Interview: Sprichst du Politik?

Finanzkrise, Gesundheitsreform, Energiewende – politische Themen sind komplex und kompliziert. Dennoch haben Jugendliche Interesse an Politik. Die Studie „Sprichst du Politik?“ der Friedrich- Ebert-Stiftung zeigt: 81 Prozent der Jugendlichen finden es wichtig, dass Menschen sich mit Politik auseinander setzen.

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Die Initiative „Junge Leser“ im Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) hat mit Kommunikationsexpertin Dr. Bettina Fackelmann gesprochen.

Frau Dr. Fackelmann, wie kann man Jugendliche für politische Themen interessieren?

Das ist eigentlich nur eine Frage des Aufhängers. Letztlich ist man dann ganz schnell bei Politik. Wenn man anfängt zu erklären, wie der Bundestag funktioniert, lockt man Jugendliche nicht hinter dem Ofen hervor. Der Trick ist, eine Brücke zu bauen.

Etwas zu finden, dass den Jugendlichen in seinem Wahlkreis interessiert, zum Beispiel in seiner Schule, und ihm dann zu erklären: Da ist jemand, der dich für das Thema Schule im Bundestag repräsentiert.

Wie kommt der denn eigentlich dahin? Das wäre eine andere Vorgehensweise, als von vornherein zu sagen, ich erkläre dir jetzt mal Politik.

Welche politischen Themen interessieren Jugendliche?

Es sind Themen, die mit den Lebenswelten der Jugendlichen zu tun haben. Wenn ich noch nicht arbeite und kein Geld verdiene, interessiere ich mich nicht für Steuerpolitik. Was mich überrascht hat, ist das Interesse an Themen wie Ökologie und dem Umgang mit Menschen aus anderen Ländern. Das ist bei den Jugendlichen sehr präsent, obwohl zum Beispiel Klimawandel ja eine relativ abstrakte Bedrohung ist.

Wie können Zeitungen politische Themen Jugendlichen verständlich vermitteln?

Das Wichtigste ist – das hat auch die Studie gezeigt –, eine verständliche Sprache zu finden. Wenn man als Fachjournalist in einer bestimmten Szene unterwegs ist, ist es nachvollziehbar, dass man die dort verwendete Sprache auch nutzt und verstehen muss. In der Studie taucht immer wieder das Wort Fachsprache auf, als ob sich die Jugendlichen verabredet hätten.

Und die stößt auf unglaublichen Widerstand bei jungen Menschen. Wenn in einem Text nur zwei oder drei Fachbegriffe auftauchen, ist kein Interesse mehr da weiterzulesen. Das bedeutet, man muss als Journalist den Mut haben, Dinge auch mal runterzubrechen, politische Statements zu scannen und danach zu schauen, was näher erklärt werden muss.Das ist meines Erachtens das Wichtigste.

Dadurch, dass die politische Welt sehr komplex ist und sehr schnell funktioniert, scheint auch häufig die Einordnung politischer Sachverhalte schwierig zu sein. Da beißt sich die Katze in den Schwanz, denn es gibt bei den Jugendlichen ein klares Bewusstsein dafür, dass sie zu wenig wissen, um kompetent mitreden zu können.

Deshalb wären sie dankbar, wenn ihnen Dinge noch einmal kurz und verständlich erklärt würden – zum Beispiel durch einen Kasten mit Hintergrundinformationen, optisch getrennt, damit man weiß, hier kann man noch mal etwas nachlesen. Man möchte ja als Leser nicht das Gefühl haben, dass man „Klein Doof“ ist.

Wie hat sich die Sprache der Jugendlichen durch Internet und Handy verändert?

Die Lesegewohnheiten der Jugendlichen sind natürlich stark vom Netz geprägt. Da ist die Sprache sehr viel kürzer und undifferenzierter. Das hat auch Auswirkungen auf Printprodukte. Mich hat in der Studie auch erschreckt, wenn einige Jugendliche berichten, dass sie beispielsweise ihre politischen Informationen über die Bildschirme beziehen, die in den Berliner U-Bahnstationen hängen.

Das ist niedrigstes Niveau. Im schlimmeren Fall reicht es als Information – das geht in der Welt ab. Im besseren Fall wird das als Anreiz genommen, noch mal nachzurecherchieren. Auch über die Internetseiten der Mail-Accounts informiert man sich politisch. Für mich ist das eine Art Yellow Press (Anm. d. Red.: Regenbogenpresse, auch Sensationspresse genannt), aber diese Informationshäppchen werden von Jugendlichen häufig genutzt.

Da bekommt man erst mal eine gewisse Anzahl von Häppchen und kann dann entscheiden, ob man das weiterverfolgt oder nicht. Diese kurzen Anrisstexte müssen also so relevant für die Jugendlichen sein, dass sie entscheiden weiterzulesen.

Warum haben aus Ihrer Sicht junge Menschen auch das Vertrauen in die Medien verloren?

Die Studie zeigt deutlich, dass es bei den Jugendlichen gegenüber den Medien eine große Skepsis gibt. Auf der einen Seite ist der Wunsch nach einer verständlicheren Übersetzung politischer Themen da, aber auch nach einer neutraleren Berichterstattung. Es gibt erschreckende Zahlen darüber, dass Jugendliche meinen, Politik und Medien würden eine verschworene Interessengemeinschaft darstellen.

Wenn man einen breiteren und tieferen Zugang zu Informationen ermöglichen würde, könnte man auch seine eigene Glaubwürdigkeit erhöhen. Journalisten stellen ja ihre Quellen häufig nicht offen dar, aber man sollte darüber nachdenken, beispielsweise weitere Recherchemöglichkeiten und Quellen anzugeben.

Außerdem wurde auch der Wunsch geäußert, kritischere Fragen zu stellen und unterschiedliche Meinungen darzustellen. Was ich aus der Studie vor allem gelernt habe ist, dass die Jugendlichen durchaus an Politik interessiert sind, aber ein extrem entwickeltes Misstrauen gegenüber all den Systemen haben, deren Mechanismen sie nicht verstehen. Und sie sind dankbar für alles, was ihnen hilft, politische Zusammenhänge schnell einzuordnen.

Dabei können konträre Meinungen, Hintergrundinformationen sowie die Erklärung von Fachbegriffen und Grafiken sehr hilfreich sein.

Gibt es Beispiele von Medien, die aus Sicht der Jugendlichen Politik besonders gut erklären?

„Spiegel Online“ und die Kindernachrichtensendung „Logo“ wurden immer wieder erwähnt. Das zeigt, wie zweischneidig das ist. Auf der einen Seite haben die Jugendlichen einen großen Respekt vor der Komplexität politischer Themen und deren Übersetzung, auf der anderen Seite wünschten sie sich eine Erklärung wie bei der „Sendung mit der Maus“ – wenn auch in dem Bewusstsein, dann unter Umständen nicht ernst genommen zu werden.

Es braucht in der Tat mehr Mut, von allen Beteiligten. Wie können Projekte beitragen, um das Verständnis für Politik zu verbessern? Was uns überrascht hat, ist der Wunsch der Jugendlichen nach einem früheren Politikunterricht in einer anderen Form. Zum Beispiel indem Politik in die Schule kommt, Klassen ins Bürgermeisteramt gehen oder Klassen sich beispielsweise am U 18- Projekt beteiligen.

Archivierter Artikel vom 20.08.2013, 07:00 Uhr