Archivierter Artikel vom 11.04.2014, 09:00 Uhr
Louisville

Schrittmacher im Rückenmark: Forscher lassen Querschnittgelähmte hoffen

Für die US-Wissenschaftler in Louisville (Kentucky) und in Los Angeles ist es zugleich Mysterium und Erfolg: Vier Querschnittgelähmte können nach ihrer Behandlung durch eine Art Rückenmark-Schrittmacher ihre Hüften, Fußgelenke und Zehen wieder selbst bewegen.

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Sitzen noch im Rollstuhl, können sich aber dank eines Schrittmachers im Rückenmark bewegen: die Querschnittgelähmten (von links) Andrew Meas, Dustin Shillcox, Kent Stephenson und Rob Summers.  Foto: University of Louisiana
Sitzen noch im Rollstuhl, können sich aber dank eines Schrittmachers im Rückenmark bewegen: die Querschnittgelähmten (von links) Andrew Meas, Dustin Shillcox, Kent Stephenson und Rob Summers.
Foto: University of Louisiana

Ein Patient soll sogar in der Lage sein, sich vier Minuten lang ohne Unterstützung auf den Beinen zu halten. Gehen kann allerdings noch keiner.Das berichten Forscher der University of Louisville and California in dem britischen Magazin „Brain“.

Bereits vor drei Jahren hatte das Forscherteam um Susan Harkema an der Uni von Louisville von einem Patienten berichtet, der nach einem Verkehrsunfall im Jahr 2006 unterhalb der Halswirbelsäule querschnittgelähmt war. Dem heute 30-jährigen Rob Summers setzten die Forscher im Bereich der Lendenwirbelsäule 16 Elektroden ein, um die Nervenzellen zu stimulieren. Diese epidurale Rückenmarkstimulation wird bereits seit Jahren eingesetzt, um das Leiden chronischer Schmerzpatienten zu lindern. Die Elektroden werden auf der Schutzhaut des Rückenmarks platziert. Einige Zeit später wird dann unter der Haut ein Schrittmacher implantiert. Mit dem kann Summers quasi die Signale ersetzen, die normalerweise vom Gehirn ausgehen.

Nachdem Summers den Schrittmacher bekommen hatte, wurden seine Beine mehrere Monate lang von Physiotherapeuten bewegt. Nach sieben Monaten war er in der Lage, seine Zehen, seine Füße und sogar Beine selbst zu bewegen. Laut der Wissenschaftler reagierten die Beine jedoch nicht nur auf Reflexe, die im Rückenmark ausgelöst wurden. Die Forscher nehmen an, dass durch den Schrittmacher auch neue Verbindungen zwischen Nervenzellen hergestellt worden waren. Dies war bei diesem Patienten allerdings denkbar, da er nicht komplett querschnittgelähmt war. Er hatte in seinen Beinen noch ein Tastgefühl behalten.

Patienten konnten nichts fühlen

Umso interessanter ist das neue Experiment: Denn zwei der Patienten waren nicht nur gelähmt, sondern konnten unterhalb der Querschnittlähmung auch nichts fühlen. Sie haben keine Kontrolle mehr über Darm, Blase, und auch ihr sexuelles Gefühl ist weg. Kent Stephenson, 21 Jahre alt und vor fünf Jahren mit dem Motorrad verunglückt, sagt: „Nach dem Unfall sagten die Ärzte, es gebe für mich keine Hoffnung, Mobilität zurückzugewinnen. Sie sagten, ich müsse lernen, mit dem Rollstuhl zu leben.“ Jetzt sagt er: „Wenn du so lange nicht stehen konntest und drehst dann den Stimulator an und stellst dich einfach hin, dann ist es großartig zu sehen: Ich stehe.“ Ähnlich geht es auch Andrew Meas, 28 Jahre und ebenfalls mit dem Motorrad verunglückt, und dem 26-jährigen Dustin Shillcox, der bei einem Unfall aus seinem Geschäftswagen geschleudert worden ist.

Die Forscher erklären den Erfolg ihrer Therapie damit, dass auch bei völlig querschnittgelähmten Patienten noch einzelne Nervenverbindungen vorhanden sind. Offenbar, so vermuten sie, ist es sogar zu neuen Verschaltungen noch erhaltener Nerven gekommen. Fakt ist jedenfalls, dass die Physiotherapie, die bei den drei später behandelten Patienten erst nach der Implantation des Schrittmachers gestartet wurde, die drei jungen Männer noch beweglicher gemacht hat: Die Muskelmasse hat zugenommen, ihr Blutdruck lässt sich leichter regulieren, sie sind seltener müde, und auch Blase und Darm funktionieren jetzt besser. Zum Teil können sie sogar wieder fühlen. Dazu gehören auch sexuelle Empfindungen.

Enormer Gewinn

Experten betonen jedoch, dass die erfolgreichen Experimente mit den vier jungen Amerikanern zunächst einmal „nur“ bedeuten, dass sich mit dem Schrittmacher im Rückenmark die Lebensqualität der Querschnittgelähmten steigern lässt. Dies ist zwar schon ein enormer Gewinn für viele Patienten. Allerdings sind alle vier weit davon entfernt, ihren Rollstuhl dauerhaft verlassen zu können.

Weltweit gibt es mehrere Millionen Querschnittgelähmte, in Deutschland mehr als 100 000 Betroffene. Ob ihnen die bahnbrechenden Ergebnisse der US-Studie irgendwann helfen werden, hängt laut Experten ganz entscheidend davon ab, ob die Resultate bei noch mehr Betroffenen bestätigt werden. Außerdem ist die begleitende Physiotherapie sehr aufwendig und derzeit wohl noch nicht übertragbar auf eine massenhafte Behandlung von Patienten. Christian Kunst