Archivierter Artikel vom 17.01.2014, 06:46 Uhr

Studie: Wer Kinder hat, zahlt im bisherigen System drauf

Rund 200 Milliarden Euro gibt der Staat im weitesten Sinn pro Jahr für familienbezogene Leistungen aus – aber bei der Rente gibt es offensichtlich ein großes Defizit: Die Rentenversicherung benachteiligt nach einer neuen Studie der Bertelsmann- Stiftung Väter, Mütter und Kinder massiv – also jene, auf die das System besonders angewiesen ist, sagt Stiftungs- Vorstand Jörg Dräger.

Das Fazit der Studie lässt sich schlicht so umschreiben: „Wer Kinder hat, zahlt drauf.“ In welchem Ausmaß, hat der Autor der Analyse, der Berater der Bundesregierung Martin Werding, ermittelt: in sogenannten Projektionen, die weit in die Zukunft reichen. Danach wird ein heute 13-Jähriger im Laufe seines Lebens im Schnitt etwa 77 000 Euro mehr in die Rentenkasse einzahlen, als er später daraus erhalten wird.

Für Werding steht damit fest: „Das rentenfinanzierte Umlagesystem belastet Familien in besonderer Weise – und beengt damit die Spielräume, unter denen Kinder aufwachsen.“ Der Ökonom hat auch die ganz große Rechnung aufgemacht:

Wenn alle staatlichen Leistungen für Familien – von der Kita über die Schule bis zum Kindergeld oder die beitragsfreie Kranken-Mitversicherung für Kinder und nicht erwerbstätige Ehepartner oder Erziehungszeiten in der Rente – zusammengezählt und dann gegen die entrichteten Sozialbeiträge und Steuern aufgerechnet werden, übersteigen die Einzahlungen die im Gegenzug erhaltenen Geld- und Sachleistungen nach Werdings Studie immer noch um 50 500 Euro.

Für die Finanzierung der Rente gilt das Umlageprinzip: Was an Beiträgen reinkommt, wird an die gut 20 Millionen Ruheständler umgehend weitergereicht. Eine Vorsorge durch Ansparen ist nicht vorgesehen. Die aktuelle Rekordrücklage von 31 Milliarden Euro in der Rentenkasse dürfte schon in wenigen Jahren dahingeschmolzen sein. Dräger spricht von einem Demografie- und Gerechtigkeitsproblem: Um das System „demografiefest und familiengerecht“ zu machen, müsse es grundlegend reformiert werden – und zwar rechtzeitig.

Also in den nächsten 15 Jahren, bevor die geburtenstärksten Jahrgänge in Rente gehen. „Kinder sind – trotz der Vielzahl an familienpolitischen Leistungen – ein Armutsrisiko“, stellt die Bertelsmann- Stiftung fest. Um aus diesem Teufelskreis herauszukommen, wirbt sie für zwei Reformalternativen. Das eine Modell sieht vor, das Rentensystem um Kinderfreibeträge zu ergänzen.

Dadurch würden Eltern in der aktiven Familienphase weniger in die Rentenkasse einzahlen, ohne dass ihr Rentenanspruch geschmälert würde. Der Staat müsste diese Lücke dann mit Steuergeld füllen. Als zweite Variante propagiert die Studie ein Drei-Säulen-Modell aus Basisrente, Kinderrente und obligatorischer Sparrente. Unterm Strich wird es – bei stabilisiertem Rentenniveau – für alle teurer.

Die Alterslast könne aber gerechter verteilt werden – auch ohne die Arbeitgeber heranzuziehen.