Archivierter Artikel vom 08.05.2017, 11:50 Uhr
Bonn

Stromautobahnen kommen drei Jahre zu spät

Es geht voran – aber nur schleppend: Auch wenn der für die Energiewende nötige Stromnetzausbau nach jahrelangen Verzögerungen langsam in Gang kommt, bleibt es dabei, dass die drei großen neuen Nord-Süd-Stromautobahnen bis zur Abschaltung der letzten deutschen Atomkraftwerke 2022 nicht fertig sein werden. Für die Versorgung Süddeutschlands und zur Sicherheit der Stromnetzstabilität in kritischen Phasen werden deshalb noch jahrelang erhebliche Kapazitäten an Reservekraftwerken gebraucht.

Rolf SchraaLesezeit: 2 Minuten
Arbeiten unter Hochspannung: Langsam kommt Bewegung in den Bau der für die Energiewende dringend benötigten neuen Trassen. Dennoch werden sie wohl erst drei Jahre nach dem geplanten Atomausstieg im Jahr 2022 fertig sein. Diese Verspätung hat Folgen.   Foto: dpa
Arbeiten unter Hochspannung: Langsam kommt Bewegung in den Bau der für die Energiewende dringend benötigten neuen Trassen. Dennoch werden sie wohl erst drei Jahre nach dem geplanten Atomausstieg im Jahr 2022 fertig sein. Diese Verspätung hat Folgen.
Foto: dpa

Das geht aus dem Bericht hervor, den der Chef der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, am heutigen Montag in Bonn präsentieren will. Aktuell hat die Bundesnetzagentur die förmliche Beteiligung der Öffentlichkeit gestartet. „Damit sind wir nun erste wichtige Schritte vorangekommen“, sagte Homann. Der zügige Ausbau der Stromnetze bleibt aber „eine große Herausforderung“.

Ein Grund für die Verzögerung ist auch die 2016 beschlossene weitgehende Umstellung der Leitungen auf Erdkabel statt Hochspannungsmasten. Damit wollte die Bundesregierung die Akzeptanz erhöhen. Weitgehend abgeschlossene Trassenvorplanungen mussten wegen der neuen Vorgabe neu begonnen werden. Die Entscheidung war auch ein Ergebnis des heftigen Widerstands von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) gegen die von ihm befürchteten „Monstertrassen“.

Homann verteidigt regelmäßig die Entscheidung für Erdkabel, obwohl diese Mehrkosten in Milliardenhöhe bringen werden. Erdkabel ermöglichen teils direktere Trassenführungen und sparen so Wege, argumentiert Homann. Außerdem werde es mutmaßlich deutlich weniger Proteste und damit weniger langwierige Prozesse geben. „Wir sehen deutlich, dass die Akzeptanz für die Leitungen steigt, seit klar ist, dass diese als Erdkabel realisiert werden“, sagt der Netzagenturchef. Das rechtfertigt aus Sicht der Behörde auch die Mehrkosten: „Ohne Erdkabel würden wir überhaupt nicht vorankommen“, heißt es aus der Netzagentur.

Konkret geht es vor allem um das Herzstück des Leitungsausbaus, die rund 700 Kilometer lange Südlink-Leitung von Brunsbüttel nach Großgartach bei Heilbronn und Grafenrheinfeld in Bayern sowie die „Süd-Ost-Link“ von Wolmirstadt in Sachsen-Anhalt zum Netzpunkt Isar nordöstlich von Landshut. Hinzu kommt der mehr als 600 Kilometer lange sogenannte Korridor A im Westen, der Nordseestrom von Emden über Osterath in Nordrhein-Westfalen bis Philippsburg in Baden-Württemberg transportieren soll – Teil dieses Vorhabens ist das Projekt Ultranet, das durch große Teile von Rheinland-Pfalz laufen soll.

Von den insgesamt etwa 7700 Kilometern der vorrangig geplanten Stromleitungen in Deutschland sind laut Homann bis heute rund 850 Kilometer umgesetzt. Die meisten davon wurden im 2009 verabschiedeten früheren Leitungsausbaugesetz geplant. Bis Ende dieses Jahres rechnet die Netzagentur damit, dass rund 45 Prozent dieser vor acht Jahren geplanten Leitungen fertig sind. Von dem neueren Bundesbedarfsplangesetz zum Leitungsausbau mit 5900 Kilometern Länge aus dem Jahr 2013 wurden bis heute 450 Kilometer Leitungen genehmigt und mittlerweile knapp 150 Kilometer realisiert.

Die drei großen Nord-Süd-Stromautobahnen zum Transport des Windstroms von der Küste und aus Norddeutschland in den Süden liegen laut Homann „gut im Zeitplan“. Sie werden laut Planung der Bundesnetzagentur nach jetzigem Stand allerdings erst frühestens 2025 fertig – und damit mindestens drei Jahre nach dem Atom-Aus.

Von Rolf Schraa

Erdkabel? Nicht in Rheinland-Pfalz

Die neuen Stromtrassen berühren Rheinland-Pfalz unter anderem mit dem Großprojekt Ultranet. Das rund 340 Kilometer lange und 1 Milliarde Euro teure Vorhaben läuft über Koblenz durch den Westerwald in Richtung Hessen. Entlang der Strecke haben sich Bürgerinitiativen gegen das Vorhaben gegründet.

Sie fürchten gesundheitliche Schäden durch die gleichzeitige Nutzung von Gleich- und Wechselstrom an einem Mast. Außerdem beklagen sie, dass gesetzliche Mindestabstände zur Wohnbebauung nicht eingehalten werden. Eine Kernforderung ist, Ultranet als Erdverkabelung zu führen – so, wie es bei anderen Großprojekten der Fall ist. Dies ist aber gesetzlich nicht vorgesehen, der Bundestag müsste dafür einen neuen Beschluss fassen. mkn
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