschen, in Indien mehr als 95.000 Menschen der Krankheit erlegen. Die Opferzahl in den USA, wo rund 330 Millionen Menschen leben, ist weltweit die höchste in absoluten Zahlen. Relativ zur Einwohnerzahl ist die Zahl der Toten jedoch in einigen europäischen Ländern höher.

UN-Generalsekretär António Guterres nannte die Zahl von mehr als einer Million Toten einen „qualvollen Meilenstein“. „Es ist eine betäubende Zahl“, sagte Guterres in New York. Er rief dazu auf, sich weltweit an Abstands- und Hygieneregeln zu halten sowie Maske zu tragen.

Die Internetseite der Hopkins-Universität wird regelmäßig mit eingehenden Daten aktualisiert und zeigt daher einen höheren Stand als die offiziellen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). In manchen Fällen wurden die Zahlen zuletzt aber auch wieder nach unten korrigiert. Die WHO erfasste bis Montag mehr als 996.000 Todesfälle und gut 33 Millionen bekannte Infektionen.

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