Archivierter Artikel vom 21.11.2014, 06:00 Uhr
Berlin

Großmast ist besonders anfällig

Tonnenweise kommen in deutschen Mastbetrieben Antibiotika zum Einsatz. Die Tiere werden so zum idealen Wirt für multiresistente Keime. Zahlen und Fakten:

30.000 gestorbene Patienten tragen laut Recherchen von „Zeit“, „Zeit Online“ und „Correct!V“ multiresistente Keime in sich und sind möglicherweise auch daran gestorben.

30 Prozent der Antibiotikaverordnungen sind fragwürdig, ergab eine DAK-Analyse.

300.000.000 Tonnen Fleisch isst die Menschheit jährlich. Um den Bedarf zu decken, werden Tiere oft auf engstem Raum zusammengepfercht, das erhöht das Krankheits- und Infektionsrisiko – und so den Einsatz von Antibiotika.

70% aller Antibiotika in Deutschland werden in der Tierhaltung verbraucht.

2006 hat die EU leistungsfördernde Antibiotika in der Tierhaltung verboten. Abgenommen hat die eingesetzte Menge seitdem kaum.

1707 Tonnen antimikrobielle Substanzen – darunter Antibiotika – setzte Deutschland laut der neuesten Erhebung der EU im Jahr 2012 in der Tiermedizin ein und ist damit Spitzenreiter. Es folgen Spanien (1693 Tonnen) und Italien (1534 Tonnen), alle anderen Mitgliedstaaten setzten weniger als 1000 Tonnen ein. Der Trend ist leicht rückläufig. Allerdings kommen vermehrt höher konzentrierte Breitband-Antibiotika zum Einsatz.

92% der konventionell gehaltenen Schweine in Deutschland sind von MRSA befallen, bei ökologisch gehaltenen Tieren sind es 26 Prozent. Das ergab eine Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover. In den Niederlanden konnten Forscher bei 11 Prozent der untersuchten Tiere in ökologischen Betrieben MRSA nachweisen und bei 50 Prozent der konventionell gehaltenen Tiere.

1% Prozent aller Schweine in Deutschland wird laut Naturland Verband ökologisch gehalten. Das entspricht etwa 250.000 Tieren.

90% der Hühner in der Tiermast werden mit Antibiotika behandelt. Manche mit acht verschiedenen Mitteln – bei einer Lebenszeit von etwa 30 Tagen.

24% aller Menschen, die beruflich Kontakt mit Tieren haben, sind von MRSA-Keimen besiedelt, bei Menschen, die beruflich keinen Kontakt mit Tieren haben, sind es 1,5 Prozent.

2% Prozent der erfassten Infektionen können eindeutig dem LA-MRSA-Erreger zugeordnet werden. So heißt ein Keim, der vorwiegend in großen Mastanlagen nachgewiesen werden kann. Insgesamt nimmt die Zahl der MRSA-Erreger in der Landwirtschaft zu.

In den 90er-Jahren begann Dänemark, den Verbrauch von Antibiotika in der Landwirtschaft zu analysieren. In den Niederlanden vergleicht eine unabhängige Überwachungsbehörde den Antibiotikaverbrauch der Betriebe. Wer schlecht abschneidet, muss eine Strafe zahlen.

Seit 1. Juli 2014 müssen Betriebe in Deutschland, die Rinder, Schweine, Hühner und Puten zur Mast halten, systematisch erfassen, wie häufig ihre Tiere mit Antibiotika behandelt werden. So erhofft sich das Landwirtschaftsministerium, die Betriebe besser miteinander vergleichen zu können.

282 Proben (37,7 Prozent) waren 2012 nach dem Zoonose-Monitoring des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz (BVL), mit dem die Verbreitung von Krankheitserregern erfasst wird, die zwischen Mensch und Tier wechselseitig übertragbar sind, MRSA-positiv. 749 Proben frisches Putenfleisch aus dem Einzelhandel wurden untersucht. Beim Fleisch von Mastkälbern und Jungrindern waren 44 von 421 positiv (10,5 Prozent).

70 Grad. Ab dieser Temperatur werden Keime abgetötet. Kochen, Grillen oder Braten überleben die Keime in der Regel nicht. Übertragung von MRSA-Keimen durch Lebensmittel ist daher eher die Ausnahme. Doch Vorsicht bei der Zubereitung: Tiefe Temperaturen in Gefrierschrank und Kühlschrank überleben die Keime. Daher nach der Zubereitung stets die Hände waschen und getrenntes Geschirr benutzen.

obi