Archivierter Artikel vom 04.03.2014, 08:37 Uhr

Umsiedlung: Zwangsräumungen rufen Kritiker auf den Plan

Es sind nur noch wenige Tage bis zur Weltmeisterschaft in Brasilien. Doch zu den Protesten wegen der immensen Kosten des Fußball-Spektakels gesellt sich neuer Ärger. In Rio de Janeiro ist der Streit um Zwangsräumungen neu entbrannt.

Kritiker bemängeln die Art der Durchführung sowie die Motivation: „Man will den Touristen ein Rio de Janeiro zeigen, das nicht existiert – ein Rio de Janeiro ohne Armut“, sagte Renato Cosentino vom WM-kritischen Bündnis „Comitê Popular Rio Copa e Olimpiadas“. Nach Zahlen der Stadtverwaltung mussten zwischen 2009 und 2013 insgesamt 20 299 Familien ihr Zuhause räumen. Die Häuser standen in „informellen Gebieten“ in den Favelas der Stadt.

Die Räumungen würden vor allem rund um die touristisch interessanten Gebiete und die Austragungsorte von WM und Olympia erfolgen, betonte Cosentino. Die Sommerspiele gehen 2018 in der Stadt am Zuckerhut über die Bühne. Profiteure dieser Maßnahmen sind Immobilienunternehmen, beklagen Kritiker.

Entschädigungen gezahlt

Die Stadtverwaltung hält dagegen: Die Räumungen dienen dem Wohl der Bevölkerung. „Alle Familien, die städtische Wohnungen bekamen, leben jetzt in einer deutlich besseren Situation“, wies der städtische Beauftragte für Wohnungsbau, Pierre Batista, die Kritik zurück. Nach seinen Angaben zogen 9320 der enteigneten Familien in Sozialwohnungen um. Ein Viertel habe vorübergehend Miethilfe erhalten, in 30 Prozent der Fälle wurden Entschädigungen gezahlt.

Die meisten Umsiedlungen seien notwendig, da sich die Häuser in Risikogebieten wie Flussufern oder Berghängen befanden. „Die Umsiedlungen sind notwendig, um den Menschen würdigen Wohnraum zu schaffen“, sagte Batista. Das „Comitê Popular“ hält allerdings das Risikoargument oftmals für vorgeschoben. Die Wiederansiedlungen würden meist in unsichere Gebiete im Osten Rios erfolgen, weit entfernt von Stadtzentrum, Arbeitsplätzen und grundlegender Infrastruktur. Anwohner kritisieren den Umsiedlungsprozess als wenig transparent. Zudem sollen geringe Entschädigungszahlungen geleistet worden sein.

Auch die Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt die Kritik: „Wir sind nicht grundsätzlich gegen Räumungen, wenn sie notwendig sind. Aber im Prozess werden grundlegende Normen nicht befolgt“, bemängelte die Menschenrechtsbeauftragte Marilene de Paula.