Auf dem Reformweg: Seit zehn Jahren im Einsatz für Frauen in der katholischen Kirche

Sie ist ein Schreckgespenst für konservative Katholiken, die 31-jährige Jacqueline Straub. Seit genau zehn Jahren setzt sie sich öffentlich dafür ein, dass die katholische Kirche die Berufung von Frauen zum Priestertum anerkennt. Warum sie nicht verbittert und woher sie ihre unerschütterliche Fröhlichkeit nimmt, erzählt sie uns im Weihnachtsinterview.

Von Michael Defrancesco
Lesezeit: 7 Minuten
Seit zehn Jahren setzt sich die Theologin und Journalistin Jacqueline Straub dafür ein, dass auch Frauen katholische Priesterinnen werden können.
Seit zehn Jahren setzt sich die Theologin und Journalistin Jacqueline Straub dafür ein, dass auch Frauen katholische Priesterinnen werden können.
Foto: Michael Defrancesco

Sie nennen Ihr aktuelles Buch „Wir gehen dann mal vor“. Kennen Sie den Weg, wo es hingeht? Oder suchen Sie ihn mit den Lesern gemeinsam?

In der katholischen Kirche ist es immer ein Suchen. Ein Suchen nach dem Weg, der gut für die Zukunft der Kirche ist. Es gibt Wege, die in eine Sackgasse führen und die die Kirche verderben oder zerstören – das möchten wir alle nicht. Deshalb suche ich gemeinsam mit den Lesern den richtigen Weg für die Kirche. Und in meinem Buch stelle ich zahlreiche Menschen vor, die jetzt schon Kirche gestalten, voranbringen und in die Zukunft tragen.

Der Untertitel lautet „Zeit für einen Mutausbruch“. Hatten Sie vor dem Mutausbruch einen Wutausbruch?

(schmunzelt) Der Mut war immer schon größer als die Wut, denn ich trage ganz viel Liebe für meine Kirche im Herzen. Aber es gibt durchaus Momente, in denen ich wütend bin, wenn ich beispielsweise die Missbrauchsfälle sehe und wie schlampig damit umgegangen wird, wie Betroffene immer noch Stiche ins Herz bekommen, weil Täter immer noch in ihren Ämtern sind. Dann denke ich: Wir müssen die Kirche voranbringen, denn so kann es nicht weitergehen.

Sie beschreiben nicht nur einfach die Krise und das Unheil und lamentieren bloß, sondern Sie unternehmen viele positive Ausblicke in die Zukunft. Schon das erste Kapitel überschreiben Sie mit „Angst überwinden“.

Dazu gehört, dass man auch erst einmal erkennt, dass man in der Angst gefangen ist und aus der Angst heraus reagiert. Gerade in den vergangenen Jahrzehnten gab es – auch bedingt durch die beiden Vorgängerpäpste – eine Angstkultur in der Kirche, die uns dazu getrieben hat, viele Dinge nicht anzusprechen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Bischöfe die Macht hatten, etwa das wichtige Thema Missbrauch einfach auszublenden. Auch sie sind in der Angst gefangen und müssen sich erst davon lösen – erst dann können wir gemeinsam befreit vorangehen und uns stark für Reformen einsetzen.

Sie sind Theologin und Journalistin: Wie kritisch darf eine Theologin sein?

Ich denke, dass man generell als Katholikin und Katholik kritisch sein muss. Das gehört zu unserer DNA, denn auch Jesus selbst war kritisch. Er hat Dinge hinterfragt, er hat mit den Menschen Streitgespräche gesucht – das müssen wir auch noch mehr lernen, noch mehr kritisch zu sein und berechtigte Kritik gegenüber den Würdenträgern anzubringen.

Aber Jesus ist der Hirte, und wir sind die Schafe – und Schafe kritisieren ja nicht am Hirten rum.

Jesus hat sogar Kritik an seiner Person zugelassen! Wenn Menschen zu ihm kamen und gesagt haben, dass ihnen dieses und jenes nicht gefällt oder sie Dinge nicht verstehen, dann hat Jesus nicht barsch und abweisend reagiert, sondern den Dialog gesucht und sich kritisieren lassen. Dadurch hat er die Menschen auch animiert, kritisch zu sein – weil sie erlebt haben, dass das Gegenüber zuhört und antwortet.

Gut, dann haben wir irgendwann lauter selbstbewusste und kritische Schafe – aber sorgt das nicht für eine Menge Chaos, wenn jeder rumblökt – um im Bild zu bleiben –, und nicht das Lehramt irgendwann sagt: „Stopp, hier ist der Weg“?

Aber es bringt nichts, wenn das Lehramt Dinge festsetzt und entscheidet und die Schafe spüren, dass diese Entscheidungen an ihrer Lebensrealität vollkommen vorbeigehen – und dann enttäuscht die Herde verlassen. Und dann bleiben nur noch ein paar Schafe übrig, die zu allem „Ja und Amen“ sagen. Es ist doch viel schöner, in einer Kirche zu leben, in der die Menschen gemeinsam diskutieren, auch Unangenehmes ansprechen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Der Synodale Weg ist so ein wunderbares Beispiel, dass die Bischöfe gemeinsam mit den Menschen die Kirche anschauen und die Kirche der Zukunft bauen.

„Wir gehen dann mal vor“: Das bedeutet auch, dass manche noch nicht mitgehen und zurückbleiben – entweder weil sie nicht gehen können, weil sie vielleicht Angst haben und den Weg nicht sehen, oder auch weil sie einfach nicht gehen wollen. Wenn Sie vorangehen: Warten Sie auch immer wieder mal auf andere?

Ja, auf jeden Fall. Gerade bei meinem Thema, dem Frauenpriestertum, will ich nicht einfach voranpreschen und mich zum Beispiel weihen lassen – dann wäre ich zwar Priesterin, aber ich würde exkommuniziert. Das wäre keine wirkliche Reform.

Hape Kerkeling nannte sein Buch „Ich bin dann mal weg“. Das wäre dann die krassere Variante.

(lacht) Das wäre mein Titel, wenn ich aus der Kirche austreten würde. Aber das werde ich nicht machen.

Warum?

Ich liebe die Kirche, sie ist meine spirituelle Heimat, dort fühle ich mich wohl.

Liebt die Kirche Sie auch?

Die Kirche liebt mich auch. Gut, im Bereich der Amtskirche liebt nicht jeder meine Ansichten, aber auch in der Amtskirche gibt es viele Personen, die das gut finden, was ich mache, und die mich unterstützen. Ich bleibe in der Kirche, weil ich sie liebe – und weil ich es auch den reaktionären Kräften und Ewiggestrigen nicht ganz so leichtmachen möchte.

Sie erzählen im Buch von vielen Begegnungen, die Ihnen Mut machen, dass mit der Kirche doch noch nicht alles verloren ist. Möchten Sie eine Begegnung rausgreifen?

Eines fand ich sehr beeindruckend – es war am Anfang der Corona-Zeit. Eine Seelsorgerin erzählte mir, dass vor allem ältere Menschen sie anriefen und sagten, dass sie die heilige Kommunion bräuchten, dass sie diese Corona-Zeit nicht ohne Jesus überstehen könnten. Doch die Kirchen waren geschlossen, und es gab keine Gottesdienste. Die Seelsorgerin war mutig und kreativ zugleich: Sie hat die heilige Kommunion ehrfürchtig verpackt, hat Gebete dazugelegt und dann den Senioren in ihrer Gemeinde das Päckchen in den Briefkasten gelegt – damit diese zu Hause selbst einen Wortgottesdienst feiern und dann die Kommunion zu sich nehmen konnten.

Die alten Menschen waren zutiefst gerührt, dass sie den Leib Christi auf diese Weise bekommen konnten – und die Seelsorgerin sagte: „Ihr sollt nicht sakramental verhungern in dieser Krise.“ Allerdings hat der Ortsbischof das mitbekommen und die Seelsorgerin gerügt, das dürfe man nicht tun. Die hat sich nicht einschüchtern lassen und geantwortet: „Du, Bischof, kannst jeden Tag selbst einen Gottesdienst feiern. Du verhungerst sakramental nicht. Aber die Menschen schon. Und das kann ich nicht verantworten.“ Das ist in jeder Hinsicht ein starkes Zeichen: Zum einen zeigt es, wie man kreativ sein kann, um den Menschen gerade auch in einer Krise Jesus zu bringen. Und zum anderen zeigt es, dass man Jesus über die Regeln eines Bischofs stellt. Das ist ein mutiges Zeichen.

Diese pastorale Lösung beschreibt ja ein Kernproblem der katholischen Kirche, nämlich den uralten Konflikt zwischen Dogma – also den sturen Regeln und Gesetzen der Kirche – und dem Zugewandtsein zu den Menschen. Dass Sie persönlich eine Menge kreativer pastoraler Ideen haben, das weiß ich – aber Sie müssen ja gerade in den Diskussionen mit der Amtskirche auch theologisch sehr sattelfest sein, oder?

Das stimmt.

Drehen sich die Diskussionen – zum Beispiel gerade, wenn es ums Frauenpriestertum geht – immer um dieselben Fragen und Antworten? Oder haben Sie den Eindruck, dass es allmählich vorangeht?

Ich sehe eine Entwicklung. Es ist richtig: Die theologischen Argumente, die für das Frauenpriestertum sprechen, liegen seit Jahrzehnten auf dem Tisch, und alle kennen sie. Gut, die, die sie nicht kennen, sollten sich damit auseinandersetzen. Vor genau zehn Jahren, 2011, habe ich zum ersten Mal öffentlich gesagt, dass ich berufen bin zur katholischen Priesterin. Und da gab es noch viel öffentliche Zurückhaltung – gerade aus dem kirchlichen Milieu. Zustimmung kam damals eher anonym per Brief, meistens von Pastoralreferentinnen, die schrieben, dass sie auch immer Priesterin werden wollten. Das waren viele Frauen, die ihre Berufung verspürten, aber die Angst hatten, ihre Identität preiszugeben, weil sie ihren Job bei der Kirche nicht verlieren wollten.

Jetzt, zehn Jahre später, stellen sich die Frauen völlig selbstbewusst hin – vielleicht nicht alle so öffentlich wie ich, aber zu Hause, in der Fakultät und in ihrer Gemeinde –, und sie sagen: „Ja, ich möchte Priesterin werden.“ Da spüre ich eine Entwicklung, wir lösen die Angstspirale. Auch international im Übrigen! Und ich bemerke den Mut der Bischöfe – immer mehr äußern sich auch öffentlich positiv und sagen: „Ja, diese Frauen haben eine Berufung zum Priestertum.“ Die Gruppe, die vorangeht, wird von Tag zu Tag auf der ganzen Welt größer. Spannend ist etwa, dass eine Umfrage des amerikanischen Pew Research Center ergab, dass sich in Brasilien – dem größten katholischen Land der Welt – 73 Prozent Frauen in kirchlichen Ämtern vorstellen können. In Uruguay sind es immerhin 63 Prozent.

Sie ehren in Ihrem Buch auch zahlreiche Vorausgehende der Vergangenheit.

Ja, viele von ihnen sind inzwischen alt, und nicht wenige sind frustriert, weil sie zu wenig Veränderung in der Kirche sehen. Aber ich sage ihnen ganz ausdrücklich, dass ihr Tun nicht umsonst war. Wir würden heute nicht da stehen, wo wir sind, wenn wir die vielen Vorausgehenden nicht gehabt hätten. Natürlich darf man frustriert sein, wenn sich Dinge viel zu langsam bewegen und ändern. Aber man darf auch stolz auf jeden kleinen Schritt sein, den man nach vorn gegangen ist.

Man spürt bei Ihnen viele Gefühle – Frustration ist nicht dabei.

(lacht) Ich habe meiner Mutter versprochen, dass ich nie verbittert und frustriert werde. Meine Mutter war mit mir in den USA auf einem Kongress und lernte dort viele Frauen kennen, die teils seit Jahrzehnten für Kirchenreformen gearbeitet haben. Viele von ihnen waren im Alter verbittert. Und meine Mutter sagte zu mir: „Versprich mir, dass du dieses Strahlen nie verlierst, wenn du über Kirche sprichst. Wenn du verbitterst, dann hast du die Liebe zur Kirche und zu Jesus nicht mehr im Herzen. Du darfst nicht verbittern – und wenn, dann musst du sofort aufhören zu kämpfen.“ Und das habe ich ihr versprochen. Lustigerweise bekomme ich sogar von vielen Reaktionären als Feedback, dass sie zwar ganz und gar nicht mit meinen Ideen einverstanden sind, dass sie aber feststellen müssen, dass ich mit ganz viel Liebe für die Kirche bei der Sache bin.

So viel Liebe passt ja wunderbar zur Weihnachtszeit – unser Gespräch wird an Heiligabend veröffentlicht. Womit könnte man Ihnen denn eine Weihnachtsfreude machen? Also abgesehen von der Weihe zur katholischen Priesterin.

(lacht) Da fällt mir etwas ein: Neulich schrieb mir eine Frau, dass sie kurz davor gewesen sei, aus der Kirche auszutreten. Dann hat sie aber mein Buch gelesen, die vielen positiven Beispiele wahrgenommen und gemerkt, wie viel Gutes es noch in der Kirche gibt. Und jetzt will sie doch in der Kirche bleiben. So etwas ist eine große Freude für mich. Wenn Menschen die Hoffnung nicht verlieren. Und wenn sie dann auch noch bereit sind, sich mutig und kreativ für Reformen einzusetzen und auch mit voranzugehen – dann wäre das eine sehr große Weihnachtsfreude für mich.

Das Gespräch führte Michael Defrancesco

Ein Video sehen Sie unter ku-rz.de/mutausbruch

Einflussreiche Frau

Die BBC zählt Jacqueline Straub zu den 100 einflussreichsten Frauen der Welt.

Biografie: Jacqueline Straub wurde in Sigmaringen geboren. Sie schreibt selbst über sich: „Mein Glaubensweg begann mit 15 Jahren, als ich mit einer Freundin in einem christlichen Jugendcamp war. In dieser Zeit entwickelte sich auch mein Brennen. Seitdem spüre ich in meinem Herzen die Berufung, römisch-katholische Priesterin zu werden. Durch einige Pilgerfahrten unter anderem nach Rom, Assisi, Taizé und Jerusalem wurde mein Glaube an Gott und an die Kirche gestärkt. Mein Glaube wuchs ebenso durch Begegnungen und das Dienen als Ministrantin in meiner Heimatpfarrei in Pfullendorf. Durch den Dienst am Altar wurde meine Berufung zur Priesterin immer größer.“

Nach dem Abitur studierte sie in Freiburg im Breisgau sowie im schweizerischen Fribourg und in Luzern römisch-katholische Theologie. Im Juli 2016 schloss sie den Master mit „summa cum laude“ ab. Kirchenweit bekannt (und berüchtigt) wurde sie mit ihren Büchern, zum Beispiel mit „Kickt die Kirche aus dem Koma“ (Patmos Verlag). Seither trat sie in zahlreichen TV-Sendungen auf, predigt und hält Vorträge. Der britische Sender BBC wählte Straub auf die Liste „BBC 100 Women 2018“ und zählt sie damit zu den 100 inspirierendsten und einflussreichsten Frauen der Welt. Infos: www. jacqueline-straub.de

Das aktuelle Buch heißt „Wir gehen dann mal vor – Zeit für einen Mutausbruch“ und ist im Herder-Verlag erschienen.

Frauenpriestertum: Die Frage, ob Frauen katholische Priesterinnen werden können, wird heftig diskutiert. Die Gegner des Frauenpriestertums berufen sich vor allen Dingen auf zwei päpstliche Schriften: „Inter insigniores“ ist der Titel einer Erklärung der Glaubenskongregation des Vatikans über die Frage der Zulassung von Frauen zum Priesteramt. Sie wurde 1976 mit der Approbation durch Papst Paul VI. veröffentlicht.

Das Kernargument in dieser Erklärung lautet, dass Jesus keine Frau unter die Zahl der zwölf Apostel berufen hat. Später seien dann die Apostel dem Verhalten Jesu treu geblieben und wählten nach dem Tod des Judas Iskariot nicht etwa Maria, sondern einen bis dahin unerwähnten Jünger in das Zwölferkollegium. Papst Johannes Paul II. bezog sich 1994 mit seinem apostolischen Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“ darauf und betonte, dass es prinzipiell nicht zulässig sei, Frauen zu weihen.

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