Archivierter Artikel vom 05.12.2013, 06:00 Uhr
Wissen

Handels-Präsident zum Thema „Kauf Lokal“: Einkaufserlebnis muss stimmen

Aus karitativen Gründen geht niemand zum Einzelhändler vor Ort, sagt Josef Sanktjohanser – das tut er nur dann, wenn er ein attraktives Einkaufserlebnis erwarten kann.

Lesezeit: 8 Minuten

Der Präsident des Handelsverbands Deutschland (HDE) erklärt im Gespräch mit unserer Zeitung, wie sich die stationären Läden für die wachsende Onlinekonkurrenz wappnen können.

Das Interview:

Josef Sanktjohanser, Präsident des Handelsverbands Deutschland, sieht den stationären Einzelhandel zwar unter Druck – doch zugleich erkennt er einen Trend weg vom Preis und hin zum Service.
Josef Sanktjohanser, Präsident des Handelsverbands Deutschland, sieht den stationären Einzelhandel zwar unter Druck – doch zugleich erkennt er einen Trend weg vom Preis und hin zum Service.
Foto: Handelsjournal/Carsten Hoppen

Unter dem Motto „Kauf lokal“ hat unsere Zeitung die Lage des heimischen Handels thematisiert. Mit welchen Gefühlen haben Sie als Präsident des Handelsverbandes Deutschland in dieser Zeit unsere Zeitung aufgeschlagen?

Mit dem guten Gefühl, dass Sie sich sehr direkt an Leser und Entscheidungsträger in der Region wenden. Das ist ein Weckruf auch für Unternehmer und Entscheider in den kommunalen Parlamenten und Behörden.

Wie bedeutend ist der Einzelhandel in Deutschland?

Der Einzelhandel im engeren Sinne – ohne Tankstellen und ähnliches – erzielt rund 435 Milliarden Euro Umsatz. Er hat einen Anteil am Bruttoinlandsprodukt von etwa 15 Prozent und ist eine wichtige Konjunkturstütze. Während die gesamte Wirtschaft in der Finanzmarktkrise 2008/2009 um fast 5 Prozent abstürzte, hatte der Einzelhandel nur knapp 2 Prozent Rückgang.

Wie viele Kunden kaufen denn täglich beim Einzelhändler ein?

50 Millionen, Tag für Tag. Das heißt: Gut die Hälfte der Deutschen geht jeden Tag einkaufen.

Der Konsum stagniert weitgehend. Wie sehen die Umsatzprognosen des Handels für dieses Jahr aus?

Wir haben 1,2 Prozent plus prognostiziert. Die aktuellen Zahlen bestätigen das. Die Stimmung für das Weihnachtsgeschäft ist ordentlich.

Edeka, Rewe, Aldi, Lidl/Kaufland, Metro – diese „Big Five“ prägen das Bild des Handels. Wird Ihre Branche von den Großen beherrscht?

Sicher nicht so, wie es immer dargestellt wird. Rewe und Edeka beispielsweise sind mit ihren Strukturen sehr mittelständisch geprägt. Außerdem wird unterschätzt, dass innerhalb der Gruppen ein starker Wettbewerb herrscht: Netto beispielsweise ist die Discount-Tochter von Edeka, Penny übernimmt diese Rolle bei Rewe. Sie treten mit unterschiedlichen Sortimenten und Preisen auf.

Es gibt also keine Konzentrationsprozesse zulasten des Kunden?

Nein. Alles, was ich in meiner langen Handelslaufbahn erlebt habe, zeigt: Wir haben zwar eine Konzentration, aber für die Kunden gibt es immer mehr Vielfalt. Es gab noch nie eine so breite Produktauswahl wie heute, und es gab auch noch nie mehr Lieferanten. Gerade durch den Trend zu Regionalität und Bioprodukten wächst das Sortiment. Wir haben auch immer mehr Läden, die sich untereinander durchaus Wettbewerb liefern können. Sie sehen das hier in Wissen: Da gibt es einen „Rewe XL“ und einen Rewe-Supermarkt, der von einem Wissener Kaufmann selbstständig geführt wird.

Früher gab es im Handel klar voneinander getrennte Welten. Es gab die Vollsortimenter auf der Grünen Wiese, es gab die Discounter. Sind die Grenzen denn heute noch so eindeutig?

Die großen Flächen haben ihren Zenit überschritten. Der Kunde wird durch ein dichtes Netz kleinerer Läden – Discount- und Supermärkte – quartiersnah versorgt, und zwar zu Preisen, die früher nur Großbetriebsformen realisieren konnten. Und die Discounter haben über die Jahre ihre Leistungen ausgebaut: Die Läden sehen schöner aus, sind mit moderner Technik ausgestattet – und sauber. Auch im Sortiment reichen sie immer mehr an die Vollsortimenter heran. Mit frischen Produkten, Markenartikeln, Bio oder fair gehandelter Ware.

Wie tief greifend ist der Umbruch im Handel, den wir derzeit erleben?

Tatsache ist, dass der Onlinehandel gerade in den Bereichen Technik, Unterhaltung – also Bücher, Tonträger, Filme, DVDs – sowie Mode zunehmend stark wächst. Da gibt es ungebrochen zweistellige Zuwachsraten. Aktuell sprechen wir von 12 Prozent Wachstum im Onlinehandel, er wird in diesem Jahr mehr als 30 Milliarden Euro Umsatz erreichen. Am gesamten Handel macht Online- oder Distanzhandel dennoch nur 7 Prozent aus. Das ist nicht wahnsinnig viel – aber die Dynamik ist groß.

Ist der klassische stationäre Handel in seinem Bestand gefährdet?

Er ist unter Druck, weil der Onlinehandel dem stationären Handel zum Teil immer mehr Umsatz nimmt. Die Frage ist, wie weit das geht. Heute haben wir 7 Prozent Onlineanteil – vom Gefühl her würde ich sagen, das wird sich noch verdoppeln, aber dann auch natürliche Grenzen finden. Gerade beim Lebensmittelhandel, und deshalb bauen wir unsere Läden aus. Die sind nämlich auch ein Marktplatz, an dem der Kunde schmecken, riechen, fühlen kann. Wir kommen zwar nicht zurück zu Tante Emma. Aber in einer moderneren Form muss der Handel ein Ort der Kommunikation sein. Und das Einkaufen muss bequem sein, attraktiv und interessant. Wenn der Händler den Geschmack der Verbraucher nicht trifft, wird sich der Kunde abwenden. Es geht keiner aus karitativen Zwecken zu irgendeinem Händler.

Gerade der Haushaltstechnik- und Elektronikhandel klagt über „Beratungsklau“. Wie stehen Sie zu Kunden, die sich im Laden informieren, dann aber eiskalt im Netz kaufen?

Die Kunden sind, wie sie sind. Oft ist es umgekehrt: Ein Drittel der Kunden informiert sich im Netz und kauft im Laden. Doch ich verstehe, dass der „Beratungsklau“ viele Händler frustriert. Die Verkäufer achten mittlerweile genau darauf, dem Kunden zu vermitteln: Du bekommst hier eine Beratung, du kannst gegebenenfalls auch umtauschen – kauf bitte hier, wir bieten dir Vorteile.

Die Kunden müssen also auch über ihre Einstellung nachdenken?

Und deshalb begrüße ich es so, dass Sie „Kauf lokal“ angestoßen haben. Der Appell an die Kunden ist richtig. Zu nahe sollte man ihm allerdings nicht kommen. Sonst sagt der Kunde: „Du bist zu kritisch mir gegenüber. Zu dir gehe ich nicht mehr.“

Raten Sie jedem Händler, ein zweites Standbein im e-Commerce aufzubauen?

Auf jeden Fall sollte er einen Auftritt im Internet haben. Für den zweiten Schritt, einen Onlineshop inklusive Bestellwesen, Logistik, Bevorratung und Versand, brauchen Sie aber enorme Kraft, Kapital, Zeit. Als positive Beispiele nenne ich mal Expert Klein, ein tüchtiger Unternehmer. Oder Intersport Krumholz. Die präsentieren ihre Marke im Netz und stellen das Sortiment vor.

Der traditionelle Handel bietet Einkaufen mit sozialen Bindungen. Wird das vom Kunden noch honoriert?

Eindeutig ja! Es gab zuletzt eine Verlagerung weg vom Preis hin zu Qualität und Service. Der Kunde hat erkannt: Wenn er nicht bereit ist, für ein gutes Lebensmittel auch reelles Geld zu bezahlen, dann können weder die Mitarbeiterin im Laden noch die vorgeschaltete Industrie, geschweige denn der Landwirt, ein ordentliches Auskommen haben. Das ist zwar nicht streng marktwirtschaftlich gedacht – aber auch darin drückt sich die freiheitliche Demokratie aus.

Der Handel selbst hat doch den Kunden eingebläut: „Geiz ist geil“.

Einige Unternehmen haben da extrem Gas gegeben. Jetzt heißt es kollektiv, „der Handel ist selbst schuld. Zu viel Fläche, zu viel Preisaggressivität – da müsst ihr euch nicht wundern, wenn die Läden gerade in Innenstadtlagen sterben.“ Es geht aber auch um Ordnungspolitik: Es gibt Gesetze, wonach Flächen mit Augenmaß zu entwickeln sind. Fabrikverkäufe (FOC) müssen sehr restriktiv behandelt werden.

Um ein Factory-Outlet-Center wie das in Montabaur wird immer jahrelang heftig gestritten. Wie stehen Sie denn zu dieser Form des Einzelhandels?

Ich sehe das kritisch. Gesunde urbane Strukturen dürfen dem nicht geopfert werden. Natürlich haben FOC-Betreiber, Grundstückseigner, Investoren berechtigte Interessen. Ich kritisiere nur, wenn bestehende Gesetze nicht für alle gleich angewendet werden.

Wagen wir mal einen Blick in die Zukunft. Koblenz, Neuwied, Bad Kreuznach – welche Form von Handel wird es in zehn Jahren in diesen Städten noch geben und welche nicht mehr?

Der filialisierte Systemhandel breitet sich überall aus. Die Innenstädte gleichen sich immer mehr, weil überall die Gleichen sind. Das ist der Vielfalt und der individuellen Attraktivität der Städte nicht förderlich. Umgekehrt gibt es sehr wohl noch inhabergeführte Unternehmen mit langer Tradition, die das Gesicht der Städte dann besonders prägen.

Wenn wir an kleinere Städte wie Wissen, Remagen, Diez denken – wie sieht es dort in zehn Jahren aus?

Eine Revitalisierung des Einzelhandels gelingt nur dann, wenn man ein Ensemble von „Ankermietern“ integriert. Das geht nicht ohne große Investitionen. Nur Verkehrsberuhigung bringt es nicht. Das Gesamtbild muss stimmen.

Mittlerweile verschwimmen die klassischen Handelsfunktionen: Hersteller wollen direkt verkaufen, Logistiker wollen auch selbst verkaufen ...

Exakt. Wir als „Originalhändler“ Rewe versuchen deshalb, unsere Händlermarke zu stärken. Siehe Aldi, siehe dm. Die starken Marken, die heute beim Verbraucher so beliebt sind, kommen mit dem gesamten Ensemble an Leistung standortnah zum Verbraucher. Die starken Händler gehen den Weg der „Rückwärtsintegration“. Das heißt, sie kommen vom Handel und gehen zurück bis zum Erzeuger. Einen eigenen Bauernhof wird sich die Rewe-Gruppe wohl nicht kaufen – aber sehr wohl verhandeln wir mit einer Agrargenossenschaft über den Anbau von Äpfeln, damit wir zu bestimmten Jahreszeiten die gewünschten Qualitäten bekommen.

Der Manteltarifvertrag in Ihrer Branche geht in Teilen auf die 50er-Jahre zurück. Was passt da noch, was passt nicht mehr?

Die Berufsbezeichnungen und Berufsbilder passen überhaupt nicht mehr. Die sind zum Teil aus Vorkriegszeiten übernommen. Da gibt es noch den Fahrstuhlführer und die Kaltmamsell. Und der Manteltarif war bei den Arbeitszeiten auf das Muster angelegt: Mittagspause, abends um 18 Uhr geschlossen. Wir brauchen dringend eine Flexibilisierung. Die Mitarbeiter müssen halt dann da sein, wenn auch der Kunde da ist. Der Händler kann auch nicht so lange Vorplanzeiten hinnehmen, wie sie der Manteltarif starr vorschreibt. Denn die legen ihn an die Kette. Wir haben jetzt Mantel- und Entgelttarif gekündigt und klargemacht: Einen Entgelttarif wird es erst geben, wenn sich beim Manteltarif etwas bewegt.

Jetzt gibt Ihnen die Politik aber einen Mindestlohn vor.

Unser Verband ist gegen einen gesetzlichen Mindestlohn. Wir haben nichts gegen einen tariflichen Mindestlohn, der differenziert ausgehandelt wird. In Baden-Württemberg liegt er bei 9,40 Euro, in den neuen Ländern bei 7,30 Euro, in NRW bei 8,80 Euro. Wir liegen also durchaus in dem politisch gewollten Korridor. Man könnte sagen: „Dann stellt euch doch nicht so an!“ Aber es gibt im Handel auch Auszubildende, Praktikanten, Schüler. Diese Personengruppen müssen wir differenziert betrachten. Und es gibt starke und schwache Regionen. Wir sind dagegen, alle über einen Kamm zu scheren.

Was wünschen Sie sich von der möglichen Großen Koalition?

Wenn der gesetzliche Mindestlohn nun einmal kommt, sollte er sich am englischen „Kommissionsmodell“ orientieren. Der Tarifvorrang für die von den Sozialpartnern ausgehandelten Bedingungen muss auch für die Zukunft Gültigkeit haben. Die Instrumente der Agenda 2010 zur Flexibilisierung am Arbeitsmarkt sollten zudem nicht so weit zurückgefahren werden, dass wir wieder Gefahr laufen, Beschäftigung zu verlieren.

Was wünschen Sie sich von der Kommunalpolitik im Verbreitungsgebiet unserer Zeitung?

Die kommunalen Parlamente sollten erkennen, dass der Schlüssel in einer guten Infrastruktur liegt. Die Kunden müssen auch zum Laden in der Innenstadt kommen, sonst gehen sie da gar nicht hin, sondern fahren ins FOC oder in andere Zentren. Wir können Investitionen im Handel nur refinanzieren, wenn wir durch eine hohe Kundenfrequenz ordentliche Umsätze haben.

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Und was wünscht sich der Präsident des HDE von den Kunden im Verbreitungsgebiet unserer Zeitung?

Dass sie die ortsansässigen Händler nach Kräften durch ihren Einkauf unterstützen.

Das Gespräch führte Chefredakteur Christian Lindner