Archivierter Artikel vom 29.10.2013, 07:07 Uhr

Tachobetrug bei jedem dritten Gebrauchtauto

München/Rheinland-Pfalz – Der Tacho jedes dritten Gebrauchtwagens ist manipuliert. Davon gehen ADAC und Polizei aus.

Lesezeit: 2 Minuten
Tachomanipulation kaum erkennbar
Vorsicht! Gebrauchtwagen mit manipuliertem Tacho können gefährlich werden.
Foto: Karl-Josef Hildenbrand – DPA

Von unserer Redakteurin Ursula Samary

Nach ihren Erkenntnissen wird jedes Jahr in Deutschland bei zwei Millionen Gebrauchtwagen der Kilometerstand „frisiert“, um im Schnitt eine Wertsteigerung von 3000 Euro pro Fahrzeug zu ergaunern. Dabei soll auch eine europaweit vernetzte Tacho-Mafia am Werk sein. Der jährliche Schaden wird auf etwa 6 Milliarden Euro geschätzt.

Trotzdem schützen Autohersteller ihre Modelle zu wenig gegen Tricksereien, erleichtern sie sogar. Zu diesem Schluss kommt eine Studie von ADAC und Uni Magdeburg. „Viele Tachos sind so konstruiert, dass der Kilometerstand mit einem simplen Gerät in 30 Sekunden manipuliert werden kann“, kritisieren die Experten.

Sie fanden heraus, dass viele Autos „schon ab Werk für Manipulationen vorbereitet sind“. Mit branchenüblichen Analysewerkzeugen untersuchten die Experten die Funktionsweise zahlreicher einschlägiger Tachomanipulationsgeräte. Die dafür beispielhaft ausgewählte Elektronik stammte aus Autos von drei Herstellern (Audi, Mercedes und VW), wobei auch darauf verwiesen wird: „Die Manipulation geht im Handumdrehen und an ziemlich jedem Auto, digital und ohne Spuren“, wie ein ADAC-Sprecher erklärt. Sein Vorwurf: Die Industrie habe selbst ein Interesse an variablen Tachos. Nach Darstellung von Insidern würden nach Probefahrten auf dem Werksgelände Kilometer gelöscht, um einen Neuwagen zu präsentieren.

Nach ADAC-Angaben wäre wirksamer Betrugsschutz nicht einmal teuer. „Pro Neuwagen würde das nur etwa 1 Euro kosten.“ Teils seien auch Schutzmechanismen eingebaut, aber nicht aktiviert. „Dies kann ich für VW klar dementieren“, sagt Sprecher Hartmut Hoffmann zu dem Punkt. Bei BMW wundert sich Sprecher Kai Lichte über Pauschalkritik. Der Klub habe BMW „mit der Nominierung zum Gelben Engel im vergangenen Jahr attestiert, dass unsere Fahrzeuge besonders wirkungsvoll gegen Tachomanipulation geschützt sind“. Der Koblenzer Kfz-Innungsobermeister Mark Scherhag sieht den Kunden „im Fachhandel gut aufgehoben“ und hält es für übertrieben, dass jedes dritte Auto betroffen sein soll.

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) versichert, dass die Hersteller ständig Schutzmechanismen verbessern. Sprecher Peter Mair stellt aber „einen Wettlauf“ zwischen der Industrie und der „Manipulationsbranche“ fest, „die ihre Betrugssysteme immer wieder an die neue Technik anpasst“. Dies soll Betrügern auch bei ganz neuen Modellen binnen Wochen gelingen. Der VDA fordert deshalb, „dass der Gesetzgeber den Besitz und Vertrieb sogenannter Tachometer-Reparatursysteme, die für den Betrug genutzt werden, strafrechtlich verfolgt“. Bisher ist zwar die Tachomanipulation verboten, nicht aber die Herstellung und der Verkauf der Manipulationsgeräten.