Archivierter Artikel vom 24.12.2013, 06:00 Uhr

RZ-Gespräch: Asmussen: Arbeit allein macht nicht glücklich

Berlin. Seiner Familie zu Liebe gibt er den Posten im Direktorium der Europäischen Zentralbank in Frankfurt auf und wechselt als Staatssekretär ins Arbeitsministerium nach Berlin: Jörg Asmussen sagt im Interview mit unserer Zeitung, dass die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu 50 Prozent auch eine Männerfrage ist.

Jörg Asmussen plädiert dafür, dass die Arbeitsorganisation besser mit den unterschiedlichen Lebensphasen zusammenpasst.  Foto: dpa
Jörg Asmussen plädiert dafür, dass die Arbeitsorganisation besser mit den unterschiedlichen Lebensphasen zusammenpasst.
Foto: dpa
„Unsere Arbeit muss so organisiert werden, dass sie mit den unterschiedlichen Lebensphasen zusammenpasst“, sagt er.

Sie wechseln vom mächtigen EZB-Banker, der mit einem Wort Börsen bewegte, zum dienenden Staatssekretär von Arbeitsministerin Nahles in Berlin. Warum?

Die Gründe für den Wechsel sind familiärer Natur: Der Dienstsitz Frankfurt und die häufigen Dienstreisen waren auf Dauer nicht mit dem Familienwohnsitz Berlin und insbesondere meinen sehr jungen Kindern zu vereinbaren. Ich bin im Jahr 2013 rechnerisch zehnmal um den Globus geflogen. Andere Gründe außer diesen privaten gibt es definitiv nicht. EZB-Präsident Mario Draghi und ich bleiben uns freundschaftlich verbunden.

Ihre neue Chefin, Ministerin Nahles, hat sich gewünscht, dass die Zwangsanwesenheit für Eltern in Betrieben aufhören muss. Machen Sie künftig Homeoffice?

Wir werden als Gesellschaft insgesamt dafür sorgen müssen, dass unsere Arbeit so organisiert wird, dass sie mit den unterschiedlichen Lebensphasen, wie Kindererziehung oder zu pflegenden Angehörigen, besser zusammenpasst. In Zeiten eines drohenden Fachkräftemangels ist es auch im Interesse der Unternehmen, Mitarbeiter durch eine flexible Arbeitsorganisation zu gewinnen oder an sich zu binden.

Ex-Kanzleramtschef Ronald Pofalla scheidet aus privaten Gründen aus der Politik aus, einige Landespolitiker lehnten einen Job in Berlin ab. Spüren Sie in der Politik neue Prioritäten weg von Karriere hin zu mehr Familienzeit?

Ich bin überzeugt, dass die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu genau 50 Prozent eine Männerfrage ist. Der Job kann noch so toll sein, nur Arbeiten macht nicht glücklich. Aber ich gehe nicht in den Vorruhestand, im Arbeitsministerium gibt es viel zu tun, nur das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Familie soll und wird ein anderes sein.

Wie kam der Kontakt zwischen der einstigen Frontfrau der SPD-Linken und Ihnen zustande?

Ich war für die EZB auf Dienstreise in Belgrad, als die damals noch designierte Ministerin Nahles mich angerufen hat. Wir kennen uns lange, ich habe ihr Angebot gern angenommen und freue mich auf die Zusammenarbeit in den nächsten vier Jahren.

Als Ökonom kennen Sie die beschäftigungsschädlichen Wirkungen des Mindestlohns. Jetzt sollen Sie den gesetzlichen Mindestlohn umsetzen. Macht Ihnen das nicht Sorge?

Ich bin heute, anders als vor zehn Jahren, für die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns, wie er im Koalitionsvertrag vorgesehen ist. Früher war die unterste Tarifgruppe zum Beispiel des Metalltarifvertrags ein faktischer Mindestlohn. Heute ist nach Zahlen der Industrieländervereinigung OECD ein Drittel der Beschäftigten nicht mehr durch einen Tarifvertrag abgedeckt. Damit hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt deutlich verändert. Außerdem haben viele unserer europäischen Nachbarn einen gesetzlichen Mindestlohn, der gut funktioniert. Man sollte kein Schreckgespenst an die Wand malen, das nicht der Realität entspricht.

In der Euro-Rettungspolitik haben Sie sich als Vertreter der Troika für eine Politik der Reformen und der Wettbewerbsfähigkeit eingesetzt. Die schwarz-rote Koalition will gerade in Ihrem Ministerium Milliarden für Wohltaten ausgeben. Wird der Aufschwung kaputt gemacht?

Die deutsche Wirtschaft wird auch im nächsten und übernächsten Jahr robust wachsen, wir sehen in der Euro-Zone insgesamt einen langsamen Aufschwung. Die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit bleibt für alle europäischen Volkswirtschaften zentral. Wettbewerbsfähigkeit ist die Voraussetzung für nachhaltiges Wachstum, und daran sollen dann alle teilhaben. Damit schaffen wir die soziale und ökologische Marktwirtschaft im europäischen Binnenmarkt.

Wollen Sie sich künftig auch wieder stärker in der SPD engagieren?

Ein EZB-Direktor hat zu Recht in jedem Moment parteipolitisch völlig neutral zu sein. Ein Staatssekretär kann in seiner Freizeit parteipolitisch tätig sein. Das werde ich tun, die SPD braucht auch sicherlich mehr Wirtschaftskompetenz.

Das Gespräch führte Michael Bröcker