Archivierter Artikel vom 15.10.2010, 17:49 Uhr
Koblenz/Berlin

Interview: Fuchs will Atomkraft bis 2040

In einem Interview mit unserer Zeitung warnte Unionsfraktionsvize Michael Fuchs Anfang September vor Stromimport und glaubte, dass ohne Laufzeitverlängerung die Energiepreis steigen werden.

Unions-Fraktionsvize und CDU-Wirtschaftsexperten: Michael Fuchs aus Koblenz
Unions-Fraktionsvize und CDU-Wirtschaftsexperten: Michael Fuchs aus Koblenz
Foto: dpa (Archiv)

Koblenz/Berlin – In einem Interview mit unserer Zeitung warnte Unionsfraktionsvize Michael Fuchs Anfang September vor Stromimport und glaubte, dass ohne Laufzeitverlängerung die Energiepreis steigen werden.

Was ist Ihre Schlussfolgerung aus den Energiegutachten?

Längere Laufzeiten sind sinnvoll, solange wir noch keine ausreichenden Speicher- und Leitungskapazitäten für erneuerbare Energien haben. Darüber hinaus wirken sie kostendämpfend und haben positive Folgen für die CO2-Bilanz. Kürzere Laufzeiten würden indes einen stärkeren Ausstoß von CO2 zur Folge haben und so unsere Klimaschutzziele ad absurdum führen.

Eine nur marginale Strompreissenkung rechtfertigt keine längeren Laufzeiten, entgegnen Kritiker.

Wenn der Strompreis um ein Prozent steigt, dann regen wir uns auf. Aber hier geht es um Senkungspotenziale von 10 Prozent und mehr, für die Industrie sogar von bis zu 30 Prozent. Das ist nicht marginal. Außerdem müssen wir bedenken: Jedes Kernkraftwerk, das abgeschaltet wird, führt dazu, dass wir fossile Energien als Ersatz einschalten müssen. Das bedeutet automatisch mehr CO2-Ausstoß.

Ihre Widersacher in der Union betonen aber, dass durch die Abschaltung von Atommeilern keine Stromlücke entstehen wird.

Das Gutachten bestätigt eindeutig, dass wir zu einem Stromimporteur werden, sobald Kernkraftwerke abgeschaltet werden. Dies geht auf Kosten unserer Versorgungssicherheit und erfüllt mich mit großer Sorge. Dann müssen wir aber aus dem Ausland Strom importieren, der auch aus Kernkraftwerken aus Frankreich oder Tschechien stammt. Dort kommt er aus dem Kraftwerk Temelin, das baugleich mit dem in Tschernobyl ist. Wenn uns das sicherer erscheint…

Aber was spricht dagegen, in einer Übergangsphase Strom aus Frankreich zu beziehen?

Das ist in einer globalisierten Welt prinzipiell in Ordnung. Ich hätte aber gern deutsche Versorgungssicherheit, da die Industrie auf eine zuverlässige Stromversorgung rund um die Uhr angewiesen ist. Die können wir so nicht garantieren, weil wir dann abhängig von Frankreich oder Tschechien wären. Außerdem gibt es noch nicht genug Kuppelstellen, mit deren Hilfe man Strom aus anderen Ländern beziehen kann. Wir müssen erst einmal dafür sorgen, dass wir an allen Ländergrenzen solche Stellen haben, um nicht von einzelnen Ländern abhängig zu sein. Wir sind ja bereits jetzt von vier Oligopolen, den Stromkonzernen, abhängig.

Um wie viele Jahre wollen sie die Laufzeiten der Atommeiler also verlängern?

Für mich ist der Zeitraum, der in dem Gutachten als besonders günstig berechnet worden ist, zwischen 12 und 20 Jahren. Ich bin gern bereit zu sagen: je kürzer desto besser. Aber ich habe das Gefühl, dass es auf 15 Jahre hinausläuft. Damit erreichen wir Versorgungs- und Kostensicherheit. Und wir haben genug Zeit, um in Forschung zu investieren. Denn unser Problem bei den erneuerbaren Energien ist erstens, dass wir keine Speicherkapazitäten haben. Deshalb müssen wir Strom immer wieder zu negativen Preisen ins Ausland abgeben, weil er nicht gespeichert werden kann. Zweitens müssen wir in intelligente Netze investieren. Deshalb müssen wir über Beschleunigungsverfahren beim Netzausbau nachdenken. Derzeit dauert es 12 bis 15 Jahre, um eine Trasse für Hochspannungsleitungen zu bauen. Das darf nicht so lange dauern. Erneuerbarer Strom entsteht vor allem in Norddeutschland. Gebraucht wird er aber im Süden. Bayern bezieht 65 Prozent seines Stroms aus Kernkraft.

Warum sollte die Atomindustrie die Netze ausbauen, wenn sie doch weiß, dass ihre Meiler länger laufen?

Ihnen wird nichts anderes übrig bleiben, weil sie wissen, dass die Laufzeiten der Kernkraftwerke endlich sind. Und sie wissen, dass der Netzausbau lange dauert. Deshalb brauchen wir längere Laufzeiten.

Wer finanziert den Ausbau?

Das wird über die Strompreise finanziert werden.

Und was zahlt die Industrie für längere Laufzeiten und damit auch Zusatzgewinne?

Die Energiekonzerne haben immer gesagt, dass sie bereit sind, größere Teile des Sondergewinns aus der Laufzeitverlängerung als Abgabe zu leisten. Wir wollen eine Brennelementesteuer. Die 2,3 Milliarden Euro müssen fließen. Aus meiner Sicht könnte es aber auch mehr sein. Das Geld ist für den Haushalt fest eingeplant. Darüber hinaus muss die Industrie in Sicherheitsnachrüstungen und in andere Stromkapazitäten investieren. Denn wenn die Kraftwerke irgendwann abgeschaltet sind, will sie weiter ein Geschäft machen.

Sind Sie für eine Steuer oder einen Vertrag?

Ich möchte etwas Rechtssicheres haben, also einen Vertrag. Denn wenn alle vier Kernkraftbetreiber den Vertrag unterschrieben haben, können sie dagegen nicht klagen. Bei einer Steuer besteht die Gefahr von Klagen.

Wie wird der Atomstreit in der Bundesregierung ausgehen?

Ich hoffe, dass wir eine Einigung erzielen, die dazu führt, dass Bürger und Unternehmen den Strom in Deutschland weiter bezahlen können. Auch die erneuerbaren Energien sind nicht umsonst zu haben. Selbst die Fotovoltaikindustrie hat angekündigt, dass der Strompreis um zehn bis zwölf Prozent steigen wird, nur weil die Zahl der Anlagen gewaltig angewachsen ist. Die EEG-Umlage, die die Bürger mit ihrer Stromrechnung zahlen, wird deutlich steigen. Das hat nichts mit den vier Stromkonzernen zu tun, sondern mit den staatlich verordneten Preissteigerungen. Ich habe die Befürchtung, dass wir nächstes Jahr über Sozialtarife beim Strom nachdenken müssen. Das will ich nicht.

Was muss passieren?

Wir müssen dafür sorgen, dass die Strompreise durch eine Verlängerung der Laufzeiten niedrig bleiben. Und wir müssen darüber nachdenken, ob die Einspeisevergütungen für erneuerbaren Strom so bleiben können. Wenn da zweistellige Renditen erwirtschaftet werden, muss man sich fragen, ob das richtig ist.

Das Gespräch führte Christian Kunst