Archivierter Artikel vom 30.05.2016, 06:00 Uhr
Berlin

Bauern fürchten um Existenz: Jetzt sollen Molkereien aus der Milchkrise helfen

Von der Kuh bis zum Kühlregal ist es ein weiter Weg – auf dem sich entscheidet, was Supermarktkunden für Milch, Käse oder Joghurt zahlen müssen und wie viel die Bauern dafür bekommen. Zuletzt war das immer weniger – jetzt hat Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) zum „Milchgipfel“ geladen, um Auswege aus der bedrohlichen Krise für Tausende Höfe zu suchen.

Foto: dpa

Von Sascha Meyer

Dabei richten sich viele Blicke auf eine wichtige Schnittstelle: die Molkereien, die erst mit den Landwirten verhandeln und am Ende mit den Handelsriesen.

„Ohne die Molkereien gibt es keine Besserung der katastrophalen Lage“, heißt es bei der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Schließlich seien sie „der Flaschenhals, durch den fast die gesamte Milch hindurchgeht“. Der Bauernverband betont, nur an dieser Stelle könne die Milchmenge nach der jeweiligen Nachfrage gesteuert werden.

Und auch Gipfelgastgeber Schmidt zielt in diese Richtung, um das erhebliche Überangebot als Ursache der Krise anzupacken. „Nur wenn wieder weniger Milch auf den Markt kommt, steigt der Preis.“ Dabei gibt es den einen, bundesweit einheitlichen Preis nicht. Jede der gut 90 Molkereien mit 220 Standorten hat ihren eigenen, wie es beim Milchindustrie-Verband heißt. Und die Preise, die Bauern bekommen, schwanken auch noch saisonal und regional. Mitte Mai lagen sie laut Bundesverband Deutscher Milchviehhalter zwischen 17 Cent je Liter im Norden und 29 Cent in Bayern – wobei gilt, dass mindestens 35 Cent für ein kostendeckendes Wirtschaften hereinkommen sollten.

Das Geld für die abgelieferte Milch überweist die Molkerei den Bauern in der Regel im Folgemonat. Darin spiegelt sich also jeden Monat die jeweilige Marktsituation wider – auch im Licht des Mengenangebots und der Kosten und Erlöse, die wiederum die Molkereien haben. Dabei ist der Einzelhandel einer der großen Abnehmer. Beliefert werden aber auch Weiterverarbeiter, die zum Beispiel tonnenweise Käse für Tiefkühlpizza ordern. Insgesamt die Hälfte der Milch verkaufen die Molkereien über die deutschen Grenzen hinaus im Export.

Der Milchpreis für die Bauern hängt nicht nur von konjunkturellen Schwankungen ab, sondern auch vom Gehalt an Inhaltsstoffen wie Fett und Eiweiß sowie Qualitätskriterien etwa zur Gesundheit der Kühe. Dafür gibt es Zu- oder Abschläge auf den Basispreis. Und immerhin können sich Bauern generell darauf verlassen, dass die Molkereien ihre Milch auch in Zeiten schwacher Märkte nicht ablehnen.

Entscheidend ist, wie gut sich die Molkereien selbst bei ihren Abnehmern behaupten. Für die „weiße Linie“ mit Trinkmilch oder Joghurt werden die Karten immer im Mai und November neu gemischt. In Ausschreibungen bewerben sich Molkereien dann bei den großen Handelsketten als Lieferanten für eine bestimmte Produktmenge – mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass ein eher billiges Angebot den Zuschlag bekommt. Größeren Spielraum haben Aldi, Lidl und Co. prinzipiell bei Eigenmarken. Denn für Milch und Joghurt mit schlichter Verpackung ohne Logo lassen sich leichter Lieferanten austauschen, als dass eine bekannte Marke aus dem Angebot fliegt.

Als „Milchpreismacher“ für die Bauern stehen die Molkereien somit auch selbst unter Druck. Für die Verhandlungen mit den Abnehmern sollten sie sich stärker verbünden, mahnt der Bauernverband. Generalsekretär Bernhard Krüsken verweist auch auf Modelle, bestimmte Mengen zu einem festen A-Preis abzunehmen – und absehbar schlechter zu vermarktende Milch darüber hinaus zu einem niedrigeren B-Preis. Die AbL fordert von großen Molkereien einen „Bonus für Mengenvernunft“ für Bauern, die ihre Menge zumindest leicht senken. Die Milchindustrie selbst setzt auf Kosteneinsparungen und weitere Exportmärkte.