Archivierter Artikel vom 06.10.2014, 05:55 Uhr

Drohnenland – Ermittlungen in Europas nasser Zukunft

Eine gutangezogene Leiche auf einem aufgelassenen Acker, ständig Regen, in der Luft wimmelt es von Flugdrohnen und am Boden von anderen „Überwachungstierchen“. Der Roman von Tom Hillenbrand, einem Wirtschafts- und ehemaliger Spiegel Online-Journalist spielt wenige Jahrzehnte in der Zukunft – in einere düsteren, verregneten und überwachten Zukunft.

Drohnenland
Drohnenland
Foto: Kiwi

Das Klima in Europa hat sich gewandelt, große Teile Hollands sind überschwemmt, das wird beiläufig erzählt. In der Hauptsache ist es ein Kriminalroman: Europol-Kommissar Aart Westerhuizen erzählt uns, wie er zu bestangezogenen Leiche gerufen wird, die er jemals gesehen hat. Sie liegt auf einem aufgelassenen Acker westlich von Brüssel im europäischen Dauerregen. Durch den wimmeln schon die Titelgeber des Buches, Flugdrohnen, und andere Maschinen, die den Tatort „einspiegeln“.

Einspiegeln? Schon Seite Eins des Romans steigt voll ins Thema ein. Die Zukunftswelt ist totalüberwacht. Das „Drohnenland“ ist Europa, gespickt mit Überwachungskameras, Flugdrohnen und in großer Höhe mit der Superdrohne Panoptos, die gottgleich alles sieht, was unter freiem Himmel passiert.

Voraussagen mit fatalen Folgen

Nassgeregnet sind auch die „Specs“ des Kommissars, die Datenbrille, die am Internet hängt und alles aufzeichnen kann. Jeder, der es sich leisten kann, besitzt eine, aber die des Ermittlers steht auch mit dem beinahe allwissenden Europol-Computer Terry in Verbindung. Seine neueste Version ist ziemlich gut darin, menschliche Verhaltensmuster vorauszuberechnen, was ein bisschen an „Minority Report“ erinnert und für die vorausberechneten Subjekte ähnlich fatale Folge haben kann.

Aber das tollste, was der Superpolizeicomputer kann, ist es, „Spiegelungen“ herzustellen, präzise Simulationen der Wirklichkeit, die direkt ins menschliche Hirn übertragen werden. Die dafür nötige Datenflut liefern Kameras, Drohnen aller Art und der allgegenwärtige Mobilfunk. Krönung der technischen Entwicklung ist der „Mirrorspace“, der normalerweise dem machthungrigen EU-Geheimdienst vorbehalten ist. Doch weil der Ermordete ein bedeutender Abgeordneter des Europaparlaments war, darf ausnahmeweise auch Kriminalkommissar Westerhuizen die Spiegelwelt betreten. Wie ein Geist bewegt man sich dort durch eine Simulation der Realität und kann, genügend Daten vorausgesetzt, Gespräche belauschen und sich flugs von einem Ort zu anderen spiegeln lassen. Nur so, als digitales Gespenst, kommt Westerhuizen einer politischen Verschwörung auf die Spur.

Exzellent recherchiert und fesselnd geschrieben

Hillenbrands Zukunftswelt ist spektakulär, die Handlung beginnt als solider Krimi und endet in einer Utopie. Der Erzählstil in der Ich-Form malt in seiner schnoddrig-lakonischen Weise die Hauptfigur plastisch aus, bei den anderen Figuren gelingt das nicht ganz so gut. Hillenbrand hat exzellent recherchiert, greift viele heute schon sichtbare technische, gesellschaftliche und politische Trends auf und spinnt sie überzeugend, teilweise sogar höchst originell, weiter. Die daraus entstehende Szenerie ist schlüssig und beängstigend nah, das ist die zweitgrößte Stärke des Buches. Seine größte ist die atmosphärische Dichte: Man wünscht sich, Kommissar Westerhuizen noch länger durchs verregnete Brüssel begleiten zu dürfen. Eine Fortsetzung sei nicht ausgeschlossen, versichert der Autor in seinem Blog.

Jochen Magnus

[Taschenbuch 464 Seiten, Mitte Mai 2014 bei Kiwi erschienen , € 9,99, ISBN 978-3-462-04662-5]