Archivierter Artikel vom 07.07.2014, 07:00 Uhr

Chronologie: Was am 20. Juli 1944 geschah

Wie haben sich die Ereignisse des 20. Juli 1944 genau abgespielt? Was ist in den beiden Machtzentren Wolfschanze und Bendlerblock tatsächlich geschehen? Warum haben am Ende die regimetreuen Kräfte die Oberhand gewonnen – und nicht die Verschwörer in Berlin?

Die Bombe hat im Konferenzraum großen Schaden angerichtet – und doch das eigentliche Ziel verfehlt. Foto: dpa
Die Bombe hat im Konferenzraum großen Schaden angerichtet – und doch das eigentliche Ziel verfehlt.
Foto: dpa

Berlin, 20. Juli 1944, kurz nach 6 Uhr

Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg (Foto) fährt von seiner Berliner Wohnung zum Flugplatz Rangsdorf und fliegt von dort gegen 7 Uhr mit seinem Adjutanten, Oberleutnant Werner von Haeften, ins Führerhauptquartier „Wolfschanze“ bei Rastenburg in Ostpreußen.

10.15 Uhr, Flugplatz am Führerhauptquartier „Wolfschanze“

Von Stauffenberg und von Haeften fahren vom Flugplatz aus ins Führerhauptquartier.

Zwischen 11.30 und 12 Uhr, „Wolfschanze“

Oberst von Stauffenberg meldet sich beim Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, dem Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel.

12.30 Uhr, Berlin, Bendlerblock

Im Zentrum der Verschwörung treffen ein: Hauptmann Ulrich-Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld, Generaloberst Erich Hoepner, Polizeivizepräsident Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, Oberregierungsrat Peter Graf Yorck von Wartenburg, Eugen Gerstenmaier und Marineoberstabsrichter Berthold Schenk Graf von Stauffenberg.

12.30 Uhr, „Wolfschanze“

Von Stauffenberg und von Haeften begeben sich unter dem Vorwand, sich für die Lagebesprechung bei Hitler frisch machen zu wollen, ins Schlafzimmer von Keitels Adjutant, Major Ernst John von Freyend. Dort drückte von Stauffenberg mit einer kleinen Zange die Säureampulle des Zeitzünders der Bombe ein und verstaut den Ein-Kilo-Sprengsatz in seiner Aktentasche. Von Stauffenberg und von Haeften werden beim Scharfmachen des zweiten Sprengsatzes von Oberfeldwebel Werner Vogel gestört, der wegen der beginnenden Lagebesprechung zur Eile mahnt.

Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Foto: dpa
Claus Schenk Graf von Stauffenberg.
Foto: dpa

Deshalb muss das zweite Sprengstoffpaket von Oberleutnant von Haeften wieder mitgenommen werden. Unmittelbar danach legt von Stauffenberg die etwa 400 Meter zur Lagebaracke zu Fuß zurück. Vor Hitler soll von Stauffenberg über die Neuaufstellung von Ersatzformationen berichten. Er stellt seine Aktentasche in der Nähe Hitlers am rechten Tischsockel ab. Unter dem Vorwand, telefonieren zu müssen, verlässt er die Lagebaracke.

12.40 Uhr, „Wolfschanze“

Von Stauffenberg begibt sich zum Wehrmachtnachrichtenoffizier, Oberstleutnant Ludolf Gerhard Sander, und trifft dort auf den General der Nachrichtentruppe, Erich Fellgiebel, und Werner von Haeften.

12.42 Uhr, „Wolfschanze“

Die von Oberst von Stauffenberg gelegte Bombe explodiert schließlich wie geplant. Insgesamt 5 der 24 Personen in der Lagebaracke werden dadurch getötet, die übrigen verletzt. Auch Adolf Hitler kommt mit leichteren Verletzungen am Bein davon. Von Stauffenberg beobachtet die Explosion der Bombe aus einer Entfernung von etwa 200 Metern. Unter einem Vorwand fahren von Stauffenberg und von Haeften aus dem inneren Sicherheitsbereich der „Wolfschanze“.

Kurz vor 13 Uhr, „Wolfschanze“

Nachdem Alarm gegeben worden ist, wird von Stauffenberg an der Außenwache festgehalten. Erst nach einem Telefonat von Stauffenbergs mit der Kommandantur kann er die Wache passieren.

13 Uhr, „Wolfschanze“

General Fellgiebel verhängt eine Nachrichtensperre über das Führerhauptquartier. Über die Leitungen der SS hat er jedoch keine Verfügungsgewalt. Daher erfährt Reichspropagandaminister Goebbels kurz nach 13 Uhr in Berlin von dem Attentat, erhält aber keine näheren Angaben.

Das Attentat sollte seinem Leben ein Ende bereiten: Adolf Hitler. Doch er überlebte. Foto: dpa
Das Attentat sollte seinem Leben ein Ende bereiten: Adolf Hitler. Doch er überlebte.
Foto: dpa

13.15 Uhr, Flugplatz „Wolfschanze“

Die Maschine nach Berlin hebt mit von Stauffenberg und von Haeften an Bord sofort ab.

14 Uhr, Bendlerblock, Berlin

Oberst Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim beginnt auf eigene Initiative mit der Alarmierung der „Walküre“-Truppen in Krampnitz (Panzertruppenschule) und Döberitz (Infanterieschule).

14.45 und 15.15 Uhr, Berlin

Von Stauffenberg und von Haeften landen in Rangsdorf bei Berlin. Von Haeften gibt telefonisch die Nachricht vom angeblichen Tod Hitlers an die Verschwörer in der Bendlerstraße durch. Diese werden aktiver.

Zwischen 15.50 und 16 Uhr: Bendlerblock

Nun löst General Olbricht (Foto unten) den Alarm nach dem „Walküre“-Plan mit dem Stichwort „Deutschland“ aus.

16 Uhr, „Wolfschanze“

Die von Fellgiebel verhängte, wegen der freien SS-Leitungen ohnehin undichte Nachrichtensperre wird endgültig aufgehoben.

Zwischen 16.30 Uhr und 17 Uhr, Bendlerblock

Jetzt erst treffen von Stauffenberg und von Haeften in der Bendlerstraße ein. Als der Chef des Ersatzheeres, General Fromm, sich weigert, die „Walküre“-Befehle zu unterstützen, nehmen ihn die Verschwörer fest. Im Verlauf der kommenden Stunden werden von den Verschwörern verschiedene Truppenteile im Reich, aber auch im besetzten Ausland mit Erfolg alarmiert. Wegen der aufgehobenen Nachrichtensperre im Führerhauptquartier empfangen die Truppenteile aber sich widersprechende Befehle: einerseits die der Verschwörer aus der Bendlerstraße, andererseits die aus der „Wolfschanze“.

Bis 17.30 Uhr, Berlin

Die von den Verschwörern eingeleitete Alarmierung der außerhalb Berlins liegenden Truppen kann vollzogen werden. Eine Einheit aus Döberitz unter Führung von Major Friedrich Jacob besetzt das Funkhaus an der Masurenallee in Berlin-Charlottenburg, kann aber den regimetreuen Sendebetrieb nicht unterbrechen. Damit verbleibt dem NS-Regime die Möglichkeit, dem deutschen Volk schnell und direkt mitzuteilen, dass Hitler das Attentat überlebt hat.

Gegen 19 Uhr, Berlin

Der Kommandeur des Wachbataillons „Großdeutschland“, Major Otto Ernst Remer, meldet sich nach der Alarmierung seiner Einheit durch die Verschwörer bei Goebbels und wird von diesem telefonisch mit Hitler verbunden. Hitler befiehlt Remer, die Verschwörung sofort niederzuwerfen.

19.30 Uhr, Bendlerblock

Generalfeldmarschall von Witzleben (Foto unten rechts), der von den Verschwörern zum neuen Oberbefehlshaber der Wehrmacht vorgesehen ist, trifft in Uniform in der Bendlerstraße ein. Es erfolgt eine Aussprache mit Generaloberst Beck unter vier Augen. Bereits gegen 20.15 Uhr verlässt er die Bendlerstraße. Er hält den Umsturzversuch offenbar für gescheitert.

Nach 22.30 Uhr, Bendlerblock

Zur Klärung der Lage und zum „bewaffneten Gegenstoß“ gegen die Verschwörer sammelt sich eine Gruppe von Offizieren, die in die Pläne nicht eingeweiht waren.

22.50 Uhr, Bendlerblock

Der „bewaffnete Gegenstoß“ im Bendlerblock (Foto rechts) endet mit der Befreiung von Generaloberst Fromm. Dieser lässt die Verschwörer verhaften und verkündet ein „standgerichtliches Urteil“ wegen Hoch- und Landesverrat über Olbricht, von Stauffenberg, Mertz von Quirnheim und von Haeften.

Gegen 23.15 Uhr, Bendlerblock

Die vierte Kompanie des Wachbataillons „Großdeutschland“ besetzt den Bendlerblock.

Zwischen 23.15 und 23.45 Uhr, Bendlerblock

Generaloberst Beck erhält Gelegenheit zur Selbsttötung und wird nach Misslingen von einem Feldwebel „erlöst“.

Freitag, 21. Juli 1944, 0.15 bis 0.30 Uhr, Bendlerblock

Im Hof werden General der Infanterie Friedrich Olbricht, Oberleutnant Werner von Haeften, Oberst i.G. Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim und Oberst i.G. Claus Schenk Graf von Stauffenberg durch ein Sonderkommando von zehn Unteroffizieren unter der Führung von Leutnant Werner Schady exekutiert. Stauffenberg stirbt mit dem Ruf: „Es lebe das heilige Deutschland!“

Kurz vor 1 Uhr, Führerhauptquartier „Wolfschanze“

Adolf Hitler, Hermann Göring und Karl Dönitz sprechen im Rundfunk. Die Verschwörung im Berliner Bendlerblock ist damit endgültig gescheitert. In Paris, Prag und Wien kommt es unterdessen am 20. Juli 1944 zu erheblichen Aktivitäten von Mitverschwörern. In der französischen Hauptstadt beispielsweise befinden sich am Abend dieses Tages rund 1200 Mann von SS- und Polizeiverbänden im Gewahrsam des Heeres. Nach dem Zusammenbruch des Staatsstreichs müssen sie freigelassen werden.

Die Chronik der Ereignisse entstand mit freundlicher Unterstützung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam. Ausführlichere Informationen zu diesem Thema wurden in der folgender Publikation veröffentlicht Dr. Thomas Vogel (Herausgeber): Aufstand des Gewissens – Militärischer Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime 1933 bis 1945, Hamburg, Berlin, Bonn 2000. Quelle: Bundesministerium der Verteidigung