Archivierter Artikel vom 20.11.2010, 11:22 Uhr
Weltraum

Wenn die Erde in die Schusslinie gerät

Den 13. April 2029 sollten Sie sich in ihrem Terminkalender schon einmal dick markieren. Dann bekommt die Erde Besuch vom 360-Meter-Asteroiden „Apophis“. Und vielleicht kommt er bald darauf wieder – auf Kollisionskurs...

Dutzende Kleinasteroiden prasseln jährlich auf die Erde, um in der Atmosphäre zu verglühen. Der Einschlag eines Kleinplaneten wie auf dieser Illustration samt den Folgen blieb uns bislang erspart. Damit das so bleibt, wollen die Weltraumforscher unter UN-Organisation vorsorgen.
Dutzende Kleinasteroiden prasseln jährlich auf die Erde, um in der Atmosphäre zu verglühen. Der Einschlag eines Kleinplaneten wie auf dieser Illustration samt den Folgen blieb uns bislang erspart. Damit das so bleibt, wollen die Weltraumforscher unter UN-Organisation vorsorgen.
Foto: Don Davis/NASA

Von unserem Redakteur Peter Lausmann

Der Kamil-Krater in Ägypten.
Der Kamil-Krater in Ägypten.
Foto: Universtät Siena, Antarkt

Weltraum – Den 13. April 2029 sollten Sie sich in ihrem Terminkalender schon einmal dick markieren. Dann bekommt die Erde Besuch – vom Asteroiden „Apophis“. Der hat einen Durchmesser von 360 Metern und wird die Erde in einer Entfernung von weniger als 25 000 Kilometern passieren. Das Problem: Sollte er dabei durch das Gravitationsschlüsselloch (siehe Stichwort unten rechts) fliegen, gibt es wenige Jahre später möglicherweise ein Wiedersehen mit Aufschlag und verheerenden Auswirkungen auf die Menschheit.

Doch kein Grund zur Panik: „Asteroiden rasen nicht auf direktem Weg auf die Erde zu, sondern kreisen auf einem Orbit um die Sonne“, erklärt ESA-Experte Gerhard Drolshagen, „bevor es also zum Aufschlag kommen würde, käme der Flugkörper mehrmals an der Erde vorbei.“ Die Menschheit hat also Zeit, sich darauf vorzubereiten und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Je nach Größe können die Flugbahnen der Asteroiden bereits Jahrzehnte im Voraus berechnet werden. Mehr als eine halbe Million von ihnen sind bereits registriert, der Großteil im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Bedenklich wird es für die Erde allerdings erst, wenn ein Asteroid durch einen Zusammenstoß aus dem Gürtel herausgeschubst wird.

Stark wie eine Atombombe

Jedoch ist es nichts Ungewöhnliches, dass die Erde in die Schusslinie gerät: „Im Schnitt trifft jedes Jahr ein Asteroid von bis zu drei Metern Durchmesser auf die Erde“, berichtet Drolshagen. Ein Zehn-Meter-Brocken einmal in zehn Jahren. Diese richten dann zwar auf der Erde keinen Schaden an, weil sie in der Atmosphäre zerplatzen – durch die Luft werden sie im wahrsten Sinne des Wortes aufgerieben. Doch: „Ein Asteroid von zehn Metern Durchmesser entwickelt dabei die fünffache Energie der Hiroshima-Bombe“, analysiert der Physiker, „über Israel oder der koreanischen Halbinsel sollte man deshalb vorher gewarnt sein, damit es nicht zu Missverständnissen kommt.“ Alle 500 Jahre droht allerdings der Einschlag eines größeren Asteroiden: So wie 1908, als ein 40-Meter-Koloss auf die Weiten Sibiriens niederging. Mit der Kraft der größten Wasserstoffbombe, fünf Megatonnen, fällte der Asteroid rund 80 Millionen Bäume und verbrannte eine Fläche so groß wie London. Allerdings sind 40 Meter so klein, dass man den Asteroiden erst recht spät orten kann. „In diesem Fall bleiben aber zumindest einige Monate, um die Aufschlagsregion zu evakuieren“, skizziert Drolshagen.

Präzise Ablenkungsmanöver

Ab einigen Hundert Metern Größe haben die Weltraumforscher aber nicht nur mehr Vorlaufzeit, sondern auch ganz andere Möglichkeiten, den Asteroiden frühzeitig von seinem Ansinnen abzubringen. „Wir haben dann die Zeit, zum Objekt zu fliegen und es von seiner Laufbahn abzubringen.“ Fast chirurgisch können sie dabei vorgehen: So kann der Flugkörper mit einem Metallbrocken beschossen und damit im wahrsten Sinne des Wortes aus der Bahn geworfen werden. Bereits eine kleine Abweichung kann schon dazu führen, dass sich der Orbit verändert und der Asteroid weit an der Erde vorbeifliegt. Zweite Methode: Laserbeschuss. Dabei fliegt ein Satellit neben dem Asteroiden her, beschießt ihn mit dem Energiestrahl, verdampft dadurch Flüssigkeit und zwingt den Asteroiden so zu einer leichten Flugbahnveränderung. „Den Holzhammer Atombombe wollen wir gar nicht auspacken, weil die Reaktionen nicht zu kontrollieren wären“, räumt Drolshagen mit Hollywood-Fantasien auf. Es wäre nämlich sehr wahrscheinlich, dass nach der Explosion statt einem plötzlich zahlreiche kleinere Asteroiden auf die Erde zurasten. Deshalb könne man sich vorstellen, dass es ebenso wenig Sinn ergibt, einen Bagger auf den Asteroiden zu bringen, um ihn dann zu zerlegen. Drolshagen zu dieser Idee: „Wenig zielführend.“

Doch wer entscheidet letztlich, ob eine Mission ins All geschossen wird? „Derzeit bilden sich drei Arbeitsgruppen unter dem Dach der Vereinten Nationen“, gibt Drolshagen einen Ausblick. Denn ohne internationale Abstimmung sei kein Land in der Lage, allein auf die Gefahr aus dem All zu reagieren. Denn letztlich sind auch alle betroffen: Ein Asteroideneinschlag würde nicht nur für Flutwellen von mehr als 100 Metern Höhe sorgen, sondern auch das Klima auf unvorstellbare Art aus der Balance bringen.