Archivierter Artikel vom 20.09.2011, 11:21 Uhr
Ingelheim

Pharmariesen zeigen die Zähne

Das Medikament ist gut, die Patienten bekommen es aber nicht. Was paradox klingt, ist Folge eines Kampfs um Geld. Es wird von seinen Entwicklern als ein Meilenstein in der Diabetes-Behandlung gepriesen und ist für die USA und für Europa zugelassen: das Medikament Trajenta mit dem Wirkstoff Linagliptin. Dennoch: Die Patienten in Deutschland werden zunächst ohne die Wirkung der neuen Tablette auskommen müssen.

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Foto: dpa (Symbolbild)

Ingelheim – Das Medikament ist gut, die Patienten bekommen es aber nicht. Was paradox klingt, ist Folge eines Kampfs um Geld.

Es wird von seinen Entwicklern als ein Meilenstein in der Diabetes-Behandlung gepriesen und ist für die USA und für Europa zugelassen: das Medikament Trajenta mit dem Wirkstoff Linagliptin. Dennoch: Die Patienten in Deutschland werden zunächst ohne die Wirkung der neuen Tablette auskommen müssen. Grund sind wirtschaftliche Streitigkeiten zwischen den Firmen Boehringer Ingelheim und Lilly (Bad Homburg) auf der einen Seite und denjenigen Institutionen, die über den Marktpreis in Deutschland entscheiden.

Es kommt zur Kraftprobe – aber nur hierzulande, während in anderen europäischen Ländern mit anderen Preisgestaltungsmechanismen die Markteinführung läuft. Die Beweggründe verdeutlichte Engelbert Günster, Landesleiter Deutschland der Boehringer Ingelheim Deutschland GmbH. Grundproblem ist das spezifisch deutsche Prozedere als Ausfluss des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes. Laut Bundesministerium für Gesundheit schafft dieses „die schwierige Balance zwischen Innovation und Bezahlbarkeit bei Arzneimitteln“. Laut Boehringer bestraft es forschende Unternehmen.

Neue Medikamente werden anhand eines Herstellerdossiers vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) bewertet, unter anderem nach dem Zusatznutzen gegenüber einer „zweckmäßigen Vergleichstherapie“. Dann handelt der Spitzenverband der Krankenkassen (GKV) mit dem Hersteller den Erstattungsbetrag aus.

Hier liegt der Konflikt begründet: Der G-BA habe therapeutischen Nutzen und positive Eigenschaften des Wirkstoffs gegen Diabetes unzureichend gewürdigt. Heraus kam ein Preis, „der dem Innovationscharakter des Medikaments nicht gerecht wird“, sagt Günster. Also greifen Boehringer und Lilly zum drastischen Schritt, für den es nur wenige vergleichbare Fälle gibt: Das orale Antidiabetikum Trajenta wird zwar offiziell in Deutschland in den Verkehr gebracht, aber vorerst nicht den Patienten zur Verfügung gestellt. Die theoretische Verfügbarkeit gehört zum taktischen Spiel und ermöglicht finanzielle Nachverhandlungen.

Boehringer Ingelheim ist im ersten Halbjahr in lokaler Währung um 4 Prozent gegenüber dem Vorjahr gewachsen und hat 6,4 Milliarden Euro erlöst. Wachstumsmotoren waren Neueinführungen, allen voran der Gerinnungshemmer Pradaxa. Ein ähnlicher Umsatzgarant sollte Trajenta werden – ein guter Grund für Boehringer und Lilly, den Kampf aufzunehmen. Rainer Gräff