Archivierter Artikel vom 26.01.2015, 06:00 Uhr
Jerusalem

Interview mit Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums: Nazi-Jäger spüren Täter auf

Viele Verbrechen der Nazi-Zeit sind noch nicht aufgeklärt, die Schuldigen nicht verurteilt. Efraim Zuroff ist Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Israel. Im Interview spricht er über die Bemühungen, die letzten NS-Verbrecher auszumachen.

Efraim Zuroff, Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums, sagt: Gerichtsverfahren sind wichtig, auch wenn es zu keiner Verurteilung mehr kommt.
Efraim Zuroff, Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums, sagt: Gerichtsverfahren sind wichtig, auch wenn es zu keiner Verurteilung mehr kommt.
Foto: dpa

Das Wiesenthal-Zentrum veröffentlicht jedes Jahr eine Liste der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher. Auf wen konzentrieren Sie sich derzeit?

Unser wichtigstes Projekt ist es im Moment, Menschen zu finden, die in einem der Vernichtungslager gearbeitet haben oder in den Einsatzgruppen. Denn in diesen Fällen muss man nicht ein bestimmtes Verbrechen gegen einen bestimmten Menschen nachweisen. (Anm. d. Red.: Im Urteil gegen John Demjanjuk 2011 genügte seine nachweisliche Anwesenheit in einem Vernichtungslager für einen Schuldspruch.) Das macht eine Verurteilung sehr wahrscheinlich – wenn die Täter denn gefunden werden.

Wie stehen die Chancen, dass sie gefunden werden?

Wir kennen die Namen vieler Leute, die Teil der Einsatzgruppen waren. Ich habe die Namen an das Justiz- und das Innenministerium in Deutschland geschickt. Man sagte mir, sie seien an die Zentrale Stelle in Ludwigsburg weitergeleitet worden. Was darüber hinaus passiert, kann ich nicht beurteilen.

Die Ermittler in Ludwigsburg haben kürzlich zwölf Fälle an Staatsanwaltschaften übergeben. Es geht um ehemalige Aufseher im KZ Majdanek. Glauben Sie, dass diese Menschen verurteilt werden?

Das hängt im Wesentlichen von zwei Dingen ab. Erstens: Wie ist ihre Gesundheit? Sind sie prozessfähig? Und zweitens: Wie schnell eröffnen die Gerichte die Prozesse? Ein guter Staatsanwalt würde schnell Anklage erheben.

Und ein schlechter Staatsanwalt?

Niemand sagt öffentlich, dass er keine Nazis verurteilen will. Und Deutschland ist eines der wenigen Länder, in denen die Politik diese Prozesse nicht ablehnt. Trotzdem können Einzelne sie verschleppen. Die Gerichtsverfahren sind wichtig, auch wenn es zu keiner Verurteilung mehr kommen sollte. Auch ein Prozess ohne Urteil ist eine gute Geschichtsstunde.

Wie beurteilen Sie Deutschlands Arbeit bei der Verfolgung von NS-Verbrechern?

Ich schreibe gerade an dem aktuellen Jahresbericht und werde Deutschland die Note „sehr gut“ geben. Die Zuständigen haben Menschen gefunden, die sie zur Anklage bringen können, ihre Arbeit hat Ergebnisse hervorgebracht. Das ist mehr, als wir in den meisten anderen Ländern sehen.

Das Gespräch führte Alexandra Rojkov