Archivierter Artikel vom 22.04.2013, 15:11 Uhr
Bonn

384 Kbit/sec oder Zubuchen: Telekom führt für Datenfresser Tempodrossel ein

Die Telekom macht Ernst mit ihren Plänen, im Festnetz eine Drossel für Internetnutzung einzubauen. Neue Verträge sehen die Möglichkeit vor, dass die Daten nur noch tröpfchenweise kommen, wenn Nutzer ein Volumen erschöpft haben und nicht zubuchen. Die Neuverträge kommen bald, spürbar wird die Regelung aber wohl vorerst nicht.

Was Nutzer mobiler Datentarife kennen, könnte künftig auch am heimischen PC blühen: Die Telekom dreht den Hahn weit zu, Internet tröpfelt nur noch. 
Was Nutzer mobiler Datentarife kennen, könnte künftig auch am heimischen PC blühen: Die Telekom dreht den Hahn weit zu, Internet tröpfelt nur noch.
Von unserem Redakteur Lars Wienand

Mitte März hatte es für Aufregung gesorgt, war aber zunächst noch skeptisch aufgenommen worden: Das Podcast fanboys.fm meldete aus vertraulichen Telekom-Unterlagen, dass das Unternehmen über eine „Bandbreitensteuerung“ nachdenkt. Jetzt wird das Gedankenspiel Wirklichkeit: Die Telekom revolutioniert die Tarifstruktur fürs Festnetz. Neue Festnetzkunden werden bei der Telekom erleben können, was manche Mobilfunkkunden schon verfluchen: Eine Nachricht, dass das Datenvolumen erschöpft ist und man nun nur noch langsames Internet zur Verfügung hat. „Ist die Volumengrenze erreicht, sehen die Leistungsbeschreibungen eine einheitliche Reduzierung der Internetbandbreite auf 384 Kbit/s vor“, bestätigte die Telekom in einer Mitteilung. Dann muss zugebucht werden. Andere Anbieter hatten das wenn überhaupt nur in besonders billigen Tarifen vorgesehen.

„Den Kunden mit sehr hohem Datenaufkommen werden wir in Zukunft mehr berechnen müssen“, erklärt in der Mitteilung Michael Hagspihl, Geschäftsführer Marketing der Telekom Deutschland. Die Telekom erklärt den Schritt damit, dass das Datenaufkommen rapide wächst und das auch den Ausbau der Infrastruktur teurer macht. Aus „technischen Gründen“ gehe die Telekom aber nicht davon aus, vor 2016 Nutzern den Internethahn bei hohem Verbrauch zuzudrehen.

Christopher Lauer, Fraktionsvorsitzender der Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus, forderte nach Bekanntwerden der Pläne: „Wir sollten in der Tat die Telekom enteignen und den Bürgerinnen und Bürgern ihr Netz zurückgeben. Die Telekom habe bei der Privatisierung das bestehende Netz vom Bund geerbt und zu wenig investiert. Die Argumentation sei so, „als würden wir der Telekom das Straßennetz geben, die lässt es dann verwahrlosen und führt dann eine Maut ein, um die Spuren benutzen zu können, die noch funktionieren.“

Während die Telekom einerseits mit dem rapide steigenden Verbrauch argumentiert, legt sie den Verbrauch von heute als Maßstab für Vergleiche an: Im Schnitt verbrauche ein Kunde heute 15 bis 20 Gigabyte (GB). Das geringste integrierte Datenvolumen wird 75 GB betragen: Das reiche heute für normales Surfen, zehn Filme in normaler Auflösung, drei HD-Filme, 60 Stunden Internetradio, 400 Fotos und 16 Stunden Online-Gaming, rechnet die Telekom vor.

Die Regelung gilt für neue Call&Surf- und Entertain-Verträge. Daten durch Entertain-Nutzung sollen aber ebenso ausgenommen werden wie die Sprachtelefonie. Damit behandelt die Telekom Daten, die durch die Nutzung eigener Dienste entstehen, besser als andere Daten. Kritiker sehen damit die Netzneutralität weiter bröckeln und das Zwei-Klassen-Internet näher rücken. Netzneutralität bedeutet, dass Datenpakete unverändert und gleichberechtigt übertragen werden, egal von woher sie stammen oder welche Anwendungen die Pakete generiert haben. Der Verein Digitale Gesellschaft fordert auf seiner Seite “echtesnetz.de, dass eine Diskriminierung nach Absender, Inhalt, Empfänger, Klasse oder auch Tarif grundsätzlich verboten gehört. Im Mobilfunk ist das bereits schleichend ausgehoben – die Nutzung des Streamingdienstes Spotify wird bei der Telekom nicht angerechnet.

Die Telekom hält dagegen, Enterntain und Telefonie seien „im Gegensatz zu Internetdiensten Managed Services, die in einer höheren und gesicherten Qualität produziert und vom Kunden gesondert bezahlt werden“.

Das sind die Volumengrenzen, die ab dem 2. Mai in neuen Verträgen gelten:

Tarife mit Geschwindigkeiten bis zu 16 Mbit/s: 75 GB

Tarife mit Geschwindigkeiten bis zu 50 Mbit/s: 200 GB
Tarife mit Geschwindigkeiten bis zu 100 Mbit/s: 300 GB
Tarife mit Geschwindigkeiten bis zu 200 Mbit/s: 400 GB

Kabel Deutschland, das in seinen Geschäftsbedingungen ebenfalls eine Volumenklausel hat, erklärte, dort greife eine Tempobremse bei 60 GB – pro Tag. In den Geschäftsbedingungen hält der große Telekonkonkurrent aber eine Grenze von 10 GB fest. Anwendungen wie Internetsurfen, Video-Streaming oder Video-on-Demand-Angebote sind auch bisher ausdrücklich ausgenommen.cÄnderungen der Geschäftsbedingungen seien derzeit nicht geplant.

Autor:
Lars Wienand
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